Radar

Rein Wolfs

Rein Wolfs über Klara Lidén
Klara Lidén: "Never come back", 2009 (Foto: Nils Klinger)

REIN WOLFS ÜBER KLARA LIDÉN

In unserer Serie "Radar" stellen Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker ihre aktuellen Lieblingskünstler vor. Diesmal: Rein Wolfs, künstlerischer Leiter der Kunsthalle Fridericianum in Kassel, über die schwedische Künstlerin Klara Lidén.
// REIN WOLFS, KASSEL

Nicht nur weil Rebellion es vermag zu verführen, sondern auch weil die formalen Grenzen präzise gesteckt werden; nicht nur weil die "condition humaine" in spielerischer Abgründigkeit herunter stilisiert wird, sondern auch weil minimalistische Werte wie Reduktion, Serialität und Modularität gezielt verwendet werden; nicht nur weil kämpferische Rauheit manifest wird… Es gibt viele Gründe, wieso ich die Frage nach meinem "aktuellen Lieblingskünstler" eher auf paradoxe Weise begründen will.

Das Oeuvre der Schwedin Klara Lidén (1979) wird nämlich von (scheinbaren) Gegensätzlichkeiten durchzogen. In der Heideggerschen Theorie, laut der sich im gelungenen Kunstwerk Welt und Erde überlappen oder zumindest sehr nahe kommen, würde Lidéns Werk wohl eher geringe Chancen auf eine Auszeichnung erhalten.

Nun ist Klara Lidén für eine Rubrik wie diese vielleicht nicht die absolute Überraschung und sicher nicht die Neuentdeckung, die erst gefunden sein will. Während ich dies schreibe, flattert die Neuigkeit herein, dass sie für den Preis "blauorange 2010" nominiert worden ist. Zudem war sie schon an Biennalen (Berlin, Sydney und Venedig) und mit einer Projektausstellung im New Yorker MoMA vertreten. Vor etwas mehr als einem Jahr zeigte sie ihre Ausstellung "Never come back" in der Kasseler Kunsthalle Fridericianum – in der ich nicht ganz zufällig zu Hause bin; vor kurzem war ihr Werk in der Kunsthalle Zürich ausgestellt. Wahrlich nicht das Ausstellungsverzeichnis einer Anfängerin. Während eines Kuratorensymposiums im Rotterdamer Witte de With wurde 2009 übrigens ziemlich heftig über die Frage diskutiert, wie eine Künstlerin – sprich: Lidén - sehr kurz aufeinander folgend in der Lower East Side bei Reena Spaulings Fine Art und dann Uptown im Museum of Modern Art zu bewundern sein kann.

Minimalistische Gestaltung kreiert maximale Atmosphäre

Für mich liegt das Geheimnis der Kraft von Lidéns Werken im Spannungsfeld zwischen einer erbarmungslosen und direkten Menschlichkeit einerseits und einer kontrollierten und reduzierten Formensprache andererseits. Diese Kraft wurde für mich in jenem Prozess manifest, der der Konzeptfindung ihrer Kasseler Ausstellung vorausging sowie aber auch in der vertrauenswürdigen und konzentrierten, aber eher kommunikationsarmen partnerschaftlichen Arbeitsweise zwischen Künstlerin und Kurator. Lidén verbrachte im Vorfeld drei bis vier Wochen im winterlichen Kassel, fast täglich Zeugin der aufwändigen Abbauarbeiten der Ausstellung "Deutsche Grammatik" des Schweizer Künstlers Christoph Büchel. Mit akribischem Spürsinn für den Genius loci schaffte sie es gleich im Anschluss unscheinbare Reste und räumliche Schäden der musealen Überwucherung Büchels für ihre eigenen räumlichen Eingriffe nutzbar zu machen. Mit einer minimalistisch anmutenden Gestaltung schwerer Materialien kreierte sie maximale Atmosphäre, melancholische Endzeitstimmung und mentale Beklemmung.

Ein Erfahrungsraum der Extraklasse war das Ergebnis, ergänzt durch eine 2-Kanal-Videoarbeit auf zwei Monitoren, die als Abschluss ihres nordhessischen Aufenthalts erstaunlicherweise nicht am Ufer der Kasseler Fulda, sondern des Frankfurter Mains gedreht wurde. Die Künstlerin zeigt sich selber im Morgengrauen, wie sie Steine, Treibholz und andere nutzlose Objekte in den Fluss wirft und ruft mit dieser Geste selbstbewusste Gefühle der Ernüchterung, des Nihilismus und der Sinnlosigkeit hervor. Dabei tritt die Frankfurter Skyline als Zeitzeuge langsam aus der nächtlichen Dunkelheit in Erscheinung. Nostalgische Langeweile keeps very much awake!

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