Radar

Evelyn Pschak

Evelyn Pschak über Angelika Trojnarski
Angelika Trojnarski: "Summerhouse III", 2009 (Courtesy Tanja Wagner Galerie, Berlin)

EVELYN PSCHAK ÜBER ANGELIKA TROJNARSKI

In unserer Serie "Radar" stellen Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker ihre aktuellen Lieblingskünstler vor. Diesmal: Evelyn Pschak über die polnische Malerin Angelika Trojnarski.

Es ist schwierig, im Frühling über Angelika J. Trojnarski zu schreiben. Ihre Malerei kündet von zersetzenden Kräften, vom Pittoresken der Trümmer und beschwört die erodierte Würde alles Zeitlichen so untrüglich, dass man jungen Knospen das Wachsen nicht mehr glaubt. Überhaupt ist zartgrün auf der Palette der 31-jährigen Künstlerin nicht existent.

Dennoch obliegt mir die schöne Aufgabe, just im Wonnemonat über sie zu berichten, habe ich diese Schülerin von Markus Lüpertz und Herbert Brandl doch in eine Ausstellung mit hineinjurieren dürfen, die im Mai beginnt und Münchner wie Düsseldorfer Akademiestudenten zu einem so komparatistischen wie hoffentlich befruchtenden Gegenüber vereint.

Alles atmet Vergangenheit

"Ich male keine Menschen sondern deren Überreste", resümiert Angelika Trojnarski ihre Vanitas-Motivik. Die findet sie in Geisterstädten, wie der ehemaligen Goldgräbersiedlung Bodie östlich von San Francisco, im September 2009 von der Künstlerin besucht, aber auch auf den verwahrlosten Rummelplätzen ihrer Serie "Skeleton Park": Der Spreepark im berlinischen Plänterwald, dessen Betreiber ins Kreuzfeuer der peruanischen Drogenmafia geriet oder der 1986 nur fast eingeweihte Vergnügungspark in der Ukraine, dem die Tschernobyl-Katastrophe zuvor kam. Da steht noch ein verwittertes Karussell, das sich nicht nur unter Rost auflöst, sondern auch im seltsam suspendierten Zustand des Malerischen. Als sei das Bild selbst schon so verrottend wie sein Sujet. Auch die klapprigen Windräder des Spreeparks künden von der Fähigkeit der Künstlerin, brüchige Konstrukte detailgetreu nachzuziehen – und gleichzeitig aufzulösen, entsprechend der vagen Genauigkeit eines Traums. Die tristen Holzhütten Bodies sind heimgesucht von irrlichternden Farbwirbeln in Beige- und Blautönen. Auch hier gelingt Trojnarski die Überwindung der Gegensätze von luftig zitternder Haltlosigkeit der in sich stürzenden Bauelemente und tonaler, farbgetränkter Erdenschwere. Noch aus den übereinanderliegenden Farbschichten drängt Erinnerung, platzt aus dem Putz der gemalten Gebäude, aus den frei gelassenen Stellen der Leinwand. Durch permeable Löchrigkeit atmet alles Vergangenheit. Und die beweist uns ihr Kontinuum noch im Verfall.

"Die Schönheit im Imperfekten"

Wer Angelika Trojnarskis Atelier in der Düsseldorfer Kunstakademie besucht, entdeckt neben den Ölbildern auch kleine, gebastelte Modellhütten aus Holzpellets, die sich in den Geisterstädten wiederfinden. Die Dächerritzen geben den Blick nach innen frei, das gebrauchte Holz, auf der Düsseldorfer Halde hydraulisch gepresst, zeigt noch Spuren verwitterter Farbe, blau oder gräulich. Das kommt der Künstlerin sehr entgegen: "Ich bin kein Fan von lauten Farben, meine Palette ist immer mit Grau abgemischt." Dennoch wirken ihre Bilder nie stumpf oder fahl. Licht flackert durch die Ritzen, erhellt die Architekturen und Artefakte – oder das, was noch davon übrig ist – bricht sich wie durch Wolken und verleiht den aus opaker Dichte tretenden Strukturen silbrigen Schein. "Ich mag keine glatten Flächen, sondern die Schönheit im Imperfekten". erläutert die Künstlerin dezidiert. Mühelos gelingt ihr die Überhöhung des Kaputten, des Morschen und Vergessenen. Und entwickelt aus ihnen eine so bizarre Schönheit, dass man darüber fast den Frühling vergessen könnte.

"X-Change MUC - DUS"

Termin: 5. Mai bis zum 16. Mai, WHITE BOX, München. Öffnungszeiten: Mo - Fr 17 - 21 Uhr / Sa u. So 14 - 20 Uhr. Ausstellung mit Arbeiten von Münchner und Düsseldorfer Studenten.

http://www.whitebox-ev.de

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo