Heinz Emigholz

Berlin



DIE ANGST DER GIRAFFE VOR IHRER ENTHAUPTUNG

Als Experimental- und Dokumentarfilmer hat sich Heinz Emigholz international einen Namen gemacht. Der Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – in Berlin zeigt nun in einer großartigen Ausstellung die surreal-humorvollen Zeichnungen, die Emigholz seit 1974 produziert
// KITO NEDO

Es war ein blanker Totenkopf, der den Künstler Heinz Emigholz 1975 zum Titel seines grafischen Lebensprojekts inspirierte: „The Basis of Make-Up“ stand unter einer ganzseitigen Schädelfotografie in einem Handbuch für Make-up-Techniken aus den dreißiger Jahren, das Emigholz in einem Charity-Shop in San Diego in die Hände gefallen war. Eine großartige Ausstellung gleichen Titels dokumentiert nun im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – in Berlin den letzten Produktionsstand des nach wie vor unabgeschlossenen Werkzyklus, der mittlerweile auf etwa 700 Blätter angeschwollen ist.

In fünfreihigen Formationen gehängt, bedecken die strengen Schwarzweiß-Zeichnungen im Standardformat 54 mal 64 Zentimeter die langen Seitenwände des schlauchförmigen Ausstellungsraums fast vollständig. Rein formal ähneln sie Info- oder Pop-Grafiken, wie man sie aus Lexika und Magazinen kennt: Mit klarem Strich werden Figuren, Gegenstände, Landschaften und Architekturen auf ihre wesentlichen Charakteristika reduziert, um dann zu surrealen, traumartigen Kombinationen verschmolzen zu werden. Man kann sie noch so lange ansehen: Die Zeichnungen des 1948 in Achim bei Bremen geborenen Künstlers folgen ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und bleiben erratisch. Ein unterkühlter Humor durchzieht die gezeichneten Geschichten, in denen Soldaten durch eine Hotellobby robben, Cracker mit schwerem Baugerät zerkrümelt werden oder Giraffen aus Schiebefenstern schauen, als hörten sie bereits das Zischen der Guillotine.

Deutlich spricht der Künstler dabei der Aura des Handgemachten sein Misstrauen aus – handelt es sich bei den Zeichnungen doch streng genommen um Fotodrucke auf Spezialpapier. Nicht von ungefähr hat sich Emigholz, der seit 1993 eine Professur für Experimentelle Filmgestaltung an der Berliner Universität der Künste inne hat, vor allem als Experimental- und Dokumentarfilmer international einen Namen gemacht. Besonders sprechend ist daher die in der Ausstellung gezeigte Projektion in Spielfilmlänge, in der wie von Geisterhand Notiz- und Skizzenbücher durchgeblättert werden, die Emigholz um Zeitungsausschnitte, Kinobillets und anderes zeitgeschichtliches Material ergänzt. Hier wird deutlich, wie sehr die Zeichnungen einer Verquickung von persönlicher Medienchronik, Lebens- und Arbeitsjournal entspringen: ein nimmermüder Zugriff auf die Gegenwart, aus dem ein wunderbar zeitgenössisches, anspielungsreiches Werk erwächst.

"Heinz Emigholz: Die Basis des Make-Up"

Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart, Berlin: bis 24. Februar 2008.

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