Romuald Hazoumé

Documenta 12

Die Masken des Zorns
Das Sklavenschiff im British Museum: Romuald Hazoumés "La Bouche du Roi" (2007). (Foto: Benedict Johnson. VG Bild-Kunst, Bonn 2007)

DIE MASKEN DES ZORNS

Sein Lieblingsmaterial sind alte Benzinkanister aus Plastik: Aus ihnen baut Romuald Hazoumé Skulpturen voller Symbolkraft, archaischer Wucht und Poesie – jetzt auf der Documenta 12
// HANS PIETSCH

Dicht an dicht sind die Benzinkanister auf dem Boden angeordnet. 304 Stück bilden den Umriss eines Schiffs. Die zusammengepferchten Plastikbehälter sehen aus wie afrikanische Mas­ken, mit verschieden geformten Mündern und Nasen. Jede ein Individuum. Auf ihnen platzierte Kultgegenstän- de weisen ihre Religionszugehörigkeit aus. Hier werden Menschen unter un­mensch­lichen Bedingungen transportiert, sagt Romuald Hazoumés Installation „La Bouche du Roi“.

„Sie wussten nicht, wohin sie gebracht wurden, doch sie wussten, woher sie gekommen waren“, erklärt der afrikanische Künstler, der auch für die Documenta eine große Schiffs­in­stal­la­tion plant. „Heute wissen sie noch immer nicht, wohin es geht, und sie ha­­ben vergessen, woher sie kommen.“ Mit „sie“ meint Hazoumé die Millionen von Schwarzafrikanern, die mehr als 300 Jahre lang als Sklaven nach Amerika und in die Karibik verschifft wurden, aber auch die heutigen Afrikaner, „die ihr ganzes Leben lang für reiche Bosse arbeiten, die sie ohne Rücksicht auf ihre Menschenwürde benutzen, und sie dann wegwerfen, wie Abfall“.

Romuald Hazoumé wurde 1962 in Porto Novo in der westafrikani­schen Republik Benin geboren. Mit „La Bouche du Roi“ („Der Mund des Königs“) hat der Künstler alten und neuen Sklaven ein Denkmal gesetzt. Der Titel bezieht sich auf die Mündung (auf Französisch embouchure) des Flusses Couffo, von wo aus Sklavenschiffe ihre menschliche Fracht über den Atlantik transportierten. Die Installation besteht aus verschiedenen Elementen, jedes mit seiner eigenen Bedeutung. Die kleineren Masken stellen Frauen und Kinder dar, die zerbrochenen Gefäße stehen für die während der Überfahrt Gestorbenen, und die schmaleren sollen bewusst machen, wie eng aneinandergepfercht die Menschen lagen. Die gelbe Maske am Heck des Schiffs symbolisiert die dem Land von Frankreich aufgezwungenen weißen Herrscher, die schwarze Maske steht für den mit den Sklavenhändlern kooperieren-den schwarzen König. Die Waag­scha-le symbolisiert das Gleichgewicht der Schuld der weißen Händler und der schwarzen Elite des Landes, das Gewehr bedeutet Unterdrückung. Geweh­re wurden, ebenso wie Tabak, Alkohol, Spiegel, Perlen und Stoffe, auch als Ware gegen Menschen eingetauscht.

Bedeutung und Verwendungszweck der Kanister wird durch einen Film klar, der auf einem Monitor an der Wand läuft. Sie werden von jungen Männern für den gefährlichen Schwarzhandel von Benzin zwischen Nigeria und Benin verwendet. Auf Mo­torrädern pendeln sie mit den an ihre Körper geschnallten Kanistern über die Grenze. Um mehr Benzin transportieren zu können, blasen sie die Be­hälter über offenem Feuer auf. Durch die Vergrößerung werden ihre Wände so dünn, dass das Benzin in der Hitze nicht selten explodiert und die Schmuggler in die Luft jagt. Hazoumés Skulptur „Roulette Beninoise“ (2003/04) stellt ein Schmugglermotorrad dar, vollbepackt mit Kanistern.

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