Artur Zmijewski
Documenta 12
POSIEREN MIT HANDICAP
Acht nackte Frauen und Männer spielen Fangen. Der Kellerraum ist kalt und trist, doch die erste Verlegenheit schwindet schnell, die Erwachsenen zwischen 40 und 70 rennen, lachen und rufen sich, das Spiel erhält eine erotische Note. Plötzlich wechselt der Raum. Verfärbungen an den Wänden erzählen vom Gift, das hier versprüht wurde. Die Männer und Frauen jagen jetzt in einer ehemaligen Gaskammer hinter einander her. Ihre Fröhlichkeit und Erregung sind dieselben, nur passen sie nicht zu dem Ort, an dem die Nationalsozialisten auf grausame Weise Menschen ermordet haben. Zu der Todesangst und Panik in den engen Gaskammern lässt sich wohl kein größerer Gegensatz vorstellen als die heiter animierten Erwachsenen. Harmlosigkeit und Entsetzen sind nur durch einen Filmschnitt voneinander getrennt, Unschuld und Grauen treffen hart aufeinander.
Die Konfrontation hat Artur Zmijewski viel Kritik eingetragen. Von Respektlosigkeit und Zynismus gegenüber den Toten war die Rede. Die Leitung der Gedenkstätte, die das ehemalige Konzentrationslager heute betreut, untersagte dem 1966 in Warschau geborenen Künstler, den Namen des Ortes zu nennen, weil sie einen solchen Umgang mit Geschichte ablehnte. „Wenn sie gewusst hätten, was ich vorhabe, hätte ich schon gar keine Erlaubnis bekommen, in der Gaskammer zu filmen“, sagt er selbst. Er weiß nur zu gut, dass es alles andere als „politically correct“ ist, wenn ein Ort der Massenvernichtung zur Theaterkulisse für die Kunst gemacht wird, und wehrt sich dennoch gegen die Vorwürfe: „Mit der konventionellen Art des Gedenkens halten sich viele die Erinnerung vom Leib. Da ist die Vergangenheit doch nur erstarrt. Ich wollte der Geschichte dagegen näher kommen, hingehen, sie berühren, die Situation noch einmal aufleben lassen.“
Nun wird Zmijewskis Gaskammerfilm mit dem harmlosen Titel „Fangen“ (1999) auf der Documenta gezeigt. Anstoß zu der ungewöhnlichen Aneignung gaben zwei Besuche in Auschwitz. Als junger Aushilfslehrer betreute er eine Gruppe von zehn- bis 13-jährigen Schülern bei einem Sommerausflug in das Konzentrationslager. Er selbst war vom Ort und von den Bildern und Texten, die er dort sah, schockiert. Die Jungen dagegen rannten in den Todeszellen herum, machten Witze und lachten. Sie verstanden gar nicht, wo sie waren, und reagierten wie Kinder, die keine Lust hatten, sich durch ihren Lehrer den Spaß verderben zu lassen. Bei einem zweiten Besuch sah der Künstler Schülerinnen aus Israel, die in den Gaskammern voneinander Fotos machten. Der Ort des Schreckens, an dem so viele ihres Volkes umgekommen waren, war für die jungen Frauen zu einem Touristenziel geworden, von dem man Fototrophäen nach Hause mitbringt wie vom Eiffelturm.


