Kunst im öffentlichen Raum

Essay

Wo das Leben tobt
Nasan Tur: "Backpacks", 2006-2008, Demonstrations-Rucksack bei der Frankfurter Ausstellung "Playing the City" (Courtesy Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2009, Fotos: Bernd Kammerer)
WO DAS LEBEN TOBT
Ob absurde Stadtrundgänge, Gesänge zu Kirchenglocken oder Videos auf Häuserfassaden – eine neue Künstlergeneration spielt mit dem, was der urbane Raum bietet. Doch hinter dem bunten Treiben steckt mehr als nur ein Spiel: Es geht um das Moment der Freiheit im stark strukturierten, kontrollierten und überwachten Raum.
// SANJA BRANDT, FRANKFURT

Alles fing mit den Reiterstandbildern an: Oft stehen sie seit mehr als hundert Jahren monumental auf ihren Sockeln. In Herrschermanier thronen sie über den Köpfen der Betrachter – stolz, mit erhobenem Haupt, die Zügel ihres Pferdes fest in der Hand. Diese Ikonen sind für die Ewigkeit gemacht.

Der Gedanke, eine Kunst für jedermann zu schaffen, ist alt. Sollten einst die Denkmäler von den Großtaten der dargestellten Personen berichten, so ist der informative Charakter der Kunst im öffentlichen Raum dem Aspekt der Zeitlichkeit gewichen. Heute machen Künstler die Stadt zur Bühne. Sie erobern den städtischen Raum, hinterlassen überall ihre Spuren. Sie spielen mit dem was sich anbietet: singen Lieder synchron zu läutenden Kirchenglocken, errichten verlassene Cafes, projizieren Videos auf Häuserfassaden oder führen absurde Stadtrundgänge. In der letzten Zeit gab es eine rege Auseinandersetzung mit der Bespielung der Stadt: Das Hamburger Theater Kampnagel veranstaltete ein interdisziplinäres Symposium, die Schirnkunsthalle Frankfurt organisierte eine große Ausstellung im Freien, und immer mehr Künstler nehmen sich in ihren Arbeiten der Stadt an.

Kunst im öffentlichen Raum ist vielfältig und dynamisch, im Laufe des letzten Jahrhunderts hat sich diese Kunstform verändert und entwickelt. Nach dem Aufgriff des antiken Vorbilds der Reiterstandbilder kamen ab den fünfziger Jahren die ersten Plastiken in die Städte. Der Höhepunkt dieser Bewegung wurde mit der Diskussion um die Nanas von Niki de Saint-Phalle in den siebziger Jahren in Hannover erreicht. Doch nicht nur das Aufstellen von Statuen ist unter dem Begriff Kunst im öffentlichen Raum zu verstehen, es sind vor allem auch Formen, die konkret in bestehende Materialien der Stadt eingreifen und meist aus dem legalen Rahmen ausbrechen, bereits seit den siebziger Jahren bekannt. So intervenierte der US-amerikansche Konzeptkünstler Gordon Matta-Clark in den siebziger Jahren in Architektur, indem er leer stehende Häuser spaltete und ganze Teile von Mauern heraussägte, sein Eingreifen in das Bestehende war seine Reaktion auf konservative Architektur, die dem Experiment kaum Raum gegeben hatte. Modernere Formen des Eingreifens in die Stadt sind weitläufig unter dem Namen Street Art bekannt. Gemeint ist hiermit meist das Sprayen, Malen oder Plakatieren, aber auch das Aufstellen von Figuren an den Leinwänden der Stadt, wie Fassaden, Ampeln, Telefonzellen oder Bänken.

Doch das momentane Hauptinteresse der künstlerischen Interventionen scheint nicht mehr das Agieren mit bestehenden Materialien zu sein und Spuren durch konkrete Veränderungen hinterlassen zu wollen. Vielmehr wird die Stadt als Gesamtraum bespielt, die Permanenz weicht der Temporalität. Das starre Verhältnis zwischen Objekt und Betrachter ist aufgehoben. Als Vorreiter dieser aktuellen Projekte können die kurzlebigen Kunstformen gesehen werden, die aus der dadaistischen Bewegung und der frühen Avantgarde entsprungen sind, wie der Fluxus und das Happening.

Diese Kunst reagiert auf das Leben, wo es passiert

"Wenn man Menschen dazu bringt, an Kunst mitzumachen, dann kann das in einer Freiheit münden, die zumindest als Horizont beziehungsweise als Möglichkeitssinn vorhanden ist", erzählt Matthias Ullrich, Kurator der Schirnkunsthalle in Frankfurt. Dieser Mann mit intellektuellem Auftreten – Vollbart, Hornbrille, schwarzes Hemd unter schwarzem Samtsakko und Turnschuhe – muss es wissen. Ulrich hat letztes Jahr die groß angelegte Ausstellung "Playing the City" kuratiert, die zwei Wochen lang das Frankfurter Stadtgeschehen in künstlerische Aktivitäten involvierte. Den Takt der Stadt verändern, in Rhythmen eingreifen, private Handlungen offen legen, mit Irritation spielen, Absurditäten des Lebens aufzeigen – das sind Themen, für die sich die Künstler, die sich mit der Bespielung der Stadt beschäftigen, interessieren.

So auch das in Frankfurt ansässige Künstlerduo Wiebke Grösch und Frank Metzger: Es ist laut, alles scheint im gewohnten Rhythmus zu passieren. Stimmgewirr, schnelle und langsame Schritte, Musik aus verschiedenen Richtungen, Autolärm, Straßenbahngeräusche: Der Takt der Großstadt ist spürbar. Viel Beachtung bekommen die Männer in den neongelben Westen nicht, die mit einem Stapel Zeitungen im Arm an den Verkehrskreuzungen entlang schlendern. Der Anblick dieser Verkäufer ist zu gewohnt, immerhin werden tagtäglich tausende Zeitungen auf diese Weise an die Konsumenten gebracht. Sie gehören genauso zu dem Stadtbild, wie die symbolträchtigen Wirtschaftstower. Auch der Umstand, dass die Verkäufer heute die aktuelle Zeitung aus Sri Lanka anbieten und ihre Westen die Aufschrift "News from Home" ziert, scheint niemanden aufzufallen. "Dieses spezielle Bild der Zeitungsverkäufer aufzugreifen und zu adaptieren, um die prekären Arbeitsbedingungen zu thematisieren und auf dezente Weise den Job noch sinnloser zu machen: Da steht jemand, dessen Zeitung ich nicht lesen kann", darum ging es Wiebke Grösch und Frank Metzger in ihrem Projekt, das ebenfalls ein Part der Schirnausstellung war. Sie wollten "die Verbindungen herstellen, wo Leute herkommen, und das aktuelle Weltwissen in gedruckter Form zusammen bringen."

"Botschaften subtil bemerkbar machen"

Diese Kunst reagiert dort auf das Leben, wo es passiert: auf der Straße. Doch kann Kunst eine moralische Institution darstellen? Die Schweizer Künstlerin Clarina Bezzola, die bei dem diesjährigen "Playing the City II" (September 2010) ein Projekt mit einbringen wird, hat diese Frage in einer ihrer früheren Performances aufgegriffen. "Judgement Day" beruht auf dem permanenten Drang vieler Menschen über alles zu urteilen. Bezzola hat eine Frau, ausgestattet mit zwei riesigen großen Fingern in Art von Boxerhandschuhen, einen Tag lang durch eine Stadt laufen lassen, um alles zu kommentieren was ihr begegnet, und sie dabei gefilmt. Hiermit stellt sie die Kunst als moralische Institution in doppelter Hinsicht in Frage: zum einen durch den künstlerischen Rahmen, indem sie in das Alltagsgeschehen interveniert und die Zuschauerrolle dadurch auflöst, dass das Kunstwerk als solches erst durch die zufällige Begegnung und die Reaktion der Passanten stattfindet. Zum anderen durch die inhaltliche Ebene des symbolischen Charakters der moralischen Zeigefinger, welche die Strukturen unser Gesellschaft in Frage stellen.

Die Zufälligkeit der Begegnung des Künstlers mit dem Publikum und die Zeit in der sie stattfindet sind wichtige Elemente zur Realisierung der Stadtperformances. Die Wirkung beim Betrachter kann man nicht immer einschätzen. Grösch und Metzger wissen, dass "Botschaften sich subtil bemerkbar machen". Ulrich sieht die mögliche nachhaltige Wirkung ähnlich: "Kunst im öffentlichen Raum kann andere Atmosphären schaffen, die gewohnten Kleinigkeiten des Alltags umstellen und Ideen weiter tragen. Es sind die sozialen Kräfte, die bei den Interventionen das Verständnis der Themen auslösen."

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1 Leserkommentar vorhanden

artflaneur

13:27

03 / 03 / 10 // 

Politische Kunst im öffentlichen Raum

Im Februar 2009 nahm der Hamburger Künstler Baldur Burwitz einen iliegalen Gipsabguss vom Bullen vor der Frankfurter Börse ab und liess diesen im Rahmen der Ausstellung "Cash Flow" in der Galerie White Trash Contemporary, die sich mit der herrschenden Krisensituation auseinandersetzte, auf e-Bay versteigern. Diese Aktion erzielte enorme Öffentlichkeit und zeigt die Möglichkeiten von Kunst, politisch-gesellschaftliche Missstände im urbanen Raum zu analysieren und dabei sogar noch Geld zu verdienen!