Transmediale 2010

Berlin

Was gestern noch Zukunft war
Yvette Mattern: "Global Rainbow: From one to Many" (© Jonathan Gröger 2010)

WAS GESTERN NOCH ZUKUNFT WAR

Retroästhetik, nostalgische Momente und fast vergessene Medien – die diesjährige Transmediale steht ganz unter dem Motto der Zeit und der Qualität des Zukünftigen. Dabei wird fünf Tage lang überprüft, was gestern als Zukunft galt und heute schon Alltag ist.
// KITO NEDO, BERLIN

Einen hellseherischen, ja prophetischen Aspekt hatte die Transmediale, das Berliner Medienkunstfestival, schon immer. Im letzten Jahr lautete das Motto "Deep North". Trotzdem war es für alle Beteiligten – mehrere hundert Medienkünstler, Aktivisten, Kulturtheoretiker, Musiker, Hacker und Programmierer – einigermaßen überraschend, dass sie sich anlässlich der gestrigen Eröffnung des 23. Durchgangs tatsächlich inmitten eines heftigen Schneesturms wiederfinden würden.

Gemeinsam mit dem schon einige Tage früher gestarteten Schwesterfestival "club transmediale" hatte man den amerikanischen Performancekünstler Charlemagne Palestine eingeladen, zur Feier des Ereignisses den nicht weit vom Transmediale-Austragungsort Haus der Kulturen der Welt (HKW) entfernten Glockenturm im Tiergarten mit seiner Komposition "Tintinnabulations For Tomorrow and Tomorrow" zu bespielen.

Was unter anderen Umständen eine nette Idee gewesen wäre, wurde aufgrund von Dunkelheit, Schneeverwehungen und des gleichzeitig angeworfenen chromatischen Laserbeam, dem "Global Rainbow" der New Yorkerin Yvette Mattern, zu einem magischen Moment. Man fror und bestaunte das lichtstarke Farbenspiel der Laserstrahlen, die wegen der tanzenden Schneeflocken zu Glitzerstaub wurden, während Palestine hoch oben im "Tiergarten Carillon" ohne Gnade auf die Glocken haute: In sanften, an- und abschwellenden Soundwellen rollte der vibrierende Klang durch die frostige Parklandschaft bis hinüber zu den Zäunen vor dem Kanzleramt.

Der Super-Gau des Internet-Zeitalters

Das dürfte ein Auftakt ganz nach Geschmack des Festivalleiters Stephen Kovats gewesen sein, der für die diesjährige Veranstaltung die Parole "Futurity Now!" ausgerufen hat. Auf Diskussionsrunden, in Workshops, Filmprogrammen und Präsentationen künstlerischer Projekte will man über die Dauer von fünf Tagen diskutieren, welche Qualität das "Zukünftige" haben sollte. "Es geht nicht um das nächste große Ding" sagt Kovats, "sondern um eine andere Art, über Zukunft als ein Konzept nachzudenken." Dahinter steht die natürlich ewig aktuelle Frage nach der Zeit, in der wir eigentlich leben – die Transmediale und ihr Club waren immer gute Orte, um das zu diskutieren.

Nachdem sich viele Versprechen der Moderne – wie etwa der schnelle Informationsaustausch über die globalen Kommunikationsnetze in den letzten Jahren für eine große Zahl von Menschen zum Alltag geworden ist – sei, so Kovats, jetzt der Moment für die Überprüfung dessen, was Gestern als Zukunft galt. Damit spielt das Festival auf eine Erfahrung an, die sich in den westlichen Gesellschaften zyklisch zu wiederholen scheint: Nach der Kernkraft-Euphorie der sechziger und siebziger Jahre kam nach Katastrophen wie Tschernobyl die Ernüchterung. Ähnlich wie damals gilt heute der Finanzcrash der weltweit vernetzten Märkte vielen Skeptikern als der Super-Gau des Internet-Zeitalters. Die Krise hat gezeigt, dass die zunehmende Vernetzung und Beschleunigung sich auch gegen die Wirtschaft selbst wenden kann. Wie berechtigt ist das Vertrauen, das neuen Technologien mitunter blind entgegengebracht wird?

Liebeserklärung an den Elektobaukasten

Was also tut die Kunst in solch einem Moment, die sich mit Fragen von Gesellschaft, Medien und Technik beschäftigt, wenn die Zukunft zum Alltag wird und die ehemaligen Verheißungen ihre Schattenseite offenbaren? Die Antwort die die Arbeiten in der von Gastkuratorin Honor Harger zusammengestellten Sonderausstellung "Future Obscura" liefern, ähneln sich in einer Art Retroästhetik. So flirtet "A Parallel Image", eine elektronische Camera Obscura des Österreichers Gebhard Sengmüller, mit einem nostalgischen Moment, indem er ein Rechteck mit 2500 Sensoren und eine Ausgabefläche von ebensovielen Glühbirnen mit ebensovielen Kupferdrähten verbindet. Gab es je eine prächtigere Liebeserklärung an den Elektro- und Elektronikbaukasten? Auch "White Noise", die Installation des litauischen Künstlers Zilvinas Kempinas, huldigt mit ihrem flirrenden Op-Art-Feld, das sich aus der Nähe als schwingende Videobänder herausstellt, einem fast in Vergessenheit geratenem Medium. Formal korrespondiert die Installation mit der doch sonst völlig verschieden gelagerten Sound- und Video-Installation "data.tron" des Japaners Ryoji Ikeda, der mit seinen kybernetischen Zahlenkolonnen zwar für die alte Pythagoras- Formel „Alles ist Zahl“ überwältigende Bilder und Töne findet. Was Arbeiten wie diese mit dem eigenen Giro-Konto bei der Bank zu tun haben könnte, blieb dennoch schleierhaft.

Dabei geht Medienkunst auch ganz ohne technoides Raunen. Zum Beispiel mit den für den Transmediale-Award nominierten "Carnivorous Domestic Entertainment Robots" (2008) des britischen Künstlertrios Auger-Loizeau & Zivanovic, die den überholten Robotik-Begriff im Wohnbereich aufs Korn nehmen. "Hunde und Katzen sind ziemlich gut darin, Hunde und Katzen zu sein", sagen die Briten. "Warum also sollen sich die Leute einen Aibo kaufen?" Stattdessen schlagen sie minimalistische Möbel vor, die sich durch Fang und energetische Verwertung von Ungeziefer wie Fliegen, Motten oder Mäusen auszeichnen. Das Fangen von Ungeziefer könne unterhaltsam sein, behaupten die Künstler. Und dass es in Zukunft weniger Mäuse, Motten und Fliegen geben sollte, davon ist eher nicht auszugehen.

"Transmediale.10 - Futurity Now!"

Termin: bis 7. Februar 2010, Haus der Kulturen der Welt, Berlin

http://www.transmediale.de

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