Indische Kunst

Saatchi Gallery



THE EMPIRE STRIKES BACK

Londons Supersammler Charles Saatchi konzentriert sich bei seiner aktuellen Ausstellung auf junge Künstler aus Indien und Pakistan, deren Motivation die Politik ist. Unverkrampft und direkt widmen sie sich komplexen Themen wie Globalisierung, Klasse, Religion und Sexualität.
// HANS PIETSCH, LONDON

Man weiß, dass Charles Saatchi auf große Formate abfährt. Jitish Kallats Relief "Public Notice 2" (2007) erstreckt sich auch über eine ganze Wand des ersten Galerieraums. Mehrere tausend wie versteinerte Knochen aussehende Buchstaben vor gelbem Hintergund – Auszüge aus der Rede, die Mahatma Gandhi Anfang 1930 am Vorabend des Protestmarschs gegen die von den britischen Herrschern verhängte Salzsteuer hielt, in der er zu zivilem Ungehorsam, aber gleichzeitig zu strikter Gewaltlosigkeit aufrief. "Dies sind vielleicht meine letzten Worte", liest man.

In einem anderen Raum stehen zwei von Kallats Statuen aus schwarzem Blei – jugendliche Bettler aus seiner Heimatstadt Mumbai. Der eine, vier Meter groß, trägt Bücher unter dem Arm, die er an Ampeln an Autofahrer zu verkaufen versucht. Der andere, lebensgroß, hat ein Seil über der Schulter, mit dem er sich geißelt, um Almosen zu bekommen. Ihre Füße sind in winzige Häuser eingebettet – der Nomade ist dort zuhause, wo er sich gerade befindet.

Das Empire schlägt also in der Tat zurück, denn Londons Supersammler konzentriert sich fast ganz auf junge Künstler aus Indien und Pakistan, die meisten noch nicht 40, deren Motivation die Politik ist. Unverkrampft gehen sie mit ihrem Engagement um, komplexe Themen wie Globalisierung, Klasse, Religion, Sexualität werden mit großer Direktheit angegangen, ohne sie zu trivialisieren. T.V. Santosh malt die grausamen Folgen von Terroranschlägen, Reena Saini Kallat beschmiert ihre Porträts mit dem blutroten Umriss der Region Kaschmir, die sowohl Indien als auch Pakistan für sich beanspruchen.

Viele seiner Künstler waren im Westen so gut wie unbekannt

Manchmal scheint Humor durch, etwa bei Mansoor Alis "Dance of Democracy" (2008), einem Turm aus alten, klapprigen Stühlen, der wie durch Zauberei nicht in sich zusammenfällt. Huma Mulji steckt für "Arabian Delight" (2008) ein Kamel in einen Koffer, und Pushpamala N lässt sich für ihre "Ethnographic Series" (2000/04) von der Fotografin Clare Arni als südindische Frau in historischen Kostümen ablichten.

Auch liebt Charles Saatchi die Provokation. Die Fotocollagen des Pakistaners Rashid Rana aus seiner Serie “Veil Series” (2004), etwa drei Frauenköpfe mit dem Körper verhüllenden Hidschab, bestehen aus winzigen Ausrissen aus Pornomagazinen – zwei negative Stereotypen negieren sich gegenseitig.

Als Saatchi kaufte, standen viele seiner Künstler noch am Anfang ihrer Karriere, waren im Westen so gut wie unbekannt. Doch auch Arbeiten von Superstars wie Jitish Kallat erwarb er. Und vor allem Subodh Gupta, dessen Gemälde und Skulpturen Alltagsgegenstände wie Küchenutensilien oder Fahrräder zu Kunstwerken erheben. Sie sprechen von seiner eigenen Erfahrung kultureller Entfremdung durch die Migration vom Land in die Stadt, von der Bedrohung traditioneller Lebensformen durch die rapide Modernisierung der größten Demokratie der Welt.

"The Empire strikes back: Indian Art today"

Termin: bis 7. Mai, Saatchi Gallery, London

http://www.saatchi-gallery.co.uk

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo