Walton Ford

Hamburger Bahnhof Berlin



SCHOCK FÜR ABGESTUMPFTE AUGEN

Die Bilder des amerikanischen Malers Walton Ford wirken, oberflächlich betrachtet, nostalgisch - und sind doch sehr gegenwärtig.
// KITO NEDO, BERLIN

Auf den ersten Blick wirken die großformatigen Aquarelle des amerikanischen Malers Walton Ford wie aus der Zeit gefallen. Kaum zu glauben, dass sie frisch aus dem Atelier des 1960 in Larchmont, New York, geborenen Künstlers stammen. Viel eher assoziiert man angesichts der mit großer Detailliebe ausgeführten Tierbilder mit all den Papageien, Primaten, Bären, Wölfen und Rhinozerossen im Kolonialstil des 19. Jahrhunderts holzgetäfelte Antiquitätengeschäfte in Paris oder ganz allgemein das Ambiente ehrwürdiger Landsitze der ergrauten Eliten des alten Europa. Im Hamburger Bahnhof werden sie jetzt in einer Ausstellung präsentiert.

Form und Technik sind bei Ford nur Zitat, das jedoch durch seine künstlerische Praxis in schönster Dialektik zu funkeln beginnt, indem es entfernt bekannt und aufregend neu zugleich erscheint. Deshalb ist Ford kein unbekehrbarer Nostalgiker, sondern durch und durch Zeitgenosse: Bei aller Anlehnung an historische Stile und Themen vermeidet der Maler die plumpe Affirmation. Wie ein Toningenieur spürt er unterschwellige Frequenzen und Störgeräusche auf und bringt diese lustvoll zur Verstärkung.

Deshalb steckt so viel Gewalt und Sex in diesen Aquarellen. Ford schafft es, das abgestumpfte Auge mit seinen allegorischen Schockvisionen zu locken: Kolibris, die in Trompetenblumen ihre tödliche Falle finden, Affen die über eine festlich gedeckte Tafel herfallen, der Körper eines Löwen mit blutiger Schnauze, der zwischen zwei Tigern eingekeilt ist. Hier liegt der moderne Kern dieser Kunst: dass jemand mit distinguierter Geste gegen die Verrohung der Bilder in der Gegenwart rebelliert.

Eigentlich hatte Ford im Sinn gehabt, Filmemacher zu werden, als er die Rhode Island School of Design besuchte. Statt aber Geschichten mit der Kamera zu erzählen, wandte er sich dem Aquarellieren zu. Die Anregung dazu verdankte er seiner Faszination für den amerikanischen Naturmaler John James Audubon (1785 bis 1851). Der war berühmt geworden durch seine malerische Katalogisierung aller Vogelarten Nordamerikas. Und er hatte eine düstere, hintergründige Seite: Alle Tiere, die er darstellte, hatte er zuvor eigenhändig erschossen.

"Bestiarium. Walton Ford"

Termin: bis 23. Mai 2010, Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart, Berlin. Katalog: Taschen Verlag, 49,99 Euro. Nächste Station: Albertina, Wien, 18. Juni bis 10. Oktober 2010

http://www.hamburgerbahnhof.de

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2 Leserkommentare vorhanden

Werner Hahn

23:50

30 / 01 / 10 // 

Schizophrener KUNST-Streit:Naturkunde- oder Gegenwartskunst-Museum?

Furios Furore macht derzeit Udo KITTELMANN mit einer Tiermalerei-Ausstellung zum Werk des Amerikaners Walton Ford. Die Tiere-Bilder-Ausstellung im Hamburger Bahnhof – dem Berliner Museum für Gegenwartskunst - erregt Aufsehen mit NICHT sehr großem Beifall. Warum? Parallel zum HB zeigt die Tübinger Kunsthalle Neo-Popisms: Pin-up-Girl-Sex-Perversity-art-Bilder mit Tieren; Pin-up-Girl-Popism des Malers Melvin John Ramos. Ein Blick zurück in die Steinzeit/Eiszeit-Tiermalerei kann kunstkritisches Bewusstsein fördern, das für eine geforderte Kunst-Erneuerung die unumgängliche Voraussetzung ist. Uralt-„Museen“: Altamira – Lascaux - Chauvet-Höhle Weiterlesen: http://community.zeit.de/user/wernerhahn/beitrag/2010/01/30/kunststreit-schizophren-zeitgen\%C3\%B6ssische-tiermalerei-ins-naturkund?page=0

werner hahn

13:38

31 / 01 / 10 // 

Evolutionär? Kunst-Fortschritt in Berlin gefördert?

Ist W. F. ein „l’art-pour-l’art“-Maler? Das seit der Renaissance vorherrschende Diktum des „‚Immer Neuen’, ‚Immer Besseren’“ soll hinterfragt werden. Die HB-WF-Outsider-Schau soll „eingefahrene Erwartungshaltungen“ (U.K) „gegenüber dem Regelwerk zeitgenössischer Ästhetik zur Diskussion“ stellen. 400.000 Dollar zahlen Millionäre für ein anachronistisch-altmeisterliches Bild zum „Gestrigen“! Da der Künstler in den Sammlungen der wichtigen Museen nicht so recht angekommen ist, wird er über Berlin und Wien (Albertina) gefördert. Ist die Kunst-Institution Hamburger Bahnhof der richtige Ort für so eine „Caprice des Gestrigen“ (DER SPIEGEL)? Ja, meint Udo Kittelmann. Diese Malerei sei "sehr, sehr zeitgenössisch", denn sie reflektiere die Jetztzeit und die Weise, "in der wir uns die Welt Untertan machen" und rege dazu die Debatte an, ob gelungene zeitgenössische Kunst stets den Avantgardegestus aufnehmen und auf Konzept- und Minimalkunst aufbauen müsse. Anders E. BEAUCAMP: Er forderte ostentativ und begründet (!) in FAZ- „KUNSTSTÜCKE“ (8.1.10): „Wir brauchen den Bruch“: neuen Weltgeist, Frühling der Ideen etc. „Begründer einer fundamentalen Ästhetik“ seien gefragt. Die „Erkundung und Förderung des Einzigartigen und Außerordentlichen“ tue not! WFs Kunst wagt keinen Symmetrie-„Bruch“ („radikalen Neuanfang“). Die „Resteverwertung der Moderne“ muss aufhören, wünschte sich E.B. Da evolutionär Neues entstehen soll, verlangt E.B. eine „substantielle, individualistische und emanzipatorische Kunst“ und will Aufklärer, denkende Künstler, Begründer einer fundamentalen Ästhetik unterstützen. Gefordert wird (fast missionarisch) ein „neuer Weltgeist“. Angesichts von globalem „Kommerz & Rummel“ und vermisster Kunst-Kennerschaft im Kunstbetrieb - eine ehrenhafte Absicht. Das von E.B. geforderte „Einzigartige und Außerordentliche“ in Kunst ist m.E. über eine „l’art-pour-la science“ (evolutionisierende Erkenntniskunst)