E-Art-Apps

Ivo Wessel

"Unser Ziel sind mobile Kunstwerke"
Entwickler und Sammler Ivo Wessel – und seine erste App: Carsten Nicolai, "Rota", 2009 (Porträt: Tim Holthöfer; Courtesy Galerie Eigen+Art and PaceWildenstein)

"UNSER ZIEL SIND MOBILE KUNSTWERKE"

Es gibt bereits über 100 000 unterschiedliche Zusatzprogramme für Multimedia-Handys, sogenannte Apps. Spiele und Navigationssysteme sind besonders beliebt. Nur Kunst-Apps gab es bisher noch nicht. Diese Nische haben jetzt Ivo Wessel, Softwareentwickler und Kunstsammler, und der Galerist Gerd Harry Lybke entdeckt.
// ALAIN BIEBER

Herr Wessel, es gibt bereits über 100 000 Apps. Warum brauchen wir auch noch Kunst-Applikationen für das Handy?

Ivo Wessel: Ich beschäftige mich schon länger mit Software-Entwicklung für's iPhone, und als Kunstfan reizt mich die Ausweitung auf ein neues Medium. Auf der Art Basel 2009 haben Judy Lybke, der Galerist von Eigen+Art, und ich die Idee ausgeknobelt. Wir wollten immer schon mal etwas gemeinsam machen, und da fand fand ich in Judy einen wahnsinnig begeisterten Enthusiasten. Wir wollen mobile Kunstwerke entwickeln, die die technischen Besonderheiten des iPhones, wie zum Beispiel Bewegungssensoren oder Sound, voll ausnutzen – und auch die kommunikativen Möglichkeiten des iPhone einbeziehen. Einfach nur Videos oder Fotografien zu zeigen, wäre uns zu langweilig gewesen. Unser Ziel sind mobile Kunstwerke, die weltweit über den Apple-Store vertrieben werden. Dort kann man dann quasi ein Türchen für die Kunst aufstoßen – denn es ist ja wirklich erstaunlich, dass es dort noch nichts zum Thema Kunst gibt.

Ihre erste E-Art-App "Rota" von Carsten Nicolai kostet nur 1,59 Euro – ein sehr volksnahes Konzept.

Vielleicht wird das nächste Kunstwerk wieder teurer. Aber wir wollen eben gerade keine Limitierung, sondern die Idee des Multiples ausdehnen. Es geht aber auch nicht darum, billige Klingeltöne zu produzieren, es muss schon immer sehr anspruchsvoll sein. Carsten Nicolai als Künstler bot sich natürlich an, weil er ja in den unterschiedlichen Medien wie Musik und Video zu Hause ist. Ich hatte seine "Rota"-Installation in der Schering-Stiftung gesehen und ihm gleich angeboten, das fürs iPhone zu realisieren. Und ich freue mich sehr, dass es jetzt ein eigenständiges Kunstwerk geworden ist.

Was begeistert Sie an diesen Miniprogrammen für Handys?

Ich bin ja Software-Entwickler, aber mich fasziniert an den Apps auch die Psychologie der Menschen. Was bringt Menschen in den Cafés dazu, sich über ihre Applikationen zu unterhalten und sich darüber auszutauschen? Und dann gibt es auch dieses spontane Element: Wenn man Interesse an einem Programm hat, kann man es sich selbst sofort runterladen. In Zukunft planen wir übrigens auch, das man sich über die Funktechnologie Bluetooth miteinander verbinden kann und die Applikation dann synchron nutzt.

"Rota verweist auf Ideen einer Dream- oder Mindmachine, um durch die Produktion von Alpha-Wellen bewußtseinserweiternde Effekte zu erzielen", heißt es im Pressetext. Das klingt ja fast so, als ob ich demnächst mit meinem Handy einen Drogentrip unternehmen könnte.

"Rota" bezieht sich auf die Ideen der Beatnik-Bewegung und Mindmachines seit den fünfziger Jahren. Man kann die Frequenz und den Sound verändern und das so auf sich wirken lassen. Ich bin nicht gerade ein Esoterik-Fan, aber es ist schon so, dass sich je nach Frequenz die eigene Stimmung von nervös über ängstlich bis beruhigend wechseln kann. Man kann sich das Handy auch auf die Stirn legen und sieht dann das Geflacker durch die geschlossenen Augen. Ich war gerade in der Tate Modern und in der Dunkelkammer-Installation von Miroslaw Balka. Dort habe ich aus Jux mein iPhone angemacht, und der Flicker-Effekt von "Rota" war schon toll. Wenn mehrere die damals noch nicht erschienene Applikation auf ihrem Telefon installiert hätten, dann hätten wir dort eine tolle Session machen können – am Tag danach war ich übrigens auf einem Konzert von Carsten Nicolai im Londoner "Sketch".

Wie viele Kunstbegeisterte haben sich denn die E-Art-App bereits runtergeladen?

Wir haben sehr viel Resonanz bekommen, aber natürlich noch keine Millionenverkäufe erzielt. Wobei wir auch schon über der normalen Auflage von Kunsteditionen liegen – und es ist schon kurios, die Verkaufszahlen weltweit und täglich beobachten zu können.

Und wie geht es weiter? Sind bereits weitere Apps in Planung?

Mit einer ganzen Reihe an Künstlern, wie Bjørn Melhus, Julian Rosefeldt, Sylvie Fleury, Via Lewandowsky oder Sven Johne würde ich gerne etwas realisieren, und weitere Künstler von Gerd Harry Lybke haben auch schon Interesse gezeigt, etwas zu machen. Grundsätzlich sind wir offen, und unsere Vorlieben sind glücklicherweise weder deckungsgleich noch disjunkt. Deshalb haben wir ja für das Projekt auch das neue Label "E-Art-Apps" gegründet.

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2 Leserkommentare vorhanden

T.Setzer

13:33

04 / 12 / 09 // 

Ivo, Ivo, Ivo ..

Ivo-Art-Apps, das ist so dermaßen unzeitgemäß ein "Label" für eine Sache zu gründen, die ansich offen für jedemann ist. Proprietär. Das trägt den Möglichkeiten des Mediums weder Rechnung noch passt es zur Philosphie. Ivo mach und lies Tim B. Lee.

Max

13:46

15 / 12 / 09 // 

Another iPhone Artwork

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