David Lynch

Max-Ernst-Museum



DER LETZTE SURREALIST

In der Malerei des Filmregisseurs David Lynch gibt es nichts, was nicht im Geschichtsbuch des Surrealismus steht. Jetzt präsentiert das Max-Ernst-Museum die erste größere deutsche Ausstellung seiner Werke.
// MICHAEL KOHLER, BRÜHL

Eine gute Inszenierung ist die halbe Miete, das ist in der Kunstprovinz nicht anders als in Hollywood. Also warnt das Max-Ernst-Museum in Brühl sicherheitshalber vor den Werken seines berühmten Gasts. Diese können Wert- und Moralvorstellungen verletzen, heißt es im Pressetext, und selbstredend haften Eltern für mögliche Seelennöte ihrer Kinder. "Buhu" ruft es auch, als David Lynch bei der Eröffnung die Bühne betritt und das Saallicht mit Knalleffekt verlischt. Allerdings spricht der Meister dann doch nur ein paar Dankesworte im Funzelschein, statt eine schwarze Messe abzuhalten.

Mit derlei Brimborium wurde in den 50er Jahren für billige Horrorfilme geworben oder noch ein paar Jahrzehnte früher für surrealistische Kunstaktionen. Im Max-Ernst-Museum muss man sich nicht lange fragen, welche Verwandtschaft schwerer wiegt: Nachdem David Lynch in Paris als bildender Künstler entdeckt wurde, tritt er in seiner ersten großen deutschen Ausstellung als Erbe, wenn nicht als Wiedergänger der surrealistischen Bewegung auf.

Für den Kunsthistoriker und Picasso-Experten Werner Spies scheint Lynch jedenfalls so etwas wie der personifizierte Jungbrunnen einer alten Tradition zu sein. Bei seiner Eröffnungsrede war ihm von Franz Kafka bis Max Ernst kein Vergleich zu hoch gegriffen, wobei er ausgerechnet den naheliegendsten scheute: Seit Salvador Dalí hat die surrealistische Idee keine derart prominente Figur mehr hervorgebracht, und wenn die Surrealisten etwas noch mehr liebten als dem braven Bürger verstörende Rätsel aufzugeben, dann damit in aller Bescheidenheit dicke Schlagzeilen zu produzieren.

Sowohl privat wie beruflich bietet David Lynch von beidem mehr als genug. Er philosophiert außerdem gern über das eigene Unbewusste, kritzelt und zeichnet, wo er geht und steht, ist mit so ziemlich allen Kunsttechniken vertraut und redet sich, wenn es um die Inhalte seiner Arbeit geht, meist auf charmante Unverschämtheiten heraus: "Gemälde müssen wunderschön und schlecht sein. So wie Frauen auch."

Nackedei-Bildchen und monströse Menschen

Diese Schönheit des Düsteren und Hässlichen klingt bereits im Titel der gut 150 Exponate umfassenden Ausstellung "Dark Splendor" an und zieht sich durch sämtliche Winkel und Kabinette. Im Untergeschoss des Brühler Museums räkeln sich etwa die "Distorted Nudes", eine Serie, in der Lynch Nackedei-Bildchen aus der Frühzeit der Fotografie entstellt und den heute rührend harmlos erscheinenden Aktaufnahmen ihre Unschuld raubt; seine schwarzweißen Aquarelle ähneln mal mikroskopischen Aufnahmen und mal okkulten Geisterfotografien und tragen Titel wie "Mysterious Forest" oder "Stage of Smoke with Wires"; im letzten Jahr sind Lithografien auf Japanpapier entstanden, auf denen Tag und Nacht einen archaischen Kampf um Figuren und Gestalten zu führen scheinen; und auf einigen beinahe quietschbunten großformatigen Gemälden kleistert Lynch erst monströse Menschen mit der ganz groben Kelle ins Bild, um ihnen anschließend reale Gegenstände in die Hand zu drücken.

Es gibt bei Lynch praktisch nichts, was nicht im surrealistischen Geschichtsbuch steht. Das meiste kennt man so ähnlich schon von modernen Klassikern wie Hans Bellmer oder Gegenwartskünstlern wie Mike Kelley, aber immerhin noch nicht in dieser Handschrift. Am eigenständigsten erscheint Lynch in seinem geradezu verschwörerischen Verhältnis zur Farbe Schwarz und in seinen spontanen Kritzeleien auf Alltagsgegenständen. In "Dark Splendor" ist eine schöne Serie von Streichholzheftchen zu sehen, die, aufgeklappt, jeweils ein Triptychon im Miniformat ergeben.

Eines lässt sich nach einem Besuch in Brühl mit Bestimmtheit sagen: Als bildender Künstler hat David Lynch einen Stil, der sich erkennbar von seinen Regiearbeiten unterscheidet. Ob ihn das schon zum bedeutenden Maler macht, ist eine Frage, die sich im Grunde gar nicht stellt. Solange Lynch den surrealistischen Geist nur in Perfektion verkörpert.

"David Lynch – Dark Splendor"

Termin: bis 21. März 2010, Max-Ernst-Museum Brühl. Katalog (Verlag Hatje Cantz) im Museum zirka 34 Euro, im Buchhandel 45 Euro

http://www.maxernstmuseum.lvr.de

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