Darkside II

Fotomuseum Winterthur



PANORAMA DER ENTSETZLICHKEITEN

Faszination Grauen? Die massenhaften Bilder malträtierter Körper im Fotomuseum Winterthur rufen keinen lustvollen Voyeurismus, sondern vor allem Entsetzen und Ekel hervor.
// GERHARD MACK, WINTERTHUR

Eine Frau hängt nach einem Autounfall mit verrenkten Gliedmaßen an einem Pfosten in Mexiko-Stadt. Matrosen bestatten im Zweiten Weltkrieg tote Kameraden im Meer.

Das Fotomuseum Winterthur rückt nach der Ausstellung "Darkside I" zum Thema Sexualität nun in der Folgeveranstaltung "Darkside II" in den Blick, wie "Gewalt, Krankheit und Tod" auf Fotografien in Erscheinung treten. Ursprünglich sollte das Projekt in einer einzigen Präsentation gestemmt werden, schließlich sind Eros und Thanatos nach Übervater Sigmund Freud, der in den Saaltexten öfter zitiert wird, die zwei unzertrennbaren Triebkräfte der menschlichen Psyche.

Um nicht in der Fülle des Materials zu ertrinken, wurden die beiden Komponenten nun klinisch getrennt und haben dabei viel von ihrer Dynamik verloren. So vermisst man in der wuchtigen Präsentation und dem dicken Katalog (Steidl Verlag, 45 Euro) eine strukturierende These. Die Kapitelfolge vom Einsatz des Körpers im Sport über plastische Chirurgie, Verletzungen und Krieg bis zu Tod und Verwesung gliedert die Hängung; einen Zugriff auf das riesige Thema bietet sie nicht.

So ufert "Darkside II" aus zu einem Panorama der menschlichen Entsetzlichkeiten: Wir sehen Skelette in den Katakomben von Palermo, die verprügelte Starfotografin Nan Goldin, Entstellungen von Embryonen und Aufnahmen von psychisch Kranken. Vor so vielen malträtierten Körpern bleiben wir zurückgeworfen auf uns selbst, sind mal entsetzt, mal angewidert. Für voyeuristische Lust ist das meiste zu brutal. Und die eher spielerischen Werke von Künstlern, die zwischen den Fotos hängen, sind zu harmlos, um zum Nachdenken über die Rolle des Mediums anzuregen.

"Darkside II. Fotografische Macht und fotografierte Gewalt, Krankheit und Tod"

Termin: bis 15. November 2009, Fotomuseum Winterthur

http://www.fotomuseum.ch

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1 Leserkommentar vorhanden

W. P.

11:41

16 / 10 / 09 // 

Wie, zu harmlos?

Ich habe die Ausstellung zwar nicht gesehen... jetzt möchte ich aber gerne wissen, inwiefern die 'dazwischen hängenden', 'spielerischen" Fotos von Künstlern 'zu harmlos' sind, und wie sie denn 'nicht zu harmlos' hätten sein können, um 'zum Nachdenken über die Rolle des Mediums nachzudenken', angesichts der offenbar schon viel zu entsetzlichen Fotos? Sind sie zu harmlos nur im Kontrast neben diesen Fotos, oder ist nicht 'normale' Kunst sowieso zu harmlos, wenn sie nicht 'Entsetzliches' wie ein Fotoreporter darstellt? Ist nicht Kunst, wenn sie 'nicht-harmlos' ist, auch schon wieder nicht ernst zu nehmen, weil sie dann als skandalheischend abgetan werden kann?

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