Werkleitz Festival

Halle

".move - new european media art"
Don Ritter: "Vested", interaktive Rauminstallation, 2008 (Courtesy Don Ritter)

".MOVE - NEW EUROPEAN MEDIA ART"

Das Medienkunstfestival ".move - new european media art" präsentiert bis zum 25. Oktober Videoinstallationen, interaktive Environments und Performances – an der Schnittstelle Philosophie, Soziologie und Politik.
// JUDITH BEHNK

Gleich einem Selbstmordattentäter, betritt der Betrachter die interaktive Installation "Vested" von dem Medienkünstler Don Ritter. Eine Weste mit roten Auslöserknöpfen ist seine Waffe, denn der Betrachter entscheidet was passiert, entscheidet über Leben und Tod. Entscheidet er sich den Knopf zu drücken, kann er den Bundestag oder den Louvre auf einer zwölf Meter breiten Leinwand in die Luft sprengen.

Die Installation schwankt zwischen der Faszination am Zerstören und der traurigen Realität hinter dieser Begeisterung. Bevor man zum Attentäter werden kann, muss man allerdings einen Haftungsausschluss unterschreiben, dass eventuelle psychische oder physische Schäden nicht dem Künstler angelastet werden können. Für den Kurator Peter Zorn drängt sich die Frage auf, wann setzt die Reflektion des Betrachters darüber ein, was er da gerade tut?

Das Zentrum für Medienkunst Werkleitz in Halle zeigt vom 9. bis zum 25. Oktober die Ausstellung ".move – new european media art". In der Ausstellung zeigen 21 Medienkünstler 16 Werke, die 2008 und 2009 im Rahmen des European Media Artists in Residence Exchange (EMARE) entstanden sind. Das Stipendiumsprogramm wurde 1995 aus der Taufe gehoben, um jungen Medienkünstlern die Gelegenheit zu geben, frei ihre Projekte umzusetzen. Seit seinem Bestehen konnten so 120 europäische Künstler unterstützt werden. Der Titel der Ausstellung ".move", steht nicht nur für das Bewegtbild an sich, sondern auch für die physische Bewegung des Betrachters innerhalb der interaktiven Installationen und zwischen den Ausstellungsorten.

Die psychische Bewegung offenbart sich in der Bereitschaft, ungewohnte Formen und seine eigene Konditionierung wahrzunehmen, was die Erwartung an narrative Bildmedien angeht. Normalerweise haben Festivals ein festes, vorgegebenes Thema, dass ist bei ".move" nicht so, die Künstler konnten frei assoziieren. Thematisch ergibt sich somit ein breites Spektrum. Karen Mirza & Brad Butler, die das Festival eröffnen beschäftigen sich mit dem Thema der Stadtaneignung und der Bürgerpartizipation in Halle. Eine Weltpremiere präsentiert Medienkünstler Thomas Köners passend zum 100-jährigen Jubiläum des futuristischen Manifests mit seiner so genannten "Opera Digitale", bei der eine Opersängerin das Manifest mit Grabesstimme vorträgt. Köner befasst sich mit der Frage: Was ist aus Marinettis Visionen geworden? Der Rausch der Geschwindigkeit und der Rausch des Krieges dürften sich im vergangenen Jahrhundert manifestiert haben. Das Spektrum der Ausstellung reicht von Videoinstallationen über interaktive Environments bis zu Performances.

Hybrid zwischen Film und Kunst

Das Hauptzentrum der Ausstellung ist das neu erschlossene Intecta-Gebäude, ein ehemaliges DDR-Einrichtungshaus. Mit diesem Gebäude hat man sich ein Stück ungewöhnlichen Kulturraum erobert, indem man entgegen dem traditionellen Museumsbetrieb Kunst präsentieren kann. "Das bedeutet, dass man die Elitarität der Kunst aufweichen kann", sagt Kurator Peter Zorn. "Kunst mit Medien ist ein Medium der Gegenöffentlichkeit, dass seine eigene Bildsprache entwickelt, dass ist bei Werkleitz ein wichtiger Punkt."

Dass sich die Werkleitz-Gesellschaft auf Kunst mit Medien spezialisiert hat, liegt an ihrer Geschichte, denn gegründet wurde die Organisation von Studenten der Braunschweiger Filmklasse an der Hochschule der Künste. "Wir kommen also aus dem Background des experimentellen Films und sind somit ein Hybrid zwischen Kunst- und Filmszene", bemerkt Zorn. Bildmedien haben einen immensen Einfluss auf den modernen Menschen, und die Beschäftigung mit der Medienkunst ist ein kleiner Protest gegen sie. Viele der ausgestellten Projekte befassen sich mit den Themen Philosophie, Soziologie und Politik. Welche Richtung der Austausch nehmen wird, ist noch ungewiss. Überraschen lassen muss sich auch der Kurator von "move", denn einige Werke werden erst kurz vor dem Eröffnungstag fertig.

"Werkleitz Festival"

Termin: bis 25. Oktober 2009, Halle

http://www.emare.eu

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