HGich.T

Porträt

Unwiderstehlicher Totalabsturz
Wenn die Polzei vorbeikommt... (Courtesy: HGich.T)

UNWIDERSTEHLICHER TOTALABSTURZ

Die Popularität der Hamburger Künstlerband "HGich.T" steht beispielhaft für die wachsende Bedeutung von Videoportalen wie YouTube. Die Ohrwurmqualitäten ihrer Texte und die schrille Optik der Videoclips beflügelten das elektronische Schneeballsystem des Videoweb 2.0. Innerhalb kürzester Zeit multiplizierte sich ihr Publikum um ein Vielfaches, und eilig traten große Plattenlabels auf den Plan, das Phänomen in CDs und Klingeltöne umzusetzen. "HGich.T" lehnten ab. Porträt einer eigenwilligen Unternehmung.
// STEFFEN ZILLIG

In einer einsamen Hütte im Wald wohnt Sascha. Den langen Bart trägt er zum Zopf geflochten, die noch längeren blonden Haare flattern aus seiner zwergenhaften Kapuze – nahtlos fügt sich die druidenartige Erscheinung in das umgebende Märchenland. Nur die überdimensionierte schwarze Sonnenbrille deutet an, dass dieser junge Mann doch nicht ganz so weltabgewandt ist, wie es zunächst den Anschein hat.

Sascha ist 31 und gehört zum Hamburger Video- und Musikkollektiv "HGich.T" (gesprochen: ha-ge-ich-te), deren als Kunst-Performance klassifizierbaren Auftritten und Videoclips wachsende Popularität genießen. Ihr bekanntester – "Tutenchamun" – knackte bei YouTube unlängst die Millionenmarke. Sascha taucht zwar nur irgendwo im Abspann auf, aber wer und was "HGich.T" genau sind, scheint ohnehin prozessualer Natur. Die Mitgliederzahlen schwanken und liegen irgendwo zwischen zehn und 15. Man kann froh sein, in Waldbewohner Sascha überhaupt mal jemanden gefunden zu haben, der eine klar definierbare Funktion hat: Er macht Musik. Dass die ist, wie sie ist – energisch, psychedelisch und rotzig wummernd – wurzelt in einer von Industrie und Popjournalismus weitgehend verschont gebliebenen Musikkultur, aus deren Referenzreservoir sich "HGicht.T" nun munter bedienen.

Zur Orientierung: Irgendwann Mitte der neunziger Jahre schleppten ein paar Hippie-Heimkehrer ein musikalisches Virus vom indischen Aussteigerasyl Goa zurück nach Mitteleuropa. Der Techno-Trance war im Exil zu einer radikal psychedelischen Art mutiert und infizierte schließlich eine nicht unbeträchtliche Schar sinnsuchender europäischer Mittelstandskinder. In kleinen Großstadtklubs, vor allem aber auf den berüchtigten Open-Air-Festivals in der norddeutschen Provinz, bei denen bis zu 20 000 Tanzwütige saftiges Grün in Steppe verwandelten, gründete sich um den "Goa-Trance" eine Subkultur, die nahtlos an Ideale und Kultur der früheren Hippies anknüpfte: lange Haare, fernöstliche Spiritualität, Drogenexperimente, freie Liebe, Harmonie. Gerade der eigenverantwortliche Drogengebrauch erwies sich jedoch für viele Junghippies als schwer zu nehmende Hürde. Rasch standen tellergroße Pupillen nicht mehr nur für abenteuerliche Erweiterungen des Bewusstseins, ebenso konnten sie auch dessen konsequente Minimierung bedeuten. Dem Goa-Trance erging es da nicht anders als anderen Jugendkulturen der Neunziger: Ganze Teile der Szene brachen weg ins grenzdebile Drogennirwana. Das ist, könnte man meinen, der Lauf der Dinge, und es wäre auch schwerlich ein Thema, hätten sich vor einigen Jahren nicht ein paar Kunststudenten daran gemacht, diesem Absturz eine ästhetische Qualität abzugewinnen, deren Erfolg die Grenzen des Geheimtipps längst eingerissen hat.

"Mama, ich hab dir ein Kastanienmännchen gebaut"

Wie alle guten Radikalhumoristen – von Helge Schneider bis Wenzel Storch – bevorzugen auch "HGicht.T" den herben Charme der Provinzialität. Das Waldstück, in dem sich Saschas Hütte und damit auch das Tonstudio der Truppe versteckt, liegt bei Lindhorst, einem 700-Seelen-Ort vor den Toren Hamburgs. Hier ist der Startpunkt der kleinen Auto-Karawane, die sich jedes Mal in Bewegung setzt, wenn "HGich.T" die Bühnen der Republik bereisen. Diesmal sind es die des Bootboohook-Festivals in Hannover, wo auch Tocotronic und die Fehlfarben aufspielen werden. Dass "HGicht.Ts" Auftritt dort als Rock-n-Roll-Performance gefeiert wird, steht für sie in keinem Widerspruch zu Vorstellungen in Kunstvereinen oder auf Theaterfestivals. Auch im Rock-n-Roll steckt viel Theater, auch Rock-n-Roll kann Kunst sein. Bevor die Karawane die Autobahn ansteuert, legt sie stets noch einen Zwischenstopp im Ortskern ein. Dort wohnt Anna-Laura in einem überraschend spießigen Einfamilienhaus, das sich mit Backsteinimitat und Blumenkästen schmückt. Anna-Laura ist Sänger und Texter, 30 und männlich. Warum er sich einen Frauennamen gegeben hat und, obwohl er die tragende Stimme ist, in kaum einem Video selbst auftaucht, statt dessen einen Kollegen Playback singen lässt, gehört wohl zu den strategischen Verwirrungen des Unternehmens. Anna-Laura trägt die Haare kurz, das Hemd gebügelt und in der Hose. Seine dünne silberne Brille verleiht ihm einen durchaus seriösen Anstrich. Er wird nicht viel anders aussehen, wenn er als Sachbearbeiter in der Abfallwirtschaft seiner regulären Beschäftigung nachgeht. Hartnäckig hält sich auch das Gerücht, er wohne in besagtem Einfamilienhaus noch zusammen mit den Eltern, und man fragt sich, ob das nun paradox oder folgerichtig ist für jemanden, der auf der Bühne mit grimmiger Berserkermiene das Publikum attackiert. Freud zumindest hätte sich die Hände gerieben angesichts von Textzeilen wie "Mama, ich muss mal A-A" und "Schau mal Mama, ich hab dir ein Kastanienmännchen gebaut".

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12 Leserkommentare vorhanden

Markus

00:38

19 / 09 / 09 // 

WOW!

Echt cool!

Maurice

00:49

22 / 09 / 09 // 

Soso

Da hat der Autor ja erfolgreich alle gängigen Klischees bedient.

Frack

03:01

22 / 04 / 10 // 

Daumen hoch

Endlich mal ein Bericht, der versucht, das Mystikum HGich.T zu ergünden. Bravo!

leo s.

07:45

23 / 05 / 10 // 

az mülheim

der sänger war gestern imaz echt komplett besoffe und ziemlich aggressiv... war relativ nervig. und das ganze war nach 30 minuten zuende...

Olaf

03:52

24 / 05 / 10 // 

AZ

Ich fands geil im AZ. Der war doch nicht agressiv. Halt durchgeknallt, aber auf keinen Fall aggressiv.

Elias

10:18

26 / 05 / 10 // 

Düsseldorf

Ich fand die Jungs und Mädels Klasse. Auch wenn mein begrenzter dreistelliger Intellekt nicht ausreicht um deren vollständiges Genius zu ergründen. Tolle Truppe. Schade, dass die Allgemeinheit ein Problem damit hat, wenn jemand seiner Zeit zu weit voraus ist.

Thorben-Hendrik-Jonathan

03:14

26 / 01 / 11 // 

:)

Lasst euer trübseliges "Ergründen" wo der Pfeffer wächst und hört euch die Musik an. Immer dieses Philosphie-Geschwafel ;)

Mitte

18:56

29 / 01 / 11 // 

Musik ?

Alter, müsst ihr alle verstrahlt sein...das ist ja nicht in Worte zu fassen. So debil muss man erstmal sein....

rolf

15:40

06 / 02 / 11 // 

grenzdebiles drogennirvana?

Ist das irgendwo belegt, dass 'ganze teile der szene' kollektiv abstürzten? das hätte doch damals in den medien auftauchen müssen, wenn 20000 junghippies kollektiv in die psychatrie pilgerten. vieleicht waren es doch nur einzelne?! wer sich ein ausgewogeneres bild von der szene machen möchte, der lege sich folgendes buch zu: http://www.nachtschatten.ch/goabook/indexd.html schönen tag noch

Stephan

12:52

03 / 07 / 11 // 

Oha

Ich bin ja ein Freund vom "Leben und Leben lassen", aber das hier ist einfach nur peinlich.

Tripmeista

17:54

08 / 12 / 11 // 

wayne

ich find den artikel zwar schon interessant, aber es geht bei hgich.t nicht darum irgendwas zu verstehen, was sowieso nicht möglich wäre, sondern einfach nur um die musik, und die party!!! :D

ein fan

16:12

15 / 01 / 12 // 

Ich schrei' ganz laut "NEIN", ja

wenn die polizei vorbei fährt, ja! ja dann halt ich erst mal an, ja! ja nehm ne ziese aus der schachtel, ja! ja und spiel auf harmlos nach schema f, ja! ja haben sie was getrunken, ja! ja fragt mich die polizei, ja! ja ich schrei ganz laut nein, ja! ja ich hab tierisch durst, ja! ja haben sie drogen genommen, ja! ja doch da fällt mir was ein, ja! ja zuhause auf dem sofa, ja! ja hab ich alles da, ja! ja ein polizist mit elfen-ohrn, ja mit diesen elfenohrn schreibt er was auf.. ein polizist mit elfen-ohrn mit diesen elfenohrn schreibt er was auf.. meine name ist garfield, ja! ja ich war schon immer da, ja! ja und jetzt bin ich auch da, ja! ja und du bist auch da, ja! ja wir sind beide da, ja! ja zusammen in the universe, ja! ja zusammen mit der polizei, ja! ja ich erzähl ihm ihm was von salbei, ja! ja eukalyptus und menthol, ja! ja ich bin unschuldig, ja! ja like manitu, ja! ja das ist der killa, ja! ja ein polizist mit mustern drauf, ja mit diesen mustern drauf sieht er gut aus.. ein polizist, ja mit mustern drauf mit diesen mustern drauf sieht er gut aus.. hilfe ich werd` verhaftet, ja! ja ich hab doch nur pappen da, ja! ja hilf mir shiva, hilf mir goa, ja! ja hilf mir psytrance, ja! ja goa goa goa mpu, ja! ja u u u u u goa-zwerg, ja! ja goa goa goa mpu, ja! ja u u u u u hara rama, ja! ja plötzlich leuchtet mir ein schwein, ja! ja mitten in die fresse rein, ja! ja viel zu hell der sonnenschein, ja! ja ich mach schnell die augen zu, ja! ja ein polizist mit laserschwert, ja mit diesem laserschwert schreibt er was auf.. ahh ein polizist mit laserschwert mit diesem laserschwert schreibt er was auf.. ein lächeln kommt vom herzen hoch, ja! ja ein lächen von tuenchamun, ja! ja ick bin tuenchamun, ja! ja tut tut tut tut, ja! ja ich hab pappen, ja! ja ich hab mit den pappen gar nichts zu tun, ja! ja tut tut tuenchamun, ja! ja ich hab sie gefunden, ja! ja gestern abend im auto, ja! ja seit dem suche ich nach euch, ja! ja ich brauch dringend hilfe, ja! ja im auto läuft immer goa, ja! ja ein polizist mit kralle