Dispute von sokratischer Gesprächslust

Noack: Ich glaube, dass Kultur schon sehr stark mit ihrer Zeit verbunden ist, dass nicht alles zeitlos ist.

Buergel: Doch, es gibt schon Momente der Zeitlosigkeit – dann, wenn eine Form eine Vollkommenheit erreicht. So wie diese Porzellanschale, die ich in einem Museum in Taiwan gesehen habe. Der chinesische Künstler Ai Weiwei, mit dem wir auf der Documenta zusammenarbeiten, hat Porzellanmachern aufgegeben, so eine Schale zu produzieren. Denen springt das Porzellan im Ofen, weil die das heute einfach nicht mehr können.

Noack: Die Frage ist, ob die das damals so gekonnt hätten, wie Ai Wei-wei das jetzt von ihnen gefordert hat.

Buergel: Natürlich hätten die das gekonnt!

Noack (zum Interviewer): Sie müssen wissen, wenn es ein Kunstwerk auf dieser Welt gibt, das Herr Buergel gern besitzen würde, dann ist das diese Porzellanschale. Wirklich ein vollkommenes Stück, (zu Buergel) aber dass du jetzt gerade diese Schale so toll findest und nicht was anderes, das hat ja auch mit deinem zeitgenössischen Blick zu tun. Ich würde nicht sagen, dass es Meisterwerke gibt.

Buergel: Also ich kann mir nicht vorstellen, dass es möglich ist, Rem­brandt je schlecht zu finden ...

Noack: Gut, das ist jetzt der eine Pol des Spektrums; aber es gibt ja nicht nur die unsterblichen Künstler und die vergessenen, sondern auch viele dazwischen.

Buergel: Aber es gibt schon das vollkommene Stück ...

Als Roger M. Buergel im Sommer 2003 zum künstlerischen Leiter der Documenta ernannt wurde, schien er nicht gerade für das Organisieren einer Großausstellung prädestiniert zu sein. „Der Kurator, den selbst Kenner kaum kennen“, nannte ihn damals „Die Tageszeitung“. Auch in Wien, wo er seit 1983 lebt, galt er als unbeschriebenes Blatt. Buergel wuchs in Bremen auf, be­suchte dort das Gymnasium. Nach dem Abitur ging er nach Wien und begann ein Studium an der Akademie der bil­denden Künste, das er nach wenigen Jahren abbrach. Die nächsten Jahre waren von Suchbe­wegun­gen gekennzeichnet, Buer­gel begab sich als Privatsekretär des „Blutkünstlers“ Hermann Nitsch zwei Jahre lang in den Schmutz des Ateliers, studierte dann Philosophie und Wirtschaftswissenschaften, den großen Zu­sammen­hän­gen auf der Spur. Ruth Noack studierte zur gleichen Zeit Kunstgeschichte, Audiovisuelle Medien und Feministische Theorie, später spezialisierte sie sich auf Filmtheorie.

Mitte der neunziger Jahre bekam die Arbeit der beiden eine Heimat. In Wien bildete sich ein institutionelles Dreieck für ästhetische Theorie: Die Kunstzeitschrift „Springer“, die später geschlechtspolitisch korrekt in „Springerin“ umbenannt wurde, das „Depot“, in dem Symposien und Vorträge das „Defizit an Theorie“ in Wien ausgleichen sollten, und die Generali Foundation bildeten Diskursbrennpunkte. In endlosen Gedankenschleifen wurden die „gesellschaftlichen Kons­truk­te“ Rasse, Klasse und Geschlecht ausgeleuchtet; ziemlich eigenbrötlerisch war das, und durchaus elitär. Ein Beobachter erinnert sich, wie Buergel/Noack einen Denker wie Benjamin Buchloh nach dessen Vortrag 20 Minuten mit detaillierten Nachfragen und Berichti­gungen regelrecht grillten, und Buergel schrieb für die „Springerin“ solche Sätze: „Denkmuster, in denen Identität und Ortsverbundenheit, Entwurzeltsein und Migration zwangsläufig verbunden sind, führen in einer Welt, die wesentlich von Übergängen, Fusio­nen, Auflösungen und Neuschöpfun­gen gekennzeichnet ist, zu Aporien und zu falschen politi­schen Entscheidun­gen. Eine künstlerische Hinwendung zum Phänomen Migration kommt nicht umhin, sich über die Macht solcher Denkmuster klar zu werden und die symbolische Praxis‘ der Migrationsdiskurse wahrzunehmen.“

Es schien also, als solle die Documenta wiederum in die Hand von Theoriefreaks gegeben werden; umso überraschender, dass Roger M. Buergel selbst auf diese Rolle offenbar keine Lust hatte. Kurz nach seiner Ernennung begann er, in Interviews über Schönheit zu philosophieren – diesen schwierigsten, seiner Selbstverständlichkeit am gründlichsten beraubten Begriff der Moderne. Wie ein Bildungs­bürger schwärmte Buergel von Edouard Manet und pries den Glanz persi­scher Teppiche; die Schönheit solle aus den Louis-Vuitton-Vitrinen in die Aus­stellung zurückgeholt werden. Als sich der Autohersteller Saab entschloss, die Documenta zu sponsern, drehte der Be­griff Schönheit dann noch eine Ehrenrunde durch die Warenwelt: Buergel attestierte einem Saab-Modell „die formale Eleganz und Leichtigkeit einer weißen Wolke“. Zuletzt versprach er gar dem alten Geschlechterdiskurs-Organ „Playboy“, die Kunst solle Menschen „in Champagnerlaune“ versetzen.

Roger M. Buergel hat großes Geschick darin entwickelt, die eigenen Spuren zu verwischen und dem jeweiligen Adressaten das Gefühl zu geben, genau seine Wünsche und Sehnsüchte könnten auf der Documenta befriedigt werden. Einzig der Kunstmarkt wird gleichbleibend auf Distanz gehalten – allen anderen bietet Buergel die Versöhnung der Welten an.

Doch die wortreiche Mimikry verweist auch auf einen Kern, der wohl mit dem Menschen Buergel zu tun hat. „Ich möchte nicht identifizierbar sein“, hat er einmal gesagt – ein Schlüsselsatz. Sein Weg zur Freiheit ist das „So tun, als ob“. In öffentlich geführten Gesprächen betreibt er seine Selbstentfaltung als buntes Mobile schillernder Begriffe: Schönheit, Selbstsorge, Bildung, emanzipatorische Agenda, das bloße Leben. Nun baumelt es über den Köpfen der Documenta-Besucher.

Die Frage, wer Roger M. Buergel wirklich ist, hat bislang noch keiner gestellt – auch das ein Erfolg seiner Ne­belwerferstrategie. Auf den klassi­schen Satz des „FAZ“-Fragebogens „Wer oder was hätten sie sein mögen?“ schrieb er: „Die Frage verstehe ich nicht.“

Noack: Ja, dann definier mal, was das Meisterwerk ausmacht.

Buergel: Ich glaube, das interessante am Meisterwerk ist, dass es keine Definition gibt, es immer mit der Singularität dieses Werks zu tun hat; ich kann es an dem Werk zeigen, aber es gibt keine Rezeptur.

Noack: Das würde bedeuten, das Meisterwerk stellt Regeln auf, die dann aber ...

Buergel: ... nur für das Meisterwerk gelten ... ja, so könnte man es sagen.

Ende der Debatte. Ein schöne Vor­stellung, dass in gleichem Ton auch über alltägliche familiäre Probleme gestritten wird, unter reger Anteilnahme der beiden Kinder Charlotte, 12, und Kasimir, 4. Dass diese symbiotische Einheit von Leben und Arbeiten nicht immer einfach ist, geben beide unumwunden zu. Zumal dann, wenn man den Anspruch hat, in der Vorbereitungszeit die nach Kassel kommenden Künstler privat zu beherbergen – „damit die nicht in so einem traurigen Hotel landen“.

Documenta 12

Dauer der Ausstellung: 16. Juni bis 23. September 2007. Eintrittskarten: Tickets gibt es an zahlreichen Verkaufsstellen vor Ort. Weitere Informationen (0561) 707270 Eintrittspreise: Tageskarte 18 Euro, ermäßigt 12 Euro, 2-Tageskarte 27 Euro, ermäßigt 18 Euro, Gruppenkarte (ab 10 Personen) 14 Euro, ermäßigt 9 Euro, Abendkarte (gültig ab 17 Uhr) 8 Euro, ermäßigt 5 Euro, Dauerkarte 90 Euro, ermäßigt 60 Euro, Schulklassen (pro Person) 6 Euro. Katalog: Kurzführer, gebundene Ausgabe (448 S., 34,99 Euro), als Softcover-Ausgabe nur in der Ausstellung für 25 Euro erhältlich. Umfangreiches "Bilderbuch" der ausgestellten Werke, (256 S., 39,99 Euro). Alle Bände erscheinen im Taschen Verlag.

http://www.documenta12.de

office@documenta.de

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1 Leserkommentar vorhanden

Annelie Renner

13:50

06 / 11 / 07 // 

Roger Buergel/Ruth Noack

Dass innerhalb von 3 Monaten kein einziger Leserkommentar geschrieben wurde, spricht schon für sich: der Inhalt des Artikels und das Interview ist vollkommen belanglos und bedarf noch nicht einmal eines Kommentars.

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