Roger Buergel / Ruth Noack
Documenta 12
Die Schritte hallen laut im Flur. An der Seite steht eine Bank, auf der niemand sitzt. Eine junge Frau wartet, dass der Kopierer ein paar Blätter ausspuckt. Roger Martin Buergel, 44, steht unter dem Neonlicht, eine Hand in der Hosentasche, und sein müder Blick streift die weiße Wand, wo Zeitungsausschnitte und Veranstaltungsplakate angepinnt sind. Er wirkt in diesem Moment nicht wie der künstlerische Leiter der immer noch wichtigsten Kunstausstellung der Welt; eher schon ähnelt er dem Dekan eines verwunschenen, von Kürzungen betroffenen Instituts an irgendeiner deutschen Universität. „Wir machen das mit unglaublich wenig Leuten hier“, sagt er tapfer lächelnd. Irgendwo am Ende des Flurs fällt eine Tür zu.
Das Documenta-Büro im Dock 4, gleich hinter dem Kasseler Museum Fridericianum gelegen, ist ein Ort ohne Glanz. Umso größer der Ruhm, der hier zu ernten ist: Während der Markt Werke in Millionen Dollar misst und zum sinnlosen Protzen neigt, kann die Documenta der Kunst gesellschaftliche Relevanz zurückgeben. Ein Massenevent auf höchstem inhaltlichen Niveau – der Documenta-Leiter kann Kunstgeschichte schreiben. So gesehen, hat Roger M. Buergels Mission hier etwas Märchenhaftes. Er kam aus Wien, wo ihn selbst in der Kunstszene kaum jemand kannte; die neunziger Jahre hatte er in akademischen Zirkeln und windstillen Winkeln der Theorie verbracht. An Orten wie dem „Kunstraum der Universität Lüneburg“ machte er Ausstellungen. Nach dem Auftakt einer großen Karriere sah das nicht aus.
Dann kam, für alle überraschend, die Ernennung. Manchmal wirkt es, als könne Buergel sein Glück noch immer nicht fassen; er redet dann von dem „einzigartigen Ethos“ dieser Ausstellung, von der Möglichkeit, „spielerisch so zu tun, als wäre ein ganz großes Statement wie dieses noch möglich“. Selbst das Scheitern, das er für „normal“ hält, kann an diesem Ort nur etwas Gutes sein. Roger M. Buergel lächelt viel – ein glücklicher Desperado, der die Kunstwelt und die Weltkunst im Handstreich nehmen will. Das Improvisieren liegt ihm, das Arbeiten mit einer rund 30-köpfigen Crew, die sich nach der Ausstellung in alle Winde verstreut. „Die Tatsache, dass wir ohne einen etablierten Apparat arbeiten, gibt uns eine ungeheure Freiheit.“
Für Kassel ist diese Sichtweise durchaus neu. Zuletzt nahmen die Documenta-Leiter ihre Aufgabe auf nahezu staatsmännische Weise ernst. Der in Nigeria geborene und in New York lebende Okwui Enwezor verschanzte sich 2002 hinter UNO-tauglichen Verlautbarungen und dem Sachverstand von sechs Kuratoren, die Französin Catherine David hatte 1997 der Ausstellung einen Großkongress angehängt, um jedes Weltproblem wenigstens einmal angesprochen zu haben, mit Protokoll und Simultanübersetzung. Die Documenta als nordhessisches Weltgericht – eine erdrückende Vorstellung, die der neue Leiter hinter sich lassen will. Schon äußerlich taugt er nicht zum Staatsmann: Mit Menjoubärtchen und schreiend bunter, aber niemals herausgeputzter Kleidung oszilliert er zwischen Dandy und Kunstlehrer.
Neue Schritte hallen im Flur, Ruth Noack kommt – Buergels Lebensgefährtin und Mitstreiterin seit 23 Jahren. Sie ist eine freundliche Frau mit offenem Blick und leicht träumerischer Aura. Auch sie liebt leuchtende Farben, und sie kleidet sich gerne nostalgisch mit weiten Röcken und hochgeschlossenen Blusen. Als Kuratorin ist sie gleichberechtigt an der Ausstellung beteiligt, die Zusammenarbeit verläuft „oft ohne Worte“.
Wenn aber welche fallen, sind sie wohlgesetzt. Sein Motto, so sagt Buergel später im Gespräch, habe er von einem chinesischen Kaiser geklaut, der in der Verbotenen Stadt die Worte „Tue nichts“ anbringen ließ. „Davon sind wir aber weit entfernt“, stöhnt Noack. „Davon war der chinesische Kaiser auch weit entfernt“, entgegnet Buergel, „sonst würde er das da nicht hinschreiben.“ Vor Widersprüchen haben die beiden, die schon gemeinsam Abitur machten, aber erst als Studenten ein Paar wurden, keine Angst. Im Gegenteil, die Gedankenmaschine, zu der sie verschmolzen sind, scheint geradezu von These und Antithese angetrieben zu werden. Wer zuhört, erlebt Dispute von sokratischer Gesprächslust. Das hört sich dann so an – ein Interview-Dialog zum Thema Meisterwerke: