Konrad Mühe in Berlin

Über-Projektionen

Sein Vater ist der verstorbene Schauspieler Ulrich Mühe, sein Bruder der Fotograf Andreas Mühe. Konrad Mühe kommt aus einer echten Künstlerfamilie. In seinen Arbeiten beschäftigt er sich vor allem mit einer selbstreflexiven Suche nach Identität. Jetzt überzeugt seine Ausstellung "Dein Lächeln wurde gezeichnet" in der Berliner Galerie Russi Klenner mit neuen Videoinstallationen zum Thema "Projektion und Subjektivität".
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Konrad Mühe: "Avalanche", 2013, Glasplatten, Beamer, Video

Das Leitmotiv der Ausstellung trifft man gleich zu Beginn: Eine leere weiße Fläche wird da an die Wand projiziert. Bei näherem Hinsehen erweist sich diese Fläche, die in verschiedenen räumlichen Perspektiven zu sehen ist, als gespanntes Tuch, als TEXTil. Genauer: als gleichsam noch unentdecktes, denn eben dafür steht die weiße Fläche in der Kartographie, TEXTil, das wie ein unbeschriebenes Blatt darauf wartet durch Zuschreibungen definiert zu werden.

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Konrad Mühe: "Jona", 2017

Benannt worden immerhin ist es schon: "Jona", 2017, nämlich heißt diese figurative Videoinstallation von Konrad Mühe. Der (hebräische) Vorname "Jona" nun steht nicht nur für den weißen Vogel "Taube", sondern auch für den "Friedliebenden". An die Wand geworfen wird dieses weiße Tuch von einem Videoprojektor, der auf einem zusammengerollten und zu einen Rumpf geknickten Teppich steht. Bequeme, vielleicht etwas antiquierte Häuslichkeit, aber auch existentielle Beengtheit drücken sich in diesem Teppichkörper aus. Kein Wunder: Im Laufe der Projektion faltet sich das weiße TEXTil zusammen, umhüllt scheinbar ein ebenfalls undefiniertes Objekt und findet so seine Bestimmung schließlich in schnöder Nützlichkeit.

Mühes Arbeiten erzählen vom Problem emotionaler Projektion

So lapidar die figurativen Video-Installationen von Konrad Mühe auf den ersten Blick daherkommen, so komplex und psychologisch signifikant erweisen sie sich auf den zweiten Blick. Projektion, Identität und (Selbst)Verortung nämlich stehen hier immer wieder zur künstlerischen Disposition, so auch in der Installation "Alexander", 2017. Wieder steht da ein Rumpf, dieses Mal durch einen rechteckigen Holztisch mit vier Beinen dargestellt. Auf einer Seite der Tischplatte ein Videoprojektor, der quasi zum Kopf wird, am anderen Ende des Tisches ein schwarzes Kabel, das herunterhängt und so nicht nur den Projektor mit Strom versorgt, sondern auch einen Schwanz vorstellt – ein Hund?! Dieser "Beschützer", so die Namensbedeutung für "Alexander", blickt sich selber an, besser: Bilder von sich, wirft doch der Projektor zehn Szenen unterschiedlicher in die Kamera blickender Hunde aus diversen Spielfilmen an die gegenüberliegende Wand. Der Hund als "des Menschen bester Freund" steht hier, beinahe ein wenig humoristisch, nicht nur für das Problem der Selbstwahrnehmung, sondern vor allem auch für das Problem von emotionaler Projektion überhaupt, ist doch die Vermenschlichung des Hundes ein klassisches Beispiel des Hineinprojizierens von Eigenschaften auf Lebewesen und die dadurch geleistete (Fehl-)Konstruktion von Identität.

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Projektion ins Nichts von Konrad Mühe: "Gregor", 2017, im HIntergrund: "Alexander", 2017

Die dritte Installation "Gregor", 2017, verstört dann auch durch ihre fast schon verzweifelte Absurdität. Ein altertümlicher Eckschrank steht da, herausgerückt aus seinem angestammten Platz, nämlich beinahe mittig im Raum. In ihm ist wiederum ein Videoprojektor platziert. Letzterer nun "sendet", wenn man so will, einen Film, nicht aber auf eine Leinwand, sondern durch eine Scheibe hindurch, raus aus der Galerie, hinein ins Nichts. Der Film bleibt daher unsichtbar, die Projektion ist so inhaltsleer wie vergeblich. "Gregor", der skulptural-personifizierte "Wachsame", verweigert sich in seiner unangebrachten Positionierung also konsequent jedweder subjektivierenden Zuschreibung und Identifizierung.

Architektonische Präzision sucht man in diesen "Wohnungen" vergebens.

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Konrad Mühe: "Wohnung", 2017

In Konrad Mühes Wandreliefs "Wohnung M", "Wohnung B" und "Wohnung G", alle 2017, schließlich geht es um die Vagheit, ja Unmöglichkeit von (autobiographischer) Verortung mit Hilfe der kantianischen Kategorien von Raum und Zeit. Der Künstler hat in diesen drei Bildern nämlich die Grundrisse von Wohnungen nachgezeichnet, die er einmal selbst bewohnt hatte. Allerdings hat er diese Grundrisse nicht mit Stift auf Papier klar umrissen, sondern sie mit gefundenen kleinen Steinen in weiches, blaues Schaumstoff eingedrückt. Im doppelten und wahrsten Sinne des Wortes "schwammig" erscheinen sie so, architektonische Präzision sucht man in diesen "Wohnungen" ebenso vergebens wie, und dieses gilt für die gesamte berührende Ausstellung, eine eindeutige Positionierung von Identität. Bildlich wird dieses nicht zuletzt in der Videoinstallation "Avalanche", 2013, die im letzten Raum der Galerie Russi Klenner zu sehen ist. Der Künstler selbst ist da, projiziert auf einen Stapel Glasscheiben, schemenhaft zu sehen, wie ein morsches Stück Treibholz lässt er sich willenlos und selbstvergessen vom Wasser fortspülen.

Konrad Mühe. Dein Lächeln wurde gezeichnet

Termin: noch bis 6.1.2018

Galerie Russi Klenner, Luckauer Str. 16, 10969 Berlin