Triennale »Das Floß« in Ostende

Der Mensch und das Meer

In der heutigen Flut von Tri- und Biennalen kann sich die Triennale »Das Floß« in Ostende locker behaupten – eine eindrückliche Schau zum Überlebenskampf von Flüchtlingen, Künstlern und anderen Menschen
Der Mensch und das Meer

Chiharu Shiota lässt rote Spinnweben schaurig-schön einen ganzen Raum samt Ruderbooten überziehen: "Uncertain Journey", 2017

Was beim Betreten der kleinen Kirche in den Dünen wie eine vergoldete Reliquie in einem gläsernen Heiligenschrein anmutet, entpuppt sich als winziges Floß aus langen dünnen Stangen, die vertraut aussehen: Es sind Salzstangen – aber aus Bronze. "Aqua e sole, uit de reeks: Soletti Giacometti" heißt die Arbeit von Manfred Erjautz, der die Gleichgültigkeit anprangern will, mit der wir auf dem Sofa Salziges knabbern, während auf den Fernsehschirmen Flüchtlingsboote kentern.

Erjautz’ kleines Floß gehört zu den eindringlichsten und auch lyrischsten Werken der zweiten Triennale von Ostende. Insgesamt 73 Arbeiten sind im mu.zee zu sehen und über die gesamte Stadt verteilt, an ungewöhnlichen Orten wie dem Gerichtsgebäude, auf einem alten Schulsegelschiff oder in der Sommer­residenz von Leopold II. Dass die flämische Hafenstadt mit ihren gerade mal rund 70 000 Einwohnern als Kurator Jan Fabre gewinnen konnte, einen der wichtigsten Gegenwartskünstler, kommt nicht von ungefähr: Fabre war ein enger Freund von Jan Hoet, dem 2014 gestorbenen Kurator der ersten Triennale zum Thema "Meer".

Floß als Metapher für Überlebenskampf

Fabre entschied sich nun für das Floß als maritimes Sujet. Ausgangspunkt ist sein eigenes Werk mit dem Titel "Das Floß. Kunst ist (nicht) einsam",  ein 1986 entstandenes utopisches Atelier. Fabres Co-Kuratorin Joanna de Vos kam daraufhin auf die geniale Idee, sich auch noch an Géricaults Floß der Medusa zu orientieren, das die Überlebenden einer 1816 gesunkenen Fregatte zeigt. Genial, weil die Schau dadurch eine ganz andere Dimension bekommt und obendrein politische Aktualität: Das Floß wird zur Metapher für den Überlebenskampf des Menschen im Allgemeinen und des Künstlers im Besonderen. 52 der 73 Arbeiten entstanden speziell für die Triennale, darunter eindringliche Werke wie das hoch oben in einem offenen Kirchturm hängende Gitter von Berlinde De Bruyckere, in dem sich angespülte Lumpen und menschliche Körperteile verfangen zu haben scheinen. Oder der aus dem Holz von Flüchtlingsbooten zusammengezimmerte bunte Parkettfußboden des Spaniers Carlos Aires.

Der Bilderfluss und die Flüchtlinge
In seiner chinesischen Heimat musste er Verfolgung und Haft erdulden. Für seinen ersten Kinofilm »Human Flow« reiste Ai Weiwei in 23 Länder, um sich selbst ein Bild von den Dramen der globalen Flüchtlingskrise zu machen

Chiharu Shiota lässt rote Spinnweben schaurig-schön einen ganzen Raum samt Ruderbooten überziehen. Katie O’Hagan stellt sich als Schiffbrüchige auf einem Floß dar, das sie gerade malt – dank der Kunst kann sie überleben. Auch Bill Violas großartige Videoarbeit "The Raft", die Wartende am Straßenrand zeigt, die plötzlich von Wasserwerfern attackiert werden und um ihr Leben kämpfen, dürfte nie in angemessenerem Ambiente präsentiert worden sein. Fast alle Künstler waren bereit, Fabre ihre Arbeiten kostenlos zur Verfügung zu stellen. Angeblich standen ihm bescheidene 1,6 Millionen Euro zur Verfügung. Jedenfalls ist den beiden Kuratoren eine Ausstellung gelungen, die sich in der Flut der Tri- und Biennalen behaupten kann. Ein Geheimtipp.

Das Floß. Kunst ist (nicht) einsam – Jan Fabre
Der belgische Maler, Bildhauer und Regisseur (*1958) organisiert eine Ausstellung, die sich auf ebenso kreative wie ungewöhnliche Weise mit dem Meer und der Hafenstadt Oostende auseinandersetzt
Mu.ZEE ,  Oostende