Utopics

Biel



FREIHEIT WEHT AUF DEN FAHNEN

Die 11. Schweizerische Plastikausstellung Biel feiert die soziologisch orientierte Konzeptkunst. Simon Lamunière, Kurator der Ausstellung "Utopics", fordert dabei die "Skulptur Projekte Münster" heraus: Die Bieler Plastikausstellung soll mehr sein, als ein künstlerisch inspirierter Rundgang durch die Geschichte und Probleme einer Kleinstadt des Schweizer Seenlandes. art-Korrespondent Gerhard Mack präsentiert exklusive Video-Impressionen.
// GERHARD MACK, BIEL

Ihre Majestäten sind zufrieden. Noch keine 20 Jahre sind vergangen, seit Carl Michael von Hausswolff und Leif Elggren das Royal Kingdom of Elgaland-Vargaland (KREV) ausgerufen, sich die Königskrone aufs Haupt gesetzt und eine aufgeklärte Diktatur etabliert haben.

Als Währung wurde der gute alte "Thaler" aus der Versenkung geholt. Die Zahl der Botschaften von San Francisco bis Oslo kann sich sehen lassen. Und jetzt knattert die Flagge mit der zackigen rot-schwarzen Feuerlinie auf weissem Grund auch noch bei einem internationalen Kunstevent. Am Ufer des Bielersees haben ein gutes Dutzend "Mikronationen" im Rahmen der 11. Schweizerischen Plastikausstellung Biel ihre Embleme auf die Masten gezogen. Feierlicher geht es auch am Sitz der EU in Brüssel und Straßburg nicht zu.

Fragen beantworten die beiden Majestäten selbstverständlich keine. Dafür haben sie ihren Botschafter vom Zürcher Cabaret Voltaire mitgebracht. Und der erzählt hinter dunkler Sonnenbrille, dass man im letzten Jahr den Bodensee annektiert habe, zuvor die Toteninsel von Venedig, und dass zur Eröffnung der Botschaft in Berlin alle Länder ihre Botschafter zur Feier ins Haus der Kulturen geschickt hätten. Probleme mit real existierenden Staaten gibt es allerdings keine: "Unser Territorium ist die Grenze. Das kann ein breiter Todesstreifen sein, die feine Trennlinie zwischen Wachsein und Traum oder die Schnittfläche zwischen digitaler und realer Welt." In Biel, das die französischsprechenden Einwohner Bienne nennen, ist es die Grenze zwischen den Sprachen der bilingualen Stadt. "Für die gibt es sogar linguistische Begriffe", weiss Botschafter Adrian Notz. "Unser Territorium ist der Zwischenraum."

Neun Jahre Pause – wegen Geldmangel

Damit bringt der Postdadaist auf den Punkt, worum es dieser 11. Schweizerischen Plastikausstellung in Biel geht. Es wimmelt von mentalen, politischen und sonstigen Separatisten, die ihr eigenes kleines Reich errichtet haben und stolz darauf verweisen, und sei es auch nur in der symbolischen Form eines Kartons wie Robert Filliou. Wir wollen alle frei sein und nicht durch Konventionen und Systeme geknechtet werden, könnte man auf die vielen Fahnen schreiben, die Künstler mit eigenen Signets von Bieler Häusern wehen lassen. Marco Poloni gräbt einen Schacht unter einem Gartenwerkzeughäuschen, um dem bourgeois-romantischen Elfenaupark zu entkommen. Die Wiener Gruppe "State of Sabotage" hat einen umfunktionierten Leichenwagen über einem Kanaldeckel mit eigenem Signet geparkt, um imaginäre Hoheitsrechte über die Welt der dunklen Kanäle zu proklamieren. Selbst im Zimmer 106 des Hotel Mercure feiert Andrea Zittel in einem Video auf dem Zimmer-TV die Freiheit ihrer selbst gebauten Living Units in der amerikanischen Wüste.

Der Kurator der Ausstellung Simon Lamunière, den Kunstfreunde seit langem von der Art Basel kennen, für die er die sperrigen Werke der Art Unlimited in beschaubare Arrangements bringt, hat rund 50 Künstlerinnen, Künstler und nichtkünstlerische Initiativen eingeladen, die sich mit dem Ort auseinandersetzen, an dem sie auftreten, die ihn untersuchen und unterminieren. Damit schlägt er nach einer neunjährigen Pause, der sich die Schweizerische Plastikausstellung Biel aus Geldmangel ausgesetzt sah, neue Töne an. Seit ihrer Gründung 1954 bot die Schau für viele Jahre all dem ein Podium, was wir traditionellerweise mit Skulptur verbinden. Die vielen Parks und Alleen der Stadt am See sind voll von den Zeugnissen der Auseinandersetzung mit dem Körper und mit den Kräften der Natur. Figuratives und fast naturwissenschaftliche Versuchsanordnungen zu Schwerkraft und Gleichgewicht sind gleichermassen vertreten.

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo