OFF-Biennale Budapest

Von den Kleinen lernen

Im politischen Vakuum nach dem zweiten Weltkrieg entstand in Ungarn einst "Gaudiopolis". Die legendäre Kinderrepublik ist thematischer Ausgangspunkt einer Biennale, die es schafft, eine hoffnungsvolle Gegenwelt zur reaktionären Stimmung in Budapest zu entwerfen.
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Johanna Billing: "I’m Gonna Live Anyhow Until I Die", 2012, HD-Video, 16:29 Minuten, Loop

Wie errichtet man eine demokratische Republik? Diese Frage haben sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 viele kluge Köpfe gestellt, besonders in Osteuropa. Václav Havel etwa, die Bürgerrechtler und Gewerkschafter in Polen und vielleicht auch ein junger ungarischer Jurist namens Viktor Orbán. Nachdem ihn die Georg-Soros-Stiftung 1988 zum Philosophiestudium nach Oxford geschickt hatte, stieg er 1990 als sozialistischer Jungfunktionär in die Politik ein. Heute hat das rechtskonservative Staatsoberhaupt offensichtlich kein Interesse mehr an dieser Gretchenfrage einer politischen Führungskraft. Vielmehr benutzt er große Teile der ihm anvertrauten Nation für seinen Vatermord an dem Milliardär George Soros, den er zum Sündenbock für alles, was in Ungarn und in der Welt schiefläuft, hochstilisiert hat.

Die Frage nach der Demokratie in seinem tief gespaltenen Land überlässt er offenbar Oppositionellen und kritischen Künstlern. Mit der OFF-Biennale in Budapest geben jene nun eine unmissverständliche Antwort, die bereits im Titel der Ausstellung liegt: Gaudiopolis. Das klingt erstmal schwer nach Vergnügungspark. Aber weit gefehlt. Denn Gaudiopolis ist ein historisches, fast schon legendäres Modell dafür, wie eine Gesellschaft funktionieren kann. Nicht als Utopie, sondern als praktisches Zusammenleben, das sich auf den Trümmern des zweiten Weltkriegs für einige Jahre in Ungarn tatsächlich entfaltete. Im politischen Vakuum und völlig ideologiefrei, schufen sich rund zweihundert Waisen- und Kriegskinder von 1945 bis 1951 ihre Kinderrepublik Gaudiopolis.

Hommage an die rebellische Ostblockkunst der siebziger und und achtziger Jahre

Dass sich die Biennale-Macher dessen entsannen, ist ein großer Wurf. In einer Lage, in der die meisten kritischen Intellektuellen und Kunstschaffenden an der reaktionären staatlichen Kulturpolitik verzweifeln, schaffen sie es, eine zeitweilige Gegenwelt einzurichten. In dieser Gegenwelt gibt es Hoffnung und Vergnügen gleichermaßen. Die Totalverweigerung von staatlichen Institutionen und Fördergeldern ist dabei Programm. Doch an der schieren Menge der nichtmusealen und unkonventionellen Ausstellungsorte kann man ablesen, wie viel Resonanz diese aufmüpfige Biennale erfährt. Mindestens fünf kommerzielle Galerien, sonst Konkurrenten, sind mit von der Partie. In dreien davon, fußläufig um den malerischen Károlyi-Kert-Park angeordnet, widmete sich der junge Kurator Peter Szörenyi einer Hommage an die rebellische Ostblockkunst der siebziger und und achtziger Jahre. Man merkt Szörenyi seine Entdeckerfreude an. Denn wirkt die erfinderische und riskante Auflehnung gegen die autoritären Systeme von einst heute nicht zumindest ermutigend? Illustre Namen wie Sanja Iveković, Ewa Partum, Endre Tot sind hier versammelt. Zur Eröffnung reiste der tschechische Nestor der Subversionen, Jiří Kovanda an – wie ein zeitgeschichtliches Monument des verschmitzten künstlerischen Widerstands aus dem Lande von Kafka und Schwejk.

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Wiederentdeckt für das junge Publikum: provokative Arbeiten der Polin Ewa Partum aus den siebziger Jahren

Der weitläufige Parcours führt weiter ins suburbane OFF: Auf dem Dach einer Forschungssternwarte etwa, hoch auf den Hügeln von Buda, stellen die Kanadier Richard Ibghy und Marilou Lemmens mittels Miniaturlaboren Versuche an manipulierten Tieren nach: der Hase, der als Sensor für giftige Luft abgerichtet ist, die kastrierten Hunde, die auf Befehle oder die Raben, die auf Fleischbrocken reagieren. Hier oben atmet es sich leichter und man mag kaum glauben, dass da unten im majestätischen Flusstal, namentlich im nun spielzeugklein wirkenden Parlamentsgebäude immer wieder neue Perfidien gegen das freie Denken ersonnen werden.

Ein Hauch von Resignation in einem feuchten Keller

In einer umgewidmeten Etagenwohnung auf der Dob Utca im früheren jüdischen Viertel läuft mit "A Sense of Warmth" (2015) eine Videoarbeit des Deutschen Sven Johne. Seine Filme sind stille, meist tragische Fiktionen der Auflehnung gegen Geschichtsmodelle, Naturgesetze und den Lauf der Dinge. Hier liegt ein Hauch von Resignation in der Luft, der am nächsten Kunstort, nun ein feuchter Keller unter einem Stadtteilladen, nicht besser wird. Auch dort werden per Video Sozialexperimente mit geringer Reichweite behandelt: Die Italienerin Giulia Bruno untersucht die Geschichte der künstlichen Weltsprache Esperanto und die Ungarn Kati Simon & Zsolt Vásárhelyi widmen sich dem Berliner Reformgymnasium auf der Insel Scharfenberg wie einer fernen Mär.

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Das Kaffeehaus Harom Hollo am Ufer der Donau ist Schauplatz der Gruppenschau "People Players"

Die nächste Station in der Innenstadt liegt direkt am Donauufer: Ein mondänes Kaffeehaus, das - schon bestuhlt - erst Ende des Jahres offiziell eröffnet. Der kuratorische Grundton bleibt sich treu, erhebt sich in dieser Atmosphäre jedoch ins hoffnungsvollere Dur. Ganz besonders unterhaltsam wirkt die Installation des einheimischen Künstlerduos Anikó Loránt & Tamás Kaszás, die mit Zeichnungen, Fotoserien und Basteleien vom selbstgewählten Leben außerhalb des Konsumwahns erzählt – so fröhlich, als wäre das Dasein ein immerwährendes Kinderferiendorf. "Wenn wir mit Kunst genug Geld zusammen bekommen haben," kündigt der potentielle Aussteiger Kaszás während der Eröffnung an "dann kaufen wir uns Land und ziehen uns gänzlich aus der institutionalisierten Kunstszene zurück."

Da von letzterer im Orban-Reich sowieso nicht viel übrig ist, mutet dieses Statement recht kindlich an. Aber genau darum geht es wohl. Im Raum daneben schickt die Schwedin Johanna Billing in einem Video vier Kinder auf eine anarchistische Entdeckungstour durch Rom: "I’m Gonna Live Anyhow Until I Die" (2012). Solchermaßen beflügelt treffen dann auch die farbenfrohen modernistischen Baukastensysteme von Adam Kokesch aus Budapest den Nerv der Besucher, ebenso der Film "To be framed" (2016) des Tschechen Zbyněk Baladrán. Wie Billing überlässt auch Baladrán vermeintlich Kindern das Ruder, indem er einige Minderjährige auf einer verlassenen Militärbasis aussetzt. Die daraus erwachsende Melange von Unschuld und Gewalt erinnert erschwert an Szenarien aus William Goldings "Herr der Fliegen" und durchkreuzt damit geschickt Visionen vom idyllischen Kinderparadies.

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Filmstill aus "To Be Framed': Das Video des Tschechen Zbynek Baladran erinnert an den Roman "Herr der Fliegen".

Denn auch das ursprüngliche Budapester Gaudiopolis war keine Idylle, ganz abgesehen davon, dass es dort um das reine Überleben im Nachkriegsungarn ging. Zwar setzten die Kinder und Jugendlichen eine Verfassung, eine eigenen Währung und ein Rechtssystem ein, wählten einen Ministerpräsident und gründeten eine Zeitung. Doch neben handwerklichen Tätigkeiten bettelten und stahlen sie organisiert, um ihre Existenz zu sichern. Bereits im März 1946 gab es einen Staatsstreich, bei der die tonangebenden Zwölf- bis Sechzehnjährigen zugunsten der jüngeren Kinder entmachtet wurden. Interessanterweise wurden aus vielen Bewohnern von Gaudiopolis später erfolgreiche Literaten, Anwälte, Ärzte und Forscher, sogar ein Nobelpreisträger war darunter. Die Geschichte des Kinderstaats könnte heute Ungarns ganzer Stolz sein, in Wirklichkeit ist sie schon halb vergessen.

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Bollwerk gegen Populismus und radikalen Nationalismus

Deshalb bildet eine halb dokumentarische, halb künstlerische Inszenierung von Kuratorin Katalin Székelyi das inoffizielle Herzstück der OFF Biennale, die mit ihrer verstreuten, kleinteiligen Struktur kein wirkliches Zentrum hat. Der Schauplatz von Székelyi Ausstellung "Somewhere in Europe" ist selbst bereits ein politisches Symbol: Die Galeria Centralis befindet sich im Erdgeschoss der Open Society Archives (OSA). Die Archive gehören zu der durch die Orban-Regierung heftig attackierten und ständig von Schließung bedrohten Central European University (CEU). Letztere ist wiederum Teil des Stiftungsnetzwerks von George Soros, das in Osteuropa seit 1989 aktiv ist. Die Bildungsstätte wie auch ihr Archiv auf der Arany-Janos-Straße verstehen sich als Bollwerk von Zivilgesellschaft und Demokratie, gegen Populismus und radikalen Nationalismus. Bereits im Windfang des Gebäudes grüßt ein verwaister Denkmalsockel als Statement dieser Mission. Seit 1986 stand darauf die Sitzfigur des großen ungarischen Denkers György Lukács (1885-1971). 1993 wurde sie bei Nacht und Nebel aus der Eingangshalle der Budapester Universitätsbibliothek entfernt. Das leere Piedestal fand gleichsam politisches Asyl im OSA und erst kürzlich wieder zu trauriger Aktualität.

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In der Galeria Centralis wird mit Kunstwerken und Workshops der Geschichte der Kinder von Gaudiopolis nachgespürt.

Vor ein paar Monaten ließen die Budapester Stadtväter nun auch das letzte Lukács-Denkmal offiziell beseitigen. Selbst längst tote Aufwiegler wie der umstrittene Marxist und Regimekritiker gelten im neuen, vaterländisch gestimmten Ungarn als Bedrohung. Eine Bevormundung, die die minderjährigen Realpolitiker von Gaudiopolis wahrscheinlich auf die Barrikaden getrieben hätte. "Die Kinder sollen soziale Grenzen überwinden, sie sollen zu selbständigen und selbstkritischen Bürgern heranwachsen.", so schrieb Gábor Sztehlo (1909-1974), Leiter des Waisenhauses und protestantischer Pfarrer, einst. Anfang 1945 hatte er das Gesellschaftsexperiment auf den Weg gebracht, indem er seine kleinen Schutzbefohlenen zu einer Zusammenkunft bat. "Macht jetzt Republik!" soll er gerufen haben und den Raum verlassen. "Macht jetzt endlich wieder Republik!" scheinen die Künstler, Kuratoren und Aktivisten der OFF Biennale fordern. Dabei hat Viktor Orbán 2012 sogar die Staatbezeichnung Republik aus dem offiziellen Landesnamen Ungarns tilgen lassen.

OFF-Biennale

Die Ausstellungen laufen noch bis zum 5. November 2017, einzelne Veranstaltungen auch noch später.

Das detaillierte Program finden Sie auf der Internetseite der Biennale.