Projekt in Wien

Der Künstler als Therapeut

Parallel zu seiner Kunstkarriere schloss Clemens Krauss eine Ausbildung zum Psychoanalytiker ab. Jetzt bittet der in Berlin lebende Grazer das Wiener Publikum auf die Couch. In der Theorie eine Provokation, in der Praxis ausgebucht.
Der Künstler als Therapeut
Clemens Krauss: "Künstlerhand", 2017, Silikon, Farbe und Eigenhaar, 35 x 30 x 3 cm

Es ist wohl nicht anzunehmen, dass Österreichs voraussichtlicher neuer Bundeskanzler, Sebastian Kurz, seine Wahlslogans gerade aus der Kunstszene geklaut hat (da scheint er noch weitgehend unbefleckt). Aber lustig ist es schon: "Es ist Zeit.", hieß der Spruch, mit dem Kurz die Wahlen gewonnen hat. "It's time" hieß die Retrospektive des ähnlich jungen (beide Anfang, Mitte 30) Künstlers Clemens Krauss 2014 im Marta Herford Museum.

Krauss ist geborener Grazer, den es immer schon weggezogen hatte, nach London, wo er am Central Saint Martins College studierte, nach Berlin, wo er seit Jahren lebt. In Österreich, in Wien, ist er daher wenig bekannt (was die Parallele mit dem Kurz-Spruch noch unwahrscheinlicher macht). Aber ein Kennenlernen wäre zumindest jetzt möglich, vielleicht sogar empfehlenswert, jedenfalls interessant: Krauss eröffnete gerade seine erste Einzelausstellung in Wien, bei der Dependance der Berliner Galerie Crone. Und was tut er? Bittet als in Berlin lebender Grazer die Wiener auf die Couch! In der Theorie natürlich eine Provokation. In der Praxis ist Krauss' Therapie-Angebot in der Galerie ausgebucht - fünf Wochen lang, Donnerstag bis Sonntag, empfängt er Patienten, die anonym bleiben können, zu Einzelsitzungen.

Was Krauss in den Sitzungen hört, soll ihn zu neuen Bildern inspirieren

Denn das hier ist ernst: Der Maler, der durch seinen extrem dicken, "körperlichen" Farbauftrag bekannt ist, mit dem er vorwiegend Menschen in extremen Perspektiven auf die sonst leere Leinwand malt, ist ausgebildeter Psychoanalytiker, er begann die Ausbildung vor sechs Jahren, sie erschien ihm logisch in der Verbindung seines ersten Studiums, der Medizin, und seines zweitens, der Kunst. Das, was Krauss in diesen Wiener Sitzungen hört, soll ihn jetzt zu neuen Bildern inspirieren, soll einfließen, wenn wohl auch nie direkt und sicher nie mit Namen der Person versehen, die ihn in ihr Innerstes blicken ließ (oder nicht).

Der Künstler als Therapeut
Clemens Krauss: "Nichtwissen", Installationsansicht in der Galerie Crone

Die Galerie ist jedenfalls halb leer, die Bilder sollen im Lauf der Zeit entstehen, das Innenleben der Galerie sich füllen mit dem Innenleben der Menschen, die hier hineingegangen sind. Klingt nach Kreislauf, ist auch einer. Krauss liebt derartige Schleifen, er liebt auch die Klischees, in ihnen steckt oft Wahrheit: So hängen jetzt, zu Beginn der Schau, nur wenige Arbeiten hier, gleich am Anfang eines der üblichen dicken Ölbilder - "Schlafende Hunde" heißt es und man sieht sie auch liegen, die Köter des Unbewussten. Man soll sie nicht wecken. Was passiert dann? Legt sich dann Kurz auf seine Couch, um seinen frühen Erfolg zu verarbeiten? Warum sollte er? Weil er "der genialen Künstlerhand" vertraut?

Der Künstler als Therapeut
Clemens Krauss: "Untitled", aus der Serie „Schlafende Hunde“, 2017, Öl auf Leinland, 120 x 150 cm

Die liegt auch schon da, nicht auf der Couch, sondern auf einem kleinen Regal in der Galerie: Krauss hat seine rechte Hand abgegossen und ihre Hülle, also die Haut, die Vorder- und die Rückseite, in Latex so naturgerecht wie möglich nachgebildet, was uns immer erschreckt. Das ist sie also, die manus ex machina. Der Künstler, das Genie? Der Therapeut als Gott? Der Künstler, der Therapie braucht? Der Künstler als Therapeut? Der Kunstsammler, der sich durch Kunst therapiert? Alle interagieren hier miteinander. Wer in welcher Rolle? Was wissen wir schon!

"Nichtwissen" nennt Krauss auch diese Ausstellung. Es ist ein Plädoyer dafür, sagt er. Denn nichts gebäre Schlimmeres, als zu glauben, dass man weiß. "Wissen", so Krauss, "ist die gefährlichste Form des Unwissens". Womit wir wieder mitten in Wien wären. Mitten in der Gesellschaft und der Politik, die sie verdient hat.

"Nichtwissen"

Die Ausstellung in der Galerie Crone läuft noch bis zum 18. November 2017.

Therapiesitzungen sind ausgebucht.