Paul Cézanne in Karlsruhe

Vexierspiel der Moderne

Wenn Stillleben eigentlich Landschaften sind und Landschaften wie Porträts wirken – Paul Cézanne, der große Vorreiter der Impressionisten, wird in Karlsruhe als Grenzgänger der Gattungen präsentiert.
Vexierspiel der Moderne

Paul Cézanne: "Pyramide aus Schädeln", 1898–1900

Die Kunstgeschichte liebt Ordnungen. Gemälde sortiert sie chronologisch oder nach Gattungen. Gerade bei Paul Cézanne (1839 bis 1906) werden Porträts, Landschaften und Stillleben gern sortenrein präsentiert. Die staatliche Kunsthalle Karls­ruhe will es nun anders machen, der Kurator Alexander Eiling ist überzeugt: In Cézannes Stillleben stecken Landschaften, seine Porträts sind ­zugleich Stillleben. "Wir wollen einen Blick auf Cézannes Werk werfen, der der bisherigen Lesart entgegensteht", sagt Eiling und will "auf Ähnlichkeiten, Übergänge und Verschleifungen« ­hinweisen."

"Metamorphosen" nennt sich die Schau mit rund 100 Leihgaben aus der ganzen Welt. Darunter befindet sich ein Blatt aus einer amerikanischen Privatsammlung, das Eiling ­besonders beeindruckt hat und deshalb die Ausstellung eröffnen wird. Das Aquarell "Jacke auf einem Hocker" (1890/92) zeigt eine Jacke auf ­einem Hocker – "aber man fragt sich: Was ist dieser Stoffberg, der sich auftürmt und etwas von einem pulsierenden Organismus hat?", sagt der Kurator. Einerseits sei es ein Stillleben, "aber es sieht auch aus wie eine Skulptur, kann ein Berggipfel sein oder das Porträt einer abwesenden Figur".

Der treueste Impressionist
Vielleicht war Camille Pissarro wirklich »der Erste der Impressionisten«, wie das Pariser Marmottan derzeit in einer großen Ausstellung behauptet. Dass er trotzdem nicht zur Legende wurde, hatte andere Gründe

Der Übergang von einer Gattung in die andere hält Alexander Eiling für symptomatisch für das späte 19. Jahrhundert, das sich von kategorialen Einordnungen habe lösen wollen. "Da ist Cézanne voll drin, alles ist der malerischen Geste untergeordnet, den einzelnen Pinselstrichen, aus denen alles werden kann." So sieht man auf einem Gemälde von 1905/06 zwar einen im Freien sitzenden Mann, "aber es soll keine Porträtähnlichkeit erreicht werden", sagt ­Eiling, "er ist abgestellt wie ein Still­leben". Zugleich wirke die Figur wie ein Teil der Landschaft: Da scheint aus seinem Unterarm ein Baum herauszuwachsen.

Innovation durch das Kopieren alter Meister

Cézanne habe im Vorgefundenen immer auch etwas anderes gesehen, sagt Eiling, der den besonderen ­Blickwinkel des Malers in Gegenüber­stellungen deutlich machen will. So konfrontiert er das Bild "Madame Cézanne in gelbem Lehnstuhl" (1888/90), das wie ein Stillleben wirkt, mit der "Pyramide aus Schädeln" (1898/1900), wobei die drei Schädel hier markante Charaktere zu haben scheinen.

Eine wichtige Grundlage war für Cézanne dabei das Kopieren Alter Meister. "Er hat zum Beispiel Strukturen in Rubens-Gemälden auf Baumgruppen in der Provence übertragen", so Eiling. Man habe sich aus der Tradition nicht komplett lösen, aber aus ihr heraus Eigenes entwickeln wollen. "Cézanne ist ein Meister des indivi­duellen, kreativen Kopierens", meint der Kurator und ist sich sicher: "Die Vielfalt an Kopien wird das Publikum verblüffen."

Cézanne – Metamorphosen
Die große Sonderausstellung des Landes Baden-Württemberg deutet das Werk des französischen Malers (1839–1906) aus einer produktiven Spannung, in der innovative Bildverfahren ebenso wirksam werden wie die kreative Aneignung von Bildern der Kunstgeschichte
Staatliche Kunsthalle ,  Karlsruhe
Seerosen, 1906, Art Institute of Chicago
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