Nalini Malani in Paris

Verführen mit allen Mitteln

Die indische Künstlerin studierte zu einer Zeit Malerei, als das in ihrem Heimatland eigentlich nur Männern vorbehalten war. Im Paris der intellektuell anregenden siebziger Jahre fand Nalini Malani schließlich zur politischen Multimediakunst. Dort zeigt eine große Retrospektive nun Werke aus fünf Jahrzehnten.
Verführen mit allen Mitteln

Nalini Malani: "All We Imagine as Light", 2016, Serie von sechs Tondi, (Detail : "I am Everything You Lost")

Wie man das Publikum gewinnt, meinte ­Na­lini Malani immer zu wissen: "Ich glaube zutiefst an die Bedeutung von Schönheit, um den Betrachter zu verführen", so ­lautet das Credo der 1946 geborenen Inderin, die mit ihren raumfüllenden Multimediainstallationen über den äs­thetischen Schock das Nachdenken provozieren will, ohne belehrenden Zeigefinger. Dabei verfolgt Malani seit rund 50 Jahren leitmotivisch Themen, die ernster nicht sein könnten: die Vertreibung aus der Heimat, religiöse und politische Gewalt gegen Minderheiten, nicht zuletzt die Unterdrückung der Frau in der Gesellschaft und im männlich dominierten Kunstbetrieb.

Nalini Malani wurde als Kleinkind mit ihrer Familie bei der Teilung In­diens aus dem heute pakistanischen Karatschi vertrieben und nach Bombay zwangsumgesiedelt. Dort studierte sie von 1964 bis 1969 an einer von den Engländern verwalteten Kunsthochschule Malerei, einem in Indien nur Männern ­reservierten Medium, wie schon die ­Reaktionen auf ihre ­erste Ausstellung 1966 zeigen sollten. 1970 ging sie mit einem Stipendium nach Paris, lernte dort das Filmemachen und kehrte 1973 zurück, um ­weiter zu malen. 1985 organisierte sie in Delhi die erste Ausstellung ausschließlich für indische Künstlerinnen. Sie erweiterte ihre Kunst mit Performance und szenischen Arbeiten. 1992 griff Malani nach dem Sturm militanter Hindus auf eine Moschee wieder politische Themen auf, erweiterte ihren Themenkreis heroischer Frauengestalten um literarische Figuren von Medea bis Alice im Wunderland und begann mit Anima­tionsfilm und Videoprojektionen zu experimentieren.

Schattenspiele aus Bild und Sprache

2001 erregte sie durch "Transgressions" Aufmerksamkeit, mit der für sie typischen Mischung aus Video, Schattenspiel, Malerei und Text, in der vier innen mit figürlichen Szenen und Hieroglyphen bemalte ­Zylinder aus Kunststoff langsam rotieren und dank der Videoprojektionen animierte Bilder auf die Ausstellungswände ­werfen. Gleichzeitig werden in der Tonspur technologische Globalisierung und die Unter­drückung von Minderheiten und ­deren Sprachen beschworen.

Der entdeckte Entdecker
Aus dem westafrikanischen Benin über Venedig nach Kassel: Märchenhaft mutet die Geschichte des Künstlers Georges Adéagbo an. Seine aus gefundenen Objekten assemblierten Installationen schuf er eigentlich nicht für die Augen der Öffentlichkeit. Doch dann entdeckte ihn ein französischer Kurator – rein zufällig. Eine Schau in Hamburg präsentiert nun die vielschichtigen Materialcollagen von Adéagbo

Endgültig bekannt wurde Nalini Malani dann auf der documenta 13 in Kassel 2012, wo sie im hintersten Saal der Documenta-Halle die Arbeit In Search of Vanished Blood zeigte, bestehend aus einer Tonspur mit ­literarischen Fragmenten von Heiner Müller bis Samuel Beckett und fünf ihrer wie buddhistische Gebetsmühlen rotierenden Zylinder. Im erzählerischen Mittelpunkt steht die tragische Figur der schönen Kassandra, Prototyp visionärer Weiblichkeit, jener ­Seherin der griechischen Mythologie, auf deren Katastrophenwarnungen kein Trojaner hören wollte, nachdem der unglücklich verliebte Apollo sie mit einem Fluch belegt hatte. Nach einem für die Freunde formal innovativer politischer Kunst enttäuschenden Kunstsommer illustriert die Pariser Retrospektive, die rund 50 Jahre abdeckt und neben Multimediainstallationen auch lange verschollene 16-Millimeter-Filme Nalini Malanis aus den siebziger Jahren und die jüngste Gemäldeserie "All We Imagine as Light" zeigt, wie in der Gegenwartskunst zeitkritisches Engagement nicht auf Kosten der Schönheit gehen muss.

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