Interview mit Christoph Niemann

»Ich will nicht therapieren«

Mit Witz, Scharf- und Tiefsinn schaffte es Christoph Niemann in die oberste Riege der Illustratoren. Eine Ausstellung feiert den Berliner Künstler in seiner alten Heimatstadt New York. art sprach mit dem 46-Jährigen über billige Lacher, Gags mit kleinen Beinchen und warum er nicht Donald Trump zeichnet
»Ich will nicht therapieren«

Christoph Niemann: "Camera", Sunday Sketch, 2014

art: Die School of Visual Arts hat Ihnen in Ihrer alten Heimatstadt New York eine Retrospektive ausgerichtet und Sie mit einem Design-Preis ausgezeichnet. Haben Sie das Gefühl, dass bei der heutigen Bilderflut das Handgemachte wieder mehr geschätzt wird?

Christoph Niemann: Das wäre schön. Angefangen habe ich ja mit redaktionellen Geschichten wie die Cover für den New Yorker. Da geht es darum, den Leser mit reinzuholen, weil du nicht die Zeit hast, die ganze Geschichte zu erzählen. Gerade in Internetzeiten stellt sich die Frage, wie weit ich auf diesen eineinhalb Sekunden-Bildwitz setze. Manchmal mache ich den auch. Aber wenn du so etwas zu oft wiederholst, wird es schnell ausgelutscht. Weil der Leser weiß, was kommt. Mir ist wichtig, nicht immer die gleiche Platte zu spielen.

Ist die Gestaltung eines Covers für das Wochen-Magazin "The New Yorker " nach wie vor die absolute Kür für einen Illustratoren?

Auf jeden Fall. Zum einen auf Grund der Geschichte. Wenn du dir die Cover aus den zwanziger oder dreissiger Jahren oder aus späteren Zeiten anguckst, siehst du, was die Welt bewegt hat. Außerdem ist es nach meinem Wissen das einzige Cover ohne Text und ohne Bezug zu einem Artikel. Es handelt sich um ein freistehendes Bild. Du als Illustrator bringst das Thema. Du musst komplett journalistisch denken.

»Ich will nicht therapieren«

Christoph Niemann: "Rain”, Cover für "The New Yorker", Oktober, 2014

Ihr erstes "New Yorker"-Cover wurde 2001 veröffentlicht, wie schafft man das als junger Illustrator überhaupt?

Es hat lange gedauert – die haben 48 Cover im Jahr und es gibt einen Haufen Möglichkeiten. 1997 bin ich nach New York gezogen. Die ersten Zeichnungen für den Innenteil habe ich relativ bald gemacht. Für das Cover habe ich Skizzen eingeschickt, an vielen Sachen gearbeitet. Bis es schließlich klappte.

Wo wurde Ihre erste Arbeit veröffentlicht?

Im "Rolling Stone". Mir hatte jemand Fred Woodward vorgestellt, der damals dort Art Director war und der Gott für alle Illustratoren. Ich war noch Student und in New York, um  ein Praktikum bei einem kleinen Design-Studio zu machen. Drei Tage vor meiner Abreise rief mich Fred Woodward mit einem Auftrag an. Ich habe mich nicht getraut, ihm zu sagen, dass ich so bald abreisen würde. Das war ja pre-internet, da konnte man nicht einfach eine Skizze mailen. In Stuttgart bin ich dann später in den internationalen Presseladen am Hauptbahnhof gerannt, um zu gucken, ob die Illustration überhaupt gedruckt wurde.

Seit damals hat sich die Medienwelt durch das Internet komplett verändert. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Das ganze Format, rein handwerklich, hat sich verändert. Dazu kommt Instagram – die Menge der Bilder, die Menge an Sachen, die gemacht werden. Man muss das Geschichtenerzählen anpassen und sich fragen, wie langsam man sein kann. Wie groß ist der Bildschirm, was funktioniert noch, wenn Bilder auf dem Telefon angesehen werden? Wenn ich heute eine Zeitung aufschlage, weiß ich ja schon alles. Ich schaue mir die Zeitung an, um eine Meinung, eine Analyse, den Seitenblickwinkel zu kriegen. Das hat viel mehr mit einem essayistischen Denken zu tun. Gleichzeitig hat sich durch das Internet gezeigt, dass die Leute visuell viel smarter sind als man denkt.

Wirklich, wie kommen Sie darauf?

Heute hast du Instagram und siehst: Die Leute verstehen alles. Die verstehen sogar subtile, kleine Dinge, von denen ich früher gedachte habe: Das geht total unter. Das machst du als versteckte Message für dich alleine. Nehmen wir einen Running Gag, der sich so absurd dreht, dass er nur noch auf einem kleinen Beinchen steht, aber irgendwie hält er noch. Die Leute spielen tatsächlich mit, die verstehen genau, dass es so absurd sein muss. Früher gab es kein Outlet dafür.

Sie sind vor zehn Jahren von New York nach Berlin gezogen. Wie hat der Umzug Ihre Arbeit verändert?

Ich finde New York wahnsinnig effizient, produktionsorientiert und hyperprofessionell, was toll ist. Aber in dieser Welt bin ich nicht derjenige, der sich hinsetzt und etwas ganz anderes versuchen will. Dafür habe nicht den Mumm. In Berlin fällt das leichter, weil um dich herum jeder an seinem Drehbuch schreibt. Ich habe ganz bewusst mit meiner "Abstract Sundays"-Kolumne für die "New York Times" angefangen, nachdem wir nach Berlin gezogen waren.

Ihre Lieblingsfarben stammen aber noch aus New Yorker Zeiten.

Gelb und Schwarz. Das Taxi- und U-Bahngelb.

In Berlin werden Sie von der Galerie Max Hetzler vertreten. Wie nahe sind sich Kunst und Illustration?

Wenn du vom reinen Grafikdesign kommst, ist es eine fremde Welt. Andererseits kannst du sagen, dass jemand wie Murakami Grafikdesign macht. Ich habe das Gefühl, dass sich Grenzen mehr oder weniger auflösen. Robert Crumb hätte man vor 20 Jahren nicht bei David Zwirner gesehen.

Sie berufen sich gern auf den New Yorker Künstler Chuck Close, der einmal gesagt hat: »Inspiration ist für Amateure – der Rest von uns macht sich an die Arbeit.«

Jeder Mensch, der sein Herz gebrochen kriegt, fühlt den größten Schmerz. Bei Musik, Kunst oder Literatur geht es nur um die Frage: Kannst du das Gefühl transportieren oder bei jemandem wachrufen? Um das zu kreieren, muss ich am Schreibtisch sitzen und die Sachen ganz langsam aufbauen. Das Bild muss dann so aussehen, als ob es ein spontaner Moment zwischen Intellekt und Emotion war, ohne dass dahinter Arbeit steckte. Das Pferd mit der Banane habe ich bestimmt 15 Mal gemacht. Ich hatte schon Sorge, dass die Banane braun wird.

»Ich will nicht therapieren«

Christoph Niemann: “Horse”, Sunday Sketch, 2015

Wie kommt es, dass Sie sich bislang bis auf eine Arbeit von Donald Trump ferngehalten haben?

Wenn ich zum Beispiel eine Zeichnung für den New Yorker mache, kann ich davon ausgehen, dass 95 Prozent der Leser Trump doof finden. Also hole ich mir einen billigen Lacher, wenn ich mich über Trump lustig mache. Das ist nicht nur langweilig, sondern auch kontraproduktiv. Mit einer Trump-Karikatur fühlst Du Dich sicher, lullst Dich ein. Das Lachen befreit ein bisschen und nimmt die Spannung raus.

Aber genau das brauchen die Menschen bei dem täglichen Wahnsinn.

So eine Karikatur hat immer etwas mit Heilung zu tun. Aber ich will eigentlich gerade nicht therapieren. Ich habe komplett mit Karikaturen aufgehört, weil ich denke, dass man über Ideen argumentieren muss, anstatt sich über Leute lustig zu machen. Beim Parteitag der Republikaner gab es diese Hillary-T-Shirts. Grauenhaftes Zeugs. Frauenfeindlich, wirklich widerlich. Jetzt gibt es diese Bilder von Trump, die ihn von hinten beim Golf mit seiner unschönen Figur zeigen. Und ich frage mich: Wo ist der Unterschied? Wenn wir gewinnen wollen, müssen wir anders gewinnen. Denn in dem Spiel sind die anderen mindestens genauso gut wie wir. Wir müssen uns fragen: Worum geht es? Was sind die Emotionen, die Unzulänglichkeiten der Menschen? Das ist für mich im Moment so viel wichtiger, als einen Witz zu machen.