Balthasar Burkhard in Essen

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Die erste Retrospektive des Schweizer Fotografen in Deutschland zeigt, wie Balthasar Burkhard die Präsentationsformen der Fotografie erweiterte und langsam in Richtung Kunst verschob. Auch an eine banale Wahrheit erinnert die Schau in Essen.
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Balthasar Burkhard: "Mexico City (Vulkan)", 1999, Silbergelatineabzug auf Barytpapier, 136,7 x 267,7 cm

Zu Beginn machte die Kamera des Schweizer Fotografen Balthasar Burkhard (1944 bis 2010) einfach klick. Das ­waren die Jahre, in denen er im Auftrag des Kurators Harald Szeemann in Bern und auf der documenta 1972 die Kunstwelt porträtierte, für die ­Industrie Reklamebilder schoss, das Architekturbüro Atelier 5 mit Gebäudeaufnahmen versorgte und unter dem Titel “Klick!“, sagte die Kamera ­einen Tierbildband für Kinder schuf.

Nebenher hatte Burkhard schon früh damit begonnen, die Präsenta­tionsformen der Fotografie zu erweitern und in Richtung Kunst zu verschieben. So löste er für seine “Photo canvases“ Bilder von ihrem klassischen Träger, indem er Negative auf eine mit Klammern an der Wand fixierte Leinwand projizierte. Seit Anfang der achtziger Jahre blies er zudem Akt- und Detailaufnahmen des mensch­lichen Körpers zu raumfüllenden Formaten auf. Das war die Zeit, in der ­seine Kamera ganz allmählich begann, ein auch in der Kunstwelt vernehm­liches “Katsching“ zu machen.

In der Kunstwelt nahm man die Fotografie erst für voll, als sie begann, diese mit Tafelbildern von stattlicher Größe zu beliefern

Im Essener Museum Folkwang ­erinnert jetzt die erste große deutsche Balthasar-Burkhard-Retrospektive an eine banale Wahrheit: In der Kunstwelt wurde die Fotografie erst für voll genommen, als sie begann, diese mit ­Tafelbildern von stattlicher Größe zu beliefern. Das beste Beispiel für diese Entwicklung sind die Arbeiten der ­Becher-Schüler Andreas
Gur­sky und Thomas Struth, aber Burkhard ist ­vielleicht der Fotograf, an dem sie sich am deutlichsten zeigt.

Er begann seine Karriere als Zaungast des Kunst­betriebs, versuchte zwischenzeitlich erfolglos, in Hollywood als Schurkendarsteller Fuß zu fassen, und erar­beitete sich parallel zu seinen “Gebrauchsfotos“, wie Burkhard sie selbst nannte, einen guten Ruf als künstlerischer Fotograf. Seine besondere Bedeutung liegt aber darin, dass er geeignete Fotomotive für das Großformat fand. Dazu gehören neben überlebensgroßen Körperstudien vor allem seine imposanten Luftaufnahmen von Wüsten, Gebirgen oder Stadtlandschaften. Auf Burkhards ­Bildern verwandeln sich die Alpen oder die Bucht von Mexiko-Stadt mit ihrer megalopolen Unendlichkeit (1999) in abstrakte Gestaltformationen – was nicht zuletzt daran liegt, dass Burkhard hartnäckig an der Schwarzweißfotografie festhielt. Diese Treue zum Klassischen verhinderte auch, dass er zu einem echten Star der Kunstwelt werden konnte.

"Balthasar Burkhard"

Die Ausstellung läuft vom 2010.2017 bis zum 14.1.2018 im Museum Folkwang in Essen. Im Anschluss an die Station in ­Essen wandert die Ausstellung in das Fotomuseum Winterthur und in das Museo d’arte della Svizzera Italiana in Lugano