Jonathan Meese in Berlin

Wenn Barbarella mit Richard Wagner schmust

Jonathan Meeses »Mondparsifal« in Berlin, ein Gesamtkunstwerk auf Raumpatrouille. Und eine Ansage an die mutlosen Richard-Wagner-Verwalter von Bayreuth
Wenn Barbarella mit Richard Wagner schmust

Jonathan Meese/Bernhard Lang/Simone Young: Mondparsifal Beta 9-23 (Von einem, der auszog den "Wagnerianern des Grauens" das "Geilstgruseln" zu erzlehren...), Generalprobe in Berlin, 13.10.2017

Schon von weitem sieht man ihn tänzeln, malen, gestikulieren, Grimassen schneiden in seinen Trademark-Look aus schwarzer Zimmermannshose, Adidasjacke, langen Haaren und wildem Bart. An der Fassade des Berliner Festspielhaus läuft eine riesige Videoprojektion und stimmt nicht nur Theaterbesucher sondern die ganze Nachbarschaft auf das Gesamtkunstwerk ein: Jonathan Meese gibt den „Parsifal“, oder besser den "ParZefool“. Die Inszenierung, "Mondparsifal, Beta 9-23“ ist ein Auftragswerk der Wiener Festspiele, wo es im Sommer Premiere hatte – in Koproduktion mit den Berliner Festspielen. In Berlin fand jetzt die deutsche Erstaufführung statt.

Dass das kein normaler Musiktheaterabend werden würde, war klar, lange bevor man den Bühnensaal betreten hatte. Meese hat das Festspielhaus komplett in Beschlag genommen, mit aufblasbaren Schwänen, bemalten Kuscheldecken und ausufernden Text-Bild-Collagen vom Foyer bis in den Keller: Claudia Schiffer meets Captain Ahab, Sponge-Bob und Bond-Mobil. Selbst im Technikraum direkt unter der Bühne gibt es eine gralartige Videoinstallation mit Irm Hermann – quasi als Bonus-Track und Einstimmung auf die gewagte Wagner-Adaption. Oder wie ERZ-Künstler Meese sagen würde: »Er zog aus, den Wagnerianern des Grauens das Geilgruseln zu erzlehren“.

Und das ist ziemlich lustig. Da fliegen Raumschiffe („Raumsiff“) und Drachen durch eine Urschleimlandschaft und bringen Parsifal, den tumben Tor, in die Welt, sein Gegenspieler Gurnemanz frisst sich in einem Riesenkühlschrank fett, während eine Pappmache-Stele zur Demut aufruft. Die Gralsritter sehen aus wie eine Kreuzung aus Captain Spock und Emma Peel, die Hexe Kundry ist ein Barbarella-Doppelgängerin und Klingsor klebt sich als Elvis-Impersonator mit Spucke seine Tolle fest. Parsifal spielt den Erlöser wider Willen in knapper roter Ringerhose, hohen Stiefeln und Dschingis-Khan-Bart, eine Hommage an Sean Conners Rolle in „Zardoz, der Barbar“.

Im zweiten Akt geht eine riesige Strohpuppe in Flammen auf – „The Wicker Man“ lässt grüßen – nachdem Manga-Mädchen und Kundry-Barbarella vergeblich versucht haben, Parsifal zu verführen und Klingsor als Dr. No Menschen- und Teddybäropfer im Kopf der Holzfigur vollzieht. Natürlich tritt irgendwann auch Wagner auf, als spiegelnde Maske vor den Gesichtern des Arnold Schönberg-Chors, es gibt Seitenhiebe auf den reaktionären Wagner-Kult, ein paar Mal schlurft auch Meese selbst über die Bühne, mit Kuscheltier oder „Diktatur der K.U.N.S.T.“-Banner in der Hand, und rechts am Bühnenrand wacht als riesiger Eierkopf Mutti Meese über das Spiel.

Blödelkunst mit psychologischen Tiefenbohrungen

Auch wenn das nach Blödelkunst und billigem Performance-Klamauk klingt, hier haben sich ein paar Leute ernsthaft am Wagner-Stoff abgearbeitet, vielleicht auch verausgabt mit psychologischen Tiefenbohrungen, Religions- und Kunstkritik, intensiver Musik- und Textanalyse und so vielen popkulturellen und filmhistorischen Verweisen, dass darüber in Zukunft sicher noch jede Menge Doktorarbeiten verfasst werden.

Musik und Libretto stammen von dem österreichischen Komponisten Bernhard Lang, der sich schon eine ganze Weile mit „Überschreibungen“ bedeutender Opern beschäftigt. Er hat aus den unendlichen Parsifal-Melodien einige Leitmotive herausgelöst und wiederholt sie mit Dehnungen und Stauchungen. Dazu gibt es jazzig-improvisiert klingende Schleifen. Dirigiert wird das Orchester (Klangforum Wien) von Simone Young, den Parsifal-Part singt Daniel Gloger in überdreht-teenagerhafter Counter-Tenor-Tonlage.

Spätestens da rümpfen eingeschworene Wagnerianer, die alljährlich auf den Grünen Hügel nach Bayreuth pilgern, die Nase. Sie wollen sich ihre Heldenrollen nicht verkackeiern lassen. Doch wenn man sich das Parsifal-Personal man genauer anschaut und all die durchgeknallten Geschichten, die Richard Wagner aus mittelalterlichen Sagen und Mythen zusammenfantasierte, das ewige Drama um Lust und Keuschheit, Verrat und Treue, Tod und Teufel, Sex and Crime, Schuld und Erlösung, dann fällt einem dazu heute eher Hollywood ein als Weihefestspiele mit Jungfrau und Ritterkostüm. Jonathan Meese jedenfalls nimmt sich die Freiheit, private Obsessionen und künstlerischen Kosmologien mit denen Richard Wagners zu verschmelzen und daraus ein archaisch-fröhliches, exzentrisch-gegenwärtiges Trash-Spektakel zu inszenieren. Schön für alle, die das in Berlin und Wien erleben durften. Und Pech für die Bayreuther und die Wagner-Nachlassverwalter, denen der Mut fehlte, Meese dort den „Parsifal“ inszenieren zu lassen.