The Square

Sponsoren-Soireen und anderes Unheil

Mäzene, die das Buffet nicht aus den Augen lassen, Medienvertreter, die ihr eigenes Ding drehen und die unvermeidlichen Putzkolonnen, die das Kunstwerk wegwischen. Ruben Östlunds Satire »The Square« hält der Kulturblase den Spiegel vor.
Sponsoren-Soireen und anderes Unheil

Exklusive Performance vor erlesenem Sponsoren-Publikum

Das Timing hätte im Jahr der antikapitalistisch mitfühlenden Documenta und der "Volksbühnen“-Besetzungen nicht besser ausfallen können. Ruben Östlund gewann mit der bissigen Satire "The Square“ die diesjährige Goldene Palme in Cannes. Er porträtiert, auch mit Seitenblick auf real existierende Kuratoren-Vorbilder, eine Kunst-Szene, die mit ihrem chronisch schlechtem Gewissen kämpft und sich dabei in ihren Widersprüchen hoffnungslos verheddert.

Ein gepflasterter Boden auf dem Vorplatz eines Museums. Drin ein eingelassenes Quadrat, das symbolisch einen Fluchtort der Solidarität repräsentieren soll. Es ist der ganze Stolz von Christian, Kurator an einem Museum für zeitgenössische Kunst in Stockholm. Er bereitet "Square“, so der Name des Projekts und des Films von Ruben Östlund, für eine neue Ausstellung vor, mit der er der Utopie der Mitmenschlichkeit einen Raum geben möchte. Passanten sollen stehen bleiben und, gerührt von der Intervention, partizipativ etwas Gutes für die Schwachen und Ausgegrenzten tun. Christian sieht sich da durchaus als Vorreiter, auch wenn sein Handeln eher von den Maximen eines linksliberalen Lifestyles angeleitet wird als von tiefsitzenden Überzeugungen. Er fährt Elektroauto, gibt sich selbstreflexiv und beherrscht ebenso perfekt den Dresscode seines ostentativ toleranten Milieus wie die gerade angesagten Kunst-Diskurse, samt dem passenden Kuratoren-Jargon. Sind die Vortragsübungen vor dem Spiegel einmal absolviert, referiert er über die Bedeutung seines Tuns in einer Gesellschaft, die zunehmend auseinanderdriftet. Was ist heute noch Kunst und was Nicht-Kunst?

Minenfeld Kunstwelt

Seine Diagnose kriegt er auch durchaus am eigenen Leib zu spüren. Er wird bestohlen und greift zu wenig zimperlichen Gegenmaßnahmen, Obdachlose und widerspenstige Tourette-Erkrankte kreuzen plötzlich seinen Weg. Eine mit einem Schimpansen lebende Journalistin wählt ihn als Kandidaten für einen One-Night-Stand aus. Dass die westliche Welt aus den Fugen geraten ist, lässt sich schon unfreiwillig an der Kampagne studieren, die „Square“ bewerben soll. Hippe Agentur-Schnösel sind davon überzeugt, dass Journalisten nur berichten, wenn mit einer Kontroverse zu rechnen ist. Sie drehen deshalb einen Clip, in dem ein blondes Bettlermädchen die quadratische Zuflucht betritt und just von einer Explosion in Stücke gerissen wird.

Dieser etwas populistisch klischeesatte Humor beherrscht den ganzen Abgesang, der einem in alle Richtungen austeilendem Minenfeld gleicht. Mäzene, die das Buffet statt der Kunst nicht aus den Augen lassen, Museumsangestellte, die ihre Babys wie ein Gepäckstück in der Ecke abstellen, eine uninteressierte Öffentlichkeit, die an die Hand genommen werden muss, Medienvertreter, die ihr eigenes Ding drehen, soziale Netzwerke, die sich in Häme ergehen, eine Kulturbranche, die sich in ihrer selbstgenügsamen Blase verschanzt, besessen davon, routiniert Grenzen zu sprengen, und die unvermeidlichen Putzkolonnen, die das staubige Kunstwerk wegwischen. Als Inspirationsquellen für die Hauptfigur sollen zu guter Letzt laut Spekulationen Chris Dercon und Daniel Birnbaum gedient haben, der im gleichen Stadtteil wie Christian wohnt.

Modellsitzen für Fortgeschrittene
Schriftsteller James Lord ließ sich einst mehrfach von Alberto Giacometti porträtieren. 1965 schrieb er ein Buch über diese nervenaufreibende Erfahrung. Eine Verfilmung seziert den Schaffensprozess en detail – und weiß dabei mit Dialogkomik zu unterhalten

Den Höhepunkt der Kollision zwischen Theorie und Leben läutet eine exklusive Performance vor erlesenem Sponsoren-Publikum der Stockholmer Upper Class ein. Ein halbnackter Muskel-Tarzan betatscht und attackiert die Gäste im Gestus eines Gorillas, setzt so die eingeübten Rituale außer Kraft, bis in ihren Gesichtern pure Panik hochsteigt und die vermeintlich zivilisierten Triebe außer Kontrolle geraten. Aus gut gemeinten Korrekturmaßnahmen zur Beruhigung des eigenen Gewissens erwächst der Exzess enthemmter Emotionen. Die Kunst wirkt. Ihre Zeugen erleben eine Katharsis. Sie sind endlich sie selbst, so das Fazit des Provokateurs Östlund. Natürlich ist sein Gesellschaftsporträt selbst Teil des ihre Prügelknaben schnellstens einsaugenden Aufmerksamkeitssystems. Die Goldene Palme beweist es. Aber Östlund ist böse und polemisch genug, um die Widersprüche der eigenen Kaste tatsächlich mal aufs Komischste, mal selbstkritisch, gelegentlich auch selbstgefällig und auch mal ungeniert platt zu spiegeln.

Themenseite Zeitgenössische Kunst
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