Kunstbiennale "Art Encounters"

Neuer Glanz

2021 wird das rumänische Timisoara Europas Kulturhauptstadt. Doch ein Besuch lohnt sich schon jetzt. Die Biennale "Art Encounters" überzeugt mit einem großartigen Einblick in die Kunstszene Osteuropas und einem kathartischen Erlebnis zum Ausklang des Superkunstjahres.
Neuer Glanz

Endre Tót: "I'm glad if I can read a newspaper", 1979

"Das Ganze ist eher unfreiwillig passiert.", wundert sich Ovidiu Sandor: "Ohne dass wir es wirklich gemerkt, entstand hier in Timisoara eine Biennale." Dabei ist der Bauunternehmer und Sammler die treibende Kraft hinter dem Projekt, das derzeit seine zweite Auflage erlebt. Er sitzt in einem netten Großraumbüro unter dem Dach einer kleinen Villa, umgeben von allerlei jungen Menschen, die tippen, telefonieren, eine Gruppe von Kindern dirigieren und er scheint sehr zufrieden mit seinem Projekt. Dass nebenan eine (seine) Großbaustelle brummt, interessiert ihn gerade weniger. Obwohl Sandor zweifellos von der Vision getrieben ist, dass ein funktionierendes Kulturleben einfach zu einer florierenden Großstadt dazugehört.

Die Vernachlässigungen unter Ceaușescu und die unregulierten Zeiten nach 1989 haben ihre Spuren hinterlassen

Jahrhundertelang und während wechselnder politischer Konstellation war das einstige Temeschwar Hauptstadt des Banats. In dieser Region lebten Ungarn, Deutsche, Serben, Rumänen und andere Volksgruppen zusammen – eine wirtschaftliche und kulturelle Vielfalt, die heute noch durch die etwas abgeschabte Eleganz der drittgrößten rumänischen Stadt schimmert. Die betagte Schöne im Nordwesten des Landes, nah an der ungarischen Grenze gelegen, hat schwere Jahrzehnte hinter sich. Nicht nur die Vernachlässigungen des Ceaușescu-Kommunismus haben ihre Spuren hinterlassen, sondern auch die unregulierten Zeiten nach 1989. Die ersehnte EU-Mitgliedschaft Rumäniens brachte ad hoc weder Wohlstand noch erhebliches Selbstwertgefühl.

Neuer Glanz

Kunst im und am ehemaligen Straßenbahndepot in Timisoara

Doch jetzt, im Jahr 2017, scheint es, als würde sich die Stadt ihrer multikulturellen Glanzzeiten und ihrer Schätze bewusst. Der weltläufige Biennalegründer Sandor strahlt entsprechenden Optimismus aus und er weiß, dass Vergangenheit allein noch keine attraktive Metropole ausmacht. Zumal sich die Stadt für 2021 als Kulturhauptstadt Europas qualifiziert hat und sich bis dahin tunlichst als lebendiger Ort der Gegenwart etablieren sollte. Auf diesem Weg erwies sich ein Zufall als Glücksfall: Als 2014 die Bukarester Biennale mit dem Rückzug von Kurator Nicolaus Schafhausen ins Schleudern geriet, wollte und konnte Sandor zwar keinen Ersatz schaffen. Doch in dem Moment, als er Schafhausens Kollegen Natalie Hoyos und Rainald Schumacher vorschlug, zumindest eine Ausstellung mit Zeitgenössischem in Timisoara zu realisieren, waren die Weichen gestellt: "Meine Idee entwickelte ein Eigenleben, als wir bemerkten, dass die interessanten Kunstorte irgendwie alle fußläufig im Zentrum lagen und das kleinere Galerien und Initiativen an einer Zusammenarbeit interessiert waren. Schließlich haben wir unser Unternehmen dann auch Biennale genannt, Art Encounters – Kunstbegegnungen."

Sandor und sein Team haben nichts zu verlieren, sondern nur zu gewinnen.

Inzwischen punkten die Kunstbegegnungen mit postindustriell aufpolierten Ausstellungshallen wie den Halele Timco mit ihrem kühnen Betongebälk oder einem ehemaligen Straßenbahndepot. Dort und in einigen Satellitenstationen wie der Stadtfestung oder einer Hochschulkantine haben die diesjährigen Biennalemacher, der in Paris ansässige Ami Barak und die Einheimische Diana Marincu, eine ganze Reihe etablierter Kuratorenlieblinge mit ihren Arbeiten aufmarschieren lassen: Anri Sala, Pavel Brăila, Roman Ondák, Ahmet Öğüt oder Dan Perjovschi. Doch selbst bei dieser illustren Riege fällt eine entschiedene Orientierung nach Ost- bzw. Zentraleuropa auf und genau das gibt den Art Encounters eine Unverwechselbarkeit, die sich auch sonst selbstbewusst auf ihre Standortvorteile beruft.

 

Neuer Glanz

Tastaturumbau von Kyrillisch auf Latein von Pavel Braila

Sandor und sein Team haben gerade wegen ihrer peripheren Situation nichts zu verlieren, sondern nur zu gewinnen. Mit einem liebevoll und verdaulich aufgemachten Brevier zur Gegenwartskunst wenden sie sich an ihr künftiges Publikum; das Glossar erklärt, was es überhaupt mit zeitgenössischer Kunstausübung auf sich hat, erklärt ein paar Schlüsseltendenzen von A wie Abstraktion und Appropriationskunst über N wie Neoavantgarde bis hin zu S wie Serialismus und Street Art, stellt kurz rumänische Künstler, Sammler, Galeristen und Institutionen vor, um zum Schluss noch ein wenig internationalen Nachhilfeunterricht zu geben. Dieser unverstellte Bildungsauftrag dürfte auch bei der avancierten Kunstgemeinde einen Nerv treffen, schließlich bemüht man sich derzeit in ganz Ost- und Mitteleuropa darum, die vergessenen Avantgarden der düsteren sechziger bis achtziger Jahre in den weltweiten Kanon der Kunstgeschichtsschreibung einzuspeisen, wie etwa Auftritte der über neunzigjährigen Rumänin Geta Brătescu im so genannten Superkunstjahr 2017 gezeigt haben.

Newcomer entdecken die Kunstgeschichte ihrer Länder

Hier soll das Gefühl von Kontinuität und Bedeutsamkeit erzeugt werden, mit dem sich dann auch jüngere Künstler identifizieren können. Ohne dass nun eine ausdrückliche regionalistische Gegenbewegung propagiert würde, entdecken Newcomer stolz die (Kunst-)Geschichte ihrer Länder. So stellt die Serbin Ana Adamović mit taubstummen Kindern einen Huldigungschor an den jugoslawischen Potentaten Tito in Gebärdensprache nach und erinnert daran, dass jenes kommunistische Loblied damals zwangsweise gesungen werden muss. Irina Botea Bucan wiederum besucht mit ihrer Videokamera Menschen, die noch immer mit den Folgen des 1989 zusammengebrochenen Systems hadern und in einer Art melancholisch-poetischen Grauzone leben.

Neuer Glanz

Blick in die Ausstellung "Beyond the Concept Frontier" mit Arbeiten von Horia Bernea, Roman Cotoșman, Ion Grigorescu, Pavel Ilie, Julian Mereuță, Paul Neagu, Eugenia Pop, Decebal Scriba, kuratiert von Magda Radu

Ștefan Sava, selbst Konzeptkünstler mit einem Hang zur Kulturarchäologie, hat sich in Timisoara ganz und gar in den Dienst seiner kreativen Vor-Vorgänger gestellt. Seine Partnerin, die Kunsthistorikerin Magda Radu, holte ihn als Ausstellungsgestalter für die Präsentation "Jenseits der Begriffsbarriere". Passenderweise in die Siebzigerjahre-Mensa eines Technikkollegs verlegt, wird hier behutsam das künstlerische und menschliche Geflecht zwischen acht rumänischen Künstlerfreunden dieser Zeit, teils Exilanten, teils im Lande Gebliebene, nachgesponnen. International am geläufigsten mögen die Namen Ion Grigorescu, Paul Neagu oder Horia Bernea sein; doch die visionären Werke einer Eugenia Pop, eines Pavel Ilie oder eines Decebal Scriba stehen denen der Kollegen kaum nach.

Eine derart einsichtige Zusammenschau bekommt man in Westeuropa nicht zu Gesicht

Scriba seinerseits, wie Grigorescu noch am Leben, wird auf der Biennale weiter gefeiert, gehörte er doch zwei legendären Künstlergruppen an, die sich seit den sechzigern im offiziellen Rumänien unbeliebt machten: Ihre erst geometrisch-abstrakte, dann konstruktive architekturbezogene Kunst lehnte sich gegen die auch hier grassierenden Formalismusverdikte der sozialistischen Kunstideologen auf. Die museale Würdigung der Formpioniere, die übrigens zum Großteil aus Timisoara stammten, haben die Kuratoren erneut in die osteuropäische Gesamtlage eingebunden und zeigen deren für damalige Verhältnisse kühnen Konstruktionen zusammen mit den subversiven Schelmenstücken des Ungarn Endre Tót, mit Arbeiten des serbischen Literalisten Mangelos, des polnischen Experimentalfilmers Jozef Robakowski und des slowakischen Kunstrebellen Julius Koller.

Venedig Biennale
Alle wichtigen Informationen, aktuelle Berichte und Tipps für die Venedig Biennale 2017

Eine derart einsichtige und respektvolle Zusammenschau bekommt man, mit Verlaub, in Westeuropa nicht zu Gesicht. Denn auch noch nach fast dreißig Jahren sind östliche Ressourcen – aus welchen Gründen auch immer – wahlweise mit Ignoranz belegt oder werden mit (gerne auch geschlechtsspezifischen) Exotismus rezipiert. Letzter führt dann zwar zur flächendeckenden Feier von Positionen wie jener von Geta Bratescu, verkennt aber deren Einbindung in und ihre Herkunft aus einem mindestens genauso spannenden Biotop von Kollegen. Genau diese Art von seriöser inhaltlicher Basisarbeit passiert hier und dürfte der Reputation der Art Encounters langfristig dienlich sein – weil sich die Folgegenerationen aus Nah und Fern hier ernstgenommen und in bester Gesellschaft fühlen dürften. Ovidiu Sandor, der selbst Werke der bewussten Neoavantgarde sammelt und die Londoner Tate Modern in derlei Fragen berät, befördert diese Ausrichtung. Das überrascht natürlich kaum, denn Biennalen sind nun einmal Durchlauferhitzer und Bedeutungsgeneratoren. Warum sollte sich Timiosara darin von Venedig, Berlin oder New York unterscheiden?

Neuer Glanz

War mal Kunst: In einer Installation des Bukarester Off-Spaces Sandwich kann man ungeliebte Werke pulverisieren

Bevor man also auf die Idee kommt, Sandor ein biennaleförmiges Forschungsprojekt in eigener Sache zu unterstellen, lohnt ein Ausflug zur früheren Bastion. Dort bespielen unabhängige Projekträume aus ganz Rumänien die Gewölbe. Der Off-Space Sandwich aus Bukarest wird von Künstler Alexandru Niculescu betrieben. Während er am Rande der Hauptstadt phantasievoll, allerdings in drangvoller Enge operiert, genießt Niculescu jetzt den zeitweiligen Raumluxus. Eine Auswahl von brachialen Werkzeugen begrüßt die Besucher, Schutzbrille- und handschuhe, daneben ein kleiner Müllcontainer und Regale voller eher lieblos einsortierter Kunstwerke. Mit Einverständnis, ja auf Wunsch der betreffenden Künstler, darunter auch Dan Perjovschi, Aneta Mona Chisa & Lucia Tkacova, kann man hier ungeliebte und überflüssige Werke zerstören. Zuvor wird ein Vertrag ausgefertigt, in dem die potenziellen Destruktoren noch einmal ihre Beweggründe erläutern. Dann geht es mit Hammer, Feustel oder Säge ans Pulverisieren. Zum Ausklang des Superkunstjahres ist alleine dieses kathartische Erlebnis eine Reise nach Timisoara wert.