Picasso 1932 in Paris

Ein Jahr Picasso

»Ein erotisches Jahr« nennt das Musée Picasso das Jahr 1932 im Leben des Künstlers – und rollt es anhand von Korrespondenzen und vor allem natürlich anhand zahlreicher außergewöhnlicher Gemälde und Zeichnungen auf.
Ein Jahr Picasso

Pablo Picasso: "Le Rêve", 1932, Öl auf Leinwand

Die Idee, jedes Kunstwerk sei wie eine Eintragung ins Tagebuch, stammt von Pablo Picasso persönlich, wurde also völlig legitim vom Pariser Musée Picasso aufgegriffen, um Produktion und Ereignisse eines ganzen, für Picasso wichtigen Kalenderjahres zusammenzufassen. Fragwürdiger dagegen der Untertitel der Pariser Ausstellung: "Une année érotique", der doch allzu reisserisch geraten scheint. Gab es auch Jahre im Leben des spanischen Macho, die nicht im Zeichen der Erotik gestanden hätten?

Im Jahr 1932 war Picasso (1881 bis 1973) immer noch mit seiner ersten Frau Olga verheiratet, lebte in der Pariser Rue de la Boétie, arbeitete zusätzlich in seinem Schloss im Dorf Boisgeloup in der Normandie, nur 60 Kilometer von Paris entfernt. Dorthin fuhr er meist mit seiner Geliebten Marie-Thérèse Walther, während Olga und der gemeinsame Sohn Paul in Pariser blieben. Picasso kannte die damals 21jährige, blonde Marie-Thérèse mit rundem Gesicht und blondem Bubi-Haarschnitt bereits seit 1927, seit 1930 hatte er ein Atelier im Schloss von Boisgeloup. Nichts Neues an der erotischen Front also. Wohl aber an der künstlerischen. Denn Picasso begann das Jahr mit einigen sehr berühmt gewordenen Werken wie "La Lecture" oder vor allem dem spektakulären "Le Rêve", einem Akt, in dem die linke Gesichtshälfte ein Penis ist. Wie für die meisten Bilder jener Zeit hatte Marie-Thérèse  Modell gesessen, aber selten war Picasso so explizit geworden. In diesen ersten Monaten des Jahres malte Picasso Dutzende Gemälde seiner jungen Geliebten, und nicht wenige sind voller erotischer Anspielungen, allerdings weniger deutlich als in "Le Rêve". Doch schon im Frühjahr, in Ansätzen sogar ab Februar, werden Picassos Bilder deutlich abstrakter, die Formate grösser, die Körper dekonstruierter, die Farbpalette reduzierter.

Im Februar plante er seine erste Retrospektive

Just im Februar hatte er, im Alter von 50 Jahren der berühmteste und teuerste Maler seiner Zeit, eine grosse Ausstellung im MoMA abgesagt. Auf eine Einladung für eine grosse Ausstellung der Biennale Venedig antwortete er gar nicht erst. Dafür suchte er höchstpersönlich 223 Werke für seine Retrospektive im Juni/Juli in der Galerie von Georges Petit aus - seine erste Retrospektive überhaupt, die anschliessend nach Zürich weiterwandern sollte. All diese strategischen, erotischen und künstlerischen Entscheidungen sind in der Pariser Ausstellung sorgfältig dokumentiert, mit kurzen Texten, Korrespondenzen, vor allem natürlich mit Gemälden und Zeichnungen, darunter einigen Raritäten aus Privatsammlungen. Darunter wunderbaren Studien für "Kreuzigungen", inspiriert von Matthias Grünewalds Issenheimer Altar, und Gips-Skulpturen vom Gesicht der Marie-Thérèse, denn Picasso hatte im Schloss Boisgeloup nach einigen Jahren Pause wieder die Arbeit an Plastiken aufgenommen.

Picasso und die Deutschen
Das Künstlergenie interessierte sich nur wenig für seine deutschen Kollegen. Deren Beziehung zu Picasso bestand vor allem in der Wut gegen ihn. Drei Jahre lang erforschte José Lebrero die Verbindungen zwischen Picasso und der deutschen Kunst. Ein Gespräch

Chronologisch folgt die Ausstellung einer strengen Timeline. Deshalb eröffnet sie mit "La Lecture", und im März folgt eines der wichtigsten Bilder Picassos überhaupt, "La Jeune Fille devant un miroir", einer Leihgabe aus dem New Yorker MoMA, das Marie-Thérèse gleich mehrfach zerlegt: ein gespiegeltes Spiegelbild, sozusagen. Ab April dann werden die Formate noch grösser, die Körper noch abstrakter, und Picasso beginnt, mit liegenden Frauenfiguren zu experimentieren. Solche Strandszenen stehen dann auch im Zentrum des letzten Quartals 1932. Die Ausstellung erzählt manche Einzelheit dieses Jahrs, die Leben und Selbstinszenierung Picassos verdeutlichen. Seine aufmerksame Freundschaft zu Michel Leiris etwa, sein Jonglieren mit Museen und Ehrungen, aber auch die Wertschätzung von Statussymbolen wie seinen Automobilen der Nobelmarke Hispano-Susa, oder die Anekdote, dass er am Eröffnungs-Abend seiner Pariser Retrospektive lieber ins Kino ging als zur Ausstellung.

Ausführlich dokumentiert die Reise mit Olga und Sohn Paul durch die Schweiz im August. Eine Fotoserie von Brassai stellt beide Wohnsitze, die Rue de la Boétie und Schloss Boisgeloup, vor, Man Rays sehr offzielle Porträts zeigen einen kraftstrotzenden, selbstbewussten Maler auf der Höhe seines Ruhmes. Interessant auch die Reaktionen auf eine reichlich schwerfällige Interpretation der sexuellen Untertöne in Picassos Werk durch den Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung. Die Londoner Tate Modern wird diese sorgfältig dokumentierte Pariser Ausstellung geschlossen übernehmen. Allerdings ohne ihren reisserischen Untertitel.

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Foto von Picasso
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