Camille Henrot in Paris

Minutiöser Vandalismus

»Ich versuche mich an bombastischen Themen, aber mit meinen bescheidenen Mitteln« meint Camille Henrot, eine der aufregendsten Künstlerinnen ihrer Generation. Auf 13 000 Quadratmetern erkundet die Pariserin nun die Wochentage.
Minutiöser Vandalismus

Camille Henrot, Ausstellungsansicht "The Pale Fox", Westfälischer Kunstverein, Münster

Spätestens seit Babylon und dem zweiten Jahrtausend vor Christus teilt der Mensch ohne präzise wissenschaftliche Grundlage die Zeit in Wochen auf. Während der einzelne Tag von Sonne und Mond definiert ist, bleibt die Woche als ungefähres Viertel des Mond-Zyklus unpräzise, aber dank Verbreitung des Alten Testaments weltweit Usus. Solch willkürlicher Umgang mit Zeit und Naturzyklen steht im Mittelpunkt der aus sieben Kapiteln zu den sieben Wochentagen bestehenden Ausstellung "Days are Dogs" von Camille Henrot. Der Titel spielt mit dem amerikanischen Begriff der "dog days", der unerträglich heißen Hundstage, aber auch mit Henrots Theorie, dass jeder Wochentag seinen eigenen Charakter hat.

Nach Philippe Parreno und Tino Sehgal darf die in New York lebende Französin (Jahrgang 1978), von vielen als eine der aufregendsten Künstlerinnen ihrer Generation betrachtet, das riesige Pariser Palais de Tokyo nach eigenen Vorstellungen bespielen. Quer durch alle Medien und Stile, in Bronze und Mosaik, Zeichnung und Film, aber auch mit Fresken und Gemälden nimmt sich Henrot die Wochentage in ihrer unverkennbaren  Arbeitsweise vor, die sie selbst als "minutiösen Vandalismus" bezeichnet. Material für eine enzyklopädische Reise durch die Jetztzeit, schwankend zwischen wissenschaftlichem Überbau und emotionalem Übermut, manchmal nicht nachvollziehbar, aber doch immer humorvoll.

Montag Bronze, Samstag Film

So ist der Wochenanfang "Monday" für sie eine Mischung aus lebensgroßen Bronzeskulpturen und gegenständlichen Zeichnungen, die rätselhafte Alltagssituationen zeigen. Im Gegensatz dazu setzt sich Henrot mit dem "Saturday" vorrangig filmisch auseinander. Mit einer aufwendigen Filmarbeit, in der sie sich spielerisch mit der Schöpfung der Welt befasste und 2013 auf der venedig-biennale einen Silbernen Löwen gewann, wurde Henrot schlagartig international bekannt. Vorher war sie in Paris bereits mit ungewöhnlichen Werken wie dem Preis der Gefahr aufgefallen: eingefräste Tragflächen ausgemusterter Düsenjäger, die sie zu abstrakten Großskulpturen arrangierte.

Eine Überdosis Gegenwart
Diese Biennale ist eines mit Sicherheit: anders. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern macht sie sich für eine ganz bestimmte Ästhetik stark, die sich durch sämtliche Ausstellungsorte zieht. Vier Autoren mit ersten Eindrücken von der Berlin Biennale

Aufsehen erregten auch ihre wunderbaren Blumengebinde, die jeweils für ein wichtiges Buch der Vielbelesenen standen. Und auf der Berlin-Biennale 2016 war sie mit einem launisches Ensemble von Zeichnungen und Texten vertreten, Antworten auf automatisch verschickte Spammails. "Ich versuche mich an bombastischen Themen, aber mit meinen bescheidenen Mitteln", untertreibt die scheue Künstlerin gern. In Paris stehen ihr dafür nun rund 13 000 Quadratmeter zur Verfügung.

Camille Henrot – Carte blanche. Days are Dogs
Große Einzelschau der französischen Venedig-Biennale-Preisträgerin (*1978) mit Zeichnungen und Collagen sowie lebensgroßen Bronzeskulpturen
Palais de Tokyo ,  Paris