Mitmachkunst in Wien

Ping Pong mit Publikum

Tischtennis spielen, in den Spiegel schauen oder an der Bar sitzen – all das kann Kunst sein. Eine Ausstellung in Wien rollt die Geschichte der Publikumspartizipation auf. Nicht unbedingt originell – aber auf jeden Fall unterhaltsam.
Ping Pong mit Publikum

Rikrit Tiravanija: "Ohne Titel / Untitled 2015 (MORGEN IST DIE FRAGE)", 2015, 2 Tischtennisplatten, siebbedruckt; zwei Schläger, siebbedruckt

Gäbe es eine "Gelbe Zitrone" für den schlechtesten Ausstellungstitel des Jahres, hier wäre ein Kandidat: "Duett mit Künstler_in". Songcontest-Singen mit Kampf-Gender-Künstler_innen? Das hat diese Ausstellung über die Geschichte der Mitmachkunst im 21er Haus wirklich nicht verdient.

Sie ist nämlich unterhaltsam und lehrreich, eine Kombi, die man jeder Schulklasse ohne Bedenken zumuten kann (was an sich schon selten ist). Und hat mit Feminismus null zu tun, keine einzige der von Kurator Axel Köhne ausgesuchten rund 30 Werke streift hier an (auffälliger Weise). Dafür sind nur drei der 27 Künstler weiblich, Angela Bulloch, Yoko Ono und Christine Hill, bei zwei Kollektiven, Krüger und Pardeller und den brasilianischen "Opavivara!“ sind auch noch Frauen dabei. Interessant, würde einem doch bei Titel und Ausstellungsort sofort zumindest Valie Export mit ihrem "Tapp- und Tastkino“ einfallen, dem um die nackte Brust geschnallten Kasten, mit dem sie 1968 in Wien spazieren ging – ein intimeres „Duett“ mit dem Publikum ist kaum vorstellbar. Doch man entschied sich bei den wenigen (drei) Wiener Positionen gerade für zwei, die hier gerade große Ausstellungen hatten, Erwin Wurm mit seinen "One Minute Sculptures“ und Franz West mit einem seiner Möbeldesigns, der "Psyche“, vor deren Spiegeln man Platz nehmen darf zur ausführlichen Selbstbetrachtung. Inhaltlich total zu verantworten, beide arbeiten intensiv mit aktivem Publikum. Originell ist es nicht.

Mann mit Revolver, Gold in der Seine

Die Auswahl ist tatsächlich ein wenig beliebig, Partizipation ist schließlich ein großes Thema in der Kunst von Fluxus bis heute. Man wählte auch einige historischen Gamechanger aus, Yves Klein natürlich, der 1959 bis 1962 die "Immaterialität" als Kunstwerk verkaufte und die Leute Goldbarren in die Seine werfen ließ dafür. Den Schweizer Dieter Meier, der sich 1971 bei einer Vernissage am Eingang postierte, mit einem Revolver in der Hand. Darunter stand ein Schild: „Dieser Mann wird nicht schießen“, ein Thema das in den USA schon immer brisant war, gerade dieser Tage wäre die Performance erneut ein Aufreger. Und natürlich Joseph Beuys mit seiner "sozialen Plastik".

Kunst von unten
Wenn Kunst sich nicht mehr als elitär-abgehobene Szene großen Teilen der Gesellschaft verschließen will, wenn sie sich nicht mehr wohlfeil im hedonistisch-merkantilen Kunstsystem inklusive glamouröser Reichenbespaßung schnöde vermarkten lassen will, dann heißt es endlich kunstsystemkritische Wege "von unten" zu gehen

Eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Entwicklung, ein großer Wurf ist die Schau aber nicht. Wie wohl ein Vergnügen, durch sie zu streifen: Wenn der Herr im Smoking am Eingang auf Anweisung von Pierre Huyghe den Namen der Eintretenden in die Halle ruft. Sehr würdig. Wenn man nach diesem Schreck ein Bier nehmen kann an der Spiegel-Bar von Claus Föttinger. Einen Wunsch aufhängt an Yoko Onos "Wunschbäumchen" (Noch ein Bier! Katze! Weltfrieden!). Und am Ende eine Party Tischtennis spielt auf den Tischen von Rirkrit Tiravanija featuring Julius Koller. Ping Pong. Es lebe die Kommunikation, in Wien die leichte Unterhaltung.

Duett mit Künstler_in. Partizipation als künstlerisches Prinzip
Historische und aktuelle Positionen zeigen, wie Künstler Menschen aktivieren und zur Handlung auffordern
Belvedere – 21er Haus ,  Wien