Tintoretto in Köln

Ungezügeltes Talent

Tatsächlich war Tintoretto, der große Dramatiker der venezianischen Malerei, im Wesentlichen Autodidakt. Kein Lehrmeister hat seinem frühreifen Talent jemals Zügel angelegt. Eine Ausstellung in Köln bietet nun Einblicke in sein spektakuläres Frühwerk.
Ungezügeltes Talent

Jacopo Tintoretto, Abendmahl in Emmaus, um 1543, Öl auf Leinwand, 156 x 212 cm

Als der Sohn des Seidenfärbers zu zeichnen begann, schickten ihn die Eltern zu Tizian, dem größten Maler Venedigs, in die Lehre. Nach zehn Tagen nahm der Meister erstmals von den Arbeiten des Jungen Notiz, erkannte in ihm den zukünftigen Konkurrenten – und ließ ihn aus dem Haus werfen. Über den venezianischen Maler Jacopo Robusti, genannt Tintoretto (das Färberlein), kursierten schon zu Lebzeiten die schönsten Anekdoten. Welche davon wahr sind, wissen wir so wenig, wie wir sein Geburtsjahr kennen (entweder 1518 oder 1519). Aber die meisten Geschichten sind doch wenigstens gut erfunden.

Mit der Tizian-Legende erklärten sich Tintorettos Zeitgenossen beispielsweise nicht nur dessen Kühnheit, die große Tradition einfach hinter sich zu lassen und die klassischen Motive der Malerei in ein neues Licht zu tauchen, sondern auch die "Unfertigkeit" seiner Bilder. Im Vergleich zu Tizians farblich ausbalancierten Gemälden wirken Tintorettos Werke beinahe skizzenhaft, wie von einem jugendlich-ungeduldigen Genie geschaffen. Tatsächlich war Tintoretto, der große Dramatiker der venezianischen Malerei, im Wesentlichen Autodidakt. Kein Lehrmeister hat seinem frühreifen Talent jemals Zügel angelegt.

Die gemalte Stimme Gottes

Mit "Tintoretto – A Star was Born" eröffnet das Kölner Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud den Reigen der Ausstellungen zu "500 Jahre Tintoretto" – und leitet mit seiner dem Frühwerk gewidmeten Schau das Jubiläum ein. Mit zahlreichen Leihgaben aus aller Welt rekon­struiert Kurator Roland Krischel den Zeitraum von 1537, zwei Jahre bevor sich Tintoretto als 20-Jähriger selbstständig machte, bis zu den ersten großen Erfolgsjahren nach seinem Durchbruch mit dem Sklavenwunder (1547/48). Ein Werk wie Die Bekehrung des Saulus (um 1539) zeigt die verblüffende Selbstverständlichkeit, mit der sich Tintoretto bei Tizian, Raffael und Leonardo bediente, um dem beliebten biblischen Motiv den eigenen Stempel aufzudrücken: Bei ihm bekommt die Bekehrungsszene gleichsam eine Tonspur, das Bild wirft die Stimme Gottes als gemaltes Echo zurück.

Bilder aus den Fugen
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Ähnlich spektakulär in seiner fantasievollen Ausführung ist ein Liebeslabyrinth (um 1538) aus der königlichen Sammlung von Queen Elizabeth II. Bislang hatte man das Bild einem flämischen Maler zugeschrieben, doch Krischel glaubt nachweisen zu können, dass es vom jungen Tintoretto stammt. In Köln wird es nun erstmals in Gesellschaft von gesicherten Arbeiten des Venezianers gezeigt, die zur gleichen Zeit entstanden sind.

Tintoretto – A Star was Born
Zum 500. Geburtstag des Malergenies Jacopo Tintoretto (1518/19 –1594) widmet sich eine große Sonderschau erstmals dem Frühwerk des italienischen Meisters, der zu den produktivsten und einflussreichsten Künstlern aller Zeiten gehört
Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud ,  Ausstellungen in Köln