Jeanne Mammen in Berlin

»Wenn ich auf den Ku’damm gehe, muss ich kotzen«

Unter dem Eindruck von sozialen Krisen nahm im Berlin der Zwanziger auch die Emanzipationsbewegung Fahrt auf. Die selbstbewusste und allen möglichen Vergnügungen aufgeschlossene »Neue Frau« betrat die großstädtische Bühne – und Jeanne Mammen porträtierte sie.
»Wenn ich auf den Ku’damm gehe, muss ich kotzen«

Jeanne Mammen: "Die Großstadt", um 1927, Titelblattentwurf für: Die Großstadt, 1927, Jg. I, Heft 1, Berlinische Galerie,

Jeanne Mammen (1890 bis 1976) gehörte in den zwanziger Jahren zu den bekanntesten Künstlerinnen Berlins und den prägenden Protagonistinnen der Neuen Sachlichkeit. Obwohl sich ihre Kunst in ihrer Eigensinnigkeit durchaus mit den Werken berühmter Berliner Kolleginnen wie Käthe Kollwitz oder Hannah Höch messen kann, hat sie nie deren Popularität erreicht. Umso besser, dass die Berlinische Galerie in diesem Herbst mit einer großen Retrospektive zu einer neuerlichen Beschäftigung mit dieser faszinierenden Einzelgängerin der hauptstädtischen Kunstgeschichte einlädt.

Geboren wurde Mammen in Berlin, doch ihre Kindheit und Jugend verbrachte die Tochter einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie größtenteils in Paris, wohin die Familie 1895 übersiedelte. In der französischen Hauptstadt unternahm Mammen ab 1905 als Studentin der Malerei an der angesehenen, privat betriebenen Académie Julian, wo Frauen damals schon die gleichen Kurse wie die Männer belegen durften, ihre ersten Schritte in die Welt der Kunst.

Berlin in seiner Blütezeit

1908 ging sie nach Brüssel, später auch nach Rom, um ihre Kunstausbildung fortzusetzen. Nach Berlin kehrt sie im Herbst 1915 zurück. Hier bezog sie wenige Jahre später gemeinsam mit ihrer Schwester ein Wohnatelier in einem Gartenhaus am Kurfürstendamm, wo sie bis zu ihrem Tod Mitte der Siebziger lebte und arbeitete. Mammen landete zu einem Moment in Berlin, als die Stadt in der Zwischenkriegszeit eine kulturelle Blüte erlebte. Unter dem Eindruck der politischen und sozialen Krise nahm auch die Emanzipationsbewegung Fahrt auf. Die selbstbewusste, autonome und allen möglichen Vergnügungen aufgeschlossene "Neue Frau" betrat die großstädtische Bühne – vor allem Akademikerinnen, Journalistinnen, Schriftstellerinnen, Tänzerinnen und Künstlerinnen – und brach mit alten Konventionen.

Von der Kritik gefeiert, von Nazis umgebracht
Elfriede Lohse-Wächtlers Bilder sind leidenschaftliche Studien menschlicher Abgründe. Sie vermitteln auf eindringliche Weise Emotionen und Seelenzustände der Porträtierten und sind auch Spiegel einer tragischen Künstlerbiografie

Mammens Blick auf die Berliner Gesellschaft jener Jahre ist nicht weniger leidenschaftlich und genau beobachtend als der ihrer Künstlerzeitgenossen George Grosz oder Otto Dix. Doch anders als jene zeichnete sie die Stadt und ihre Bewohner weniger übertrieben, weniger scharf, fiel ihre Zeitdiagnose weniger ätzend und radikal aus. Aber eine unkritische Berlinerin war Mammen, die sich in der Nachkriegszeit der Abstraktion zuwendete, niemals. Noch als hochbetagte Künstlerin soll sie gesagt haben: "Ich finde Berlin heute noch scheußlich. Wenn ich auf den Ku’damm gehe, muss ich kotzen." Eine moderne Frau mit Haltung.

Jeanne Mammen – Die Beobachterin. Retrospektive 1910–1975
Mit etwa 170 Gemälden, Papierarbeiten, Skulpturen sowie dokumentarischem Material widmet sich die Ausstellung der Wiederentdeckung der ikonischen Arbeiten der Berliner Künstlerin (1890–1976) aus den zwanziger Jahren, ihrer »entarteten« Experimente und magisch-poetischen Abstraktionen
Berlinische Galerie – Museum für Moderne Kunst ,  Berlin