Diorama in Frankfurt am Main

Im Zwischenreich

Ob mit ausgestopften Tieren, Bildern oder echtem Müll – im Schaukasten wird seit zweihundert Jahren Wirklichkeit inszeniert. Faszinierend sind sie noch heute.
Im Zwischenreich

Richard Barnes, Man with Buffalo, 2007, Inkjetprint

Honoré de Balzac war entzückt: Er habe "eines der Wunder unseres Jahrhunderts" gesehen, schrieb er im August 1822 an seine Schwester, "eine Errungenschaft des Menschen, mit der ich nicht gerechnet habe!". Was den Dichter so in Begeisterung versetzt hat, war ein Besuch des ersten Dioramas, das kurz zuvor in Paris eröffnet hatte.

Fast 200 Jahre später erklärte Hiroshi Sugimoto seine Faszination für das Diorama damit, "dass es den Tod und trotzdem das Leben darstellt, dass es auf das Zwischenreich zwischen Leben und Tod verweist". Viele Leute, so der Künstler, hielten die ausgestopften Tiere, die er seit 1976 für seine Serie "Dioramas" in US-amerikanischen Naturkundemuseen fotografiert hat, für echt.

Erfunden wurde das Diorama – eine oft abgedunkelte, durch eine Scheibe abgetrennte Schaubühne, auf der mithilfe von Hintergrundgemälden, realen Gegenständen wie ausgestopften Tieren oder Wachsfiguren und einer ausgeklügelten Lichttechnik illusionistische Effekte erzielt werden – von den französischen Malern Charles-Marie Bouton (1781 bis 1853) und Louis Jacques Mandé Daguerre (1787 bis 1851). Häufige Motive waren damals Bergtäler oder die Innenräume von Kathedralen. Daguerres Mitternachtsmesse in der Kirche Saint-Étienne-du-Mont etwa, das Balzac in Paris gesehen hat, suggerierte eine leere Kirche, die durch eine Veränderung der Beleuchtung plötzlich mit Gläubigen gefüllt zu sein schien. Einer zeitgenössischen Beschreibung zufolge erlebten die Betrachter dabei "nicht nur die wechselnden Lichtverhältnisse, die das Kirchenschiff, seine Farbe und seinen Anblick verändern", sondern auch "das plötzliche Auftauchen und Verschwinden von Personen, den feierlichen Vorgang einer Mitternachtsmesse". Für solche, aus dem Theater stammenden Effekte wurde die Leinwand beidseitig bemalt und durch das Öffnen und Verschließen verborgener Platten von oben, vorne oder hinten beleuchtet.

Sporen des Politischen
Sehen wir einen Baum, denken wir an Baumsterben. Sehen wir grünes Gras, denken wir an Glyphosat: Das mumok in Wien zeigt nun in einer großen Schau, dass Natur in der Kunst immer auch politisch ist

Noch heute findet man Dioramen in naturhistorischen und technischen Museen. Die umfangreiche Ausstellung in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle, die in Kooperation mit dem Pariser Palais de Tokyo entstanden ist, präsentiert die Vorläufer – etwa religiöse Krippendarstellungen – aber auch eine Reihe moderner Werke wie Marcel Duchamps gruselige Assemblage "Étant donnés" (1946/66) – eine Holztür mit Löchern, durch die man eine nackte Frau mit gespreizten Beinen vor einer Landschaftskulisse liegen sieht. Und auch im Zeitalter virtueller Realitäten reizt diese Darstellungsform viele Künstler. So hat Mark Dion Dioramen mit Zivilisationsmüll angereichert oder Ai Weiwei die Zelle, in der er inhaftiert war, nachgebaut.

Diorama – Erfindung einer Illusion
Die Ausstellung untersucht anhand von Werken von Jeff Wall, Mark Dion oder Isa Genzken den Einfluss des naturwissenschaftlichen Dioramas auf die bildende Kunst
Schirn-Kunsthalle ,  Frankfurt am Main