Naturgeschichten in Wien

Sporen des Politischen

Sehen wir einen Baum, denken wir an Baumsterben. Sehen wir grünes Gras, denken wir an Glyphosat: Das Mumok in Wien zeigt nun in einer großen Schau, dass Natur in der Kunst immer auch politisch ist.
Sporen des Politischen

Candida Höfer: "Zoologischer Garten Paris II", 1997

Mittlerweile sind wir es schon gewöhnt – und es kann mitunter auch ziemlich nerven: Jedes Unkraut, jede vertrocknete Zimmerpalme, jedes Blümchen schräg anzuschauen (und ja nicht zu pflücken) auf den Biennalen dieser Welt und sonstigen Großausstellungen. Könnte ja postkolonialistische Kritik sein. Oder irgendwas mit Flüchtlingen zu tun haben. Oder mit CETA.

Natur ist politisch in der Kunst, das wissen wir aus dem Effeff praktisch jedes "Documenta"-Katalogs. Hier wird seit den 7000 Beuys-Eichen unser schlechtes Gewissen kultiviert - über das Mohnfeld von Sanja Iveković (2007) bis zu Documenta-13-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev, die gleich den Post-Humanismus ausrief und Wahlrecht für Erdbeeren und Hunde forderte. In der diesjährigen Documenta war wieder einmal Lois Weinberger mit seinen per Zufall durch herumfliegende Samen besiedelten Furchen dran (Migration!). "Sporen des Politischen" sollte vielleicht auch gleich die Ausstellung im Wiener Mumok heißen. Man entschied sich doch für die "Spuren", schade. Schließlich geht’s ja auch um Tiere, okay.

Kurator Rainer Fuchs hat die Arbeit sichtlich Spaß gemacht – auf drei Stockwerken arrangierte er einen großzügigen Parcours durch die Politisierung von Giraffe und Alpen-Ampfer seit den sechziger Jahren. Letzterer spielt die Hauptrolle in Ingeborg Stobls letzter Arbeit, die sie noch eigens für die Ausstellung konzipierte; die wenig bekannte österreichische Konzeptkünstlerin starb in diesem Jahr. Sie setzt mit ihrer Installation aus Fotos und alten Holzbänken der schwindenden Almwirtschaft ein Denkmal, den Sennhütten, deren Ruinen die Berge prägen wie der wuchernde Alpen-Ampfer – die "Sauplotschn“ - eben, dessen große Blätter darauf hinweisen, dass hier einst Kühe den natürlichen Dünger dafür lieferten. Tolle Geschichten werden hier erzählt.

Humor und tote Tiere

Das große Plus ist der erleichterte Einstieg, es muss kein Cat-Content sein. Es reichen Fotos von den teils skurrilen, kulissenhaften Gehegen in Tierparks, wie Candida Höfer sie fotografierte, um uns Gedanken darüber zu machen, wie wir unsere Vorstellung von "Wildheit“ oder "Exotik“ inszenieren. Apropos (Post-)Kolonialismuskritik, ohne die geht es zur Zeit ja auch nirgends. Hier wären einige Ur-Installationen dazu zu sehen: Marcel Broodthaers "Wintergarten“ von 1974, eine Art Wintergarten eben, voll mit Palmen in Töpfen, naturhistorischen Schaubildern mit Kamelen und Pfauen und einem Film, in dem man sieht, wie der Künstler damals das Palais des Beaux-Arts in Brüssel noch mit einem echten Kamel aus dem Antwerpener Zoo betrat. Das hätte noch gefehlt. Dafür gibt es Nymphensittiche in der legendären modernistischen, bunten Tropicalia-Installation von Hélio Oiticica, die der brasilianischen Straßenkultur der sechziger Jahre damals den Namen gab. Vor allem aber gibt es tote Tiere, zum Beispiel in einer Außenstation im Naturhistorischen Museum, wo Mark Dion seine teerüberzogenen Pechvögel neben die so hübsch ausgestopften Zebrapräparate platzieren durfte. Toter geht echt nicht mehr.

Natur ist Kunst
Können Staatsquallen, Ruderkrebse, Borstenwürmer, Urnensterne, Geißelhütchen und Wunderstrahlinge Kunst sein? Ja! Auf den wunderbaren Blättern in Ernst Haeckels Mappenwerk "Kunstformen der Natur". Wie kein Zweiter hielt der Forscher die faszinierende Schönheit der Natur fest.

Unser Problem mit "der Natur“ prägt überhaupt diesen Ausstellungsherbst in Wien, auch im Kunst Haus Wien, der Institution für zeitgenössische Fotografie der Stadt, zeigt man "Visions of Nature". Kuratorin Verena Kaspar-Eisert folgt dabei unserem Schuldgefühl, das wir nicht unterdrücken können, beim Anblick, bei der Überwältigung durch die Schönheit, die wir in "der Natur“ erleben. Wir sind prinzipiell skeptisch geworden. Sehen wir einen Baum, denken wir an Baumsterben. Sehen wir grünes Gras, denken wir an Glyphosat. Es geht uns wie der slowenischen Fotografin Vanja Bucan, die in ihrer Fotoarbeit versucht, mit ihren Armen ein romantisches Naturbild, das Foto einer prächtigen Pflanze, zu umfassen. Und es dabei durchlöchert, zerknittert, zerstört. Natürlich.

Visions of Nature
In ihren Foto- und Videoarbeiten thematisieren Künstler wie Darren Almond, Tacita Dean oder Ilkka Halso das oft widersprüchliche Verhältnis zwischen Mensch und Natur
Kunst-Haus-Wien – Museum Hundertwasser ,  Wien
Naturgeschichten – Spuren des Politischen
Die Ausstellung verdeutlicht anhand von 100 Werken von etwa Joseph Beuys, Marcel Broodthaers oder Candida Höfer die Wechselbeziehung von Natur und Geschichte jenseits idyllischer Natur- und Geschichtsverklärung
mumok – Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig ,  Wien