Debatte

Kunst von unten

Wenn Kunst sich nicht mehr als elitär-abgehobene Szene großen Teilen der Gesellschaft verschließen will, wenn sie sich nicht mehr wohlfeil im hedonistisch-merkantilen Kunstsystem inklusive glamouröser Reichenbespaßung schnöde vermarkten lassen will, dann heißt es endlich kunstsystemkritische Wege "von unten" zu gehen, findet ART-Autor Raimar Stange. Er stellt drei Beispiele vor, wie es gehen kann.
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Kunstwerk? Imbisswagen? Beides! Projekt der Neuen Auftraggeber im französischen Lille. Erwin Wurm: "Bob", 2013, Lille, Frankreich

Nomen est omen bei der Gesellschaft "Die Neuen Auftraggeber". Diese unter anderem in Frankreich, Afrika und seit 2007 auch in Deutschland arbeitende Organisation setzt nämlich in ihren Projekten nicht mehr auf die "alten Auftraggeber" der kulturellen und ökonomischen Eliten, sondern auf eine Bürgerbeteiligung von unten. "Viel zu lange konnten nur wenige Privilegierte ein Kunstwerk ein Auftrag geben. Heute wollen wir, dass das jeder kann: Bürgerinnen und Bürger arbeiten mit Künstlerinnen und Künstlern zusammen", beschreibt die Gesellschaft ihr "Programm zur kulturellen Selbstorganisation der Bevölkerung" lapidar.

John Armleder, Erwin Wurm, Martha Rosler, Harun Farocki oder Candice Breitz realisierten schon Projekte

Diese Selbstorganisation, die, wie kein geringerer als der französische Philosoph Bruno Latour behauptet, "ein neues Kapitel der Kunst- und Sozialgeschichte aufschlägt", verläuft in mehreren Etappen: Zunächst wenden sich Bürger mit ihrem Auftrag an "Die Neuen Auftraggeber", die diesen Projektvorschlag dann einem "Mediatoren" übergeben. Der "Mediator" vermittelt als Kurator, nachdem er mit den Auftraggebern das Projekt intensiv besprochen hat, einen Kontakt zwischen einem von ihm ausgewählten Künstler und den Bürgern. John Armleder, Erwin Wurm, Martha Rosler, Helmut & Johanna Kandl, Harun Farocki oder Candice Breitz haben diese Herausforderung bereits angenommen. Anschließend moderiert der Mediator Gespräche zwischen beiden Parteien, so dass der Künstler seinen Auftraggebern eine fundierte Idee für die künstlerische Realisierung des Werkes vorschlagen kann. Sind beide Seiten schließlich zufrieden mit dieser Idee, wird das Kunstwerk produziert, der "Mediator" kümmert sich um die anfallende Organisation und auch um die Finanzierung des Projektes. In Deutschland waren vor allem die Kulturstiftung des Bundes und die Bundeszentrale für politische Bildung dabei aktiv.

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Auftraggeber: Bürger der Stadt Pritzwalk (u.a. Marion Talkowski, IHK; Karin Schrödter, Stadtplanung Pritzwalk). Auftrag: "Wir möchten die Verödung unserer Altstadt abwenden. Der Leerstand wächst, wir brauchen eine neue Perspektive." Mediator: Gerrit Gohlke. Clegg & Gutmann: "Die sieben Künste von Pritzwalk", 2011 - 2014, Pritzwalk, Brandenburg, Deutschland

Kurz ein konkretes Beispiel für die Arbeit der "Neuen Auftraggeber": Engagierte Bürger der brandenburgischen Kleinstadt Pritzwalk ging es 2011 darum, mit Hilfe der Kunst der Verödung ihrer malerischen Altstadt entgegenzuwirken. Der Kurator Gerrit Gohlke brachte daraufhin diese Bürger mit dem Künstlerduo Clegg & Guttmann zusammen, gemeinsam wurde das Anliegen diskutiert. Als Ergebnis dann die Idee, in ausgesuchten Läden der Altstadt Ausstellungen zu zeigen, die vorstellen, was die Pritzwalker Bürger selbst an Kultur mochten, das Spektrum reichte von Kunst über Mode bis hin Theater und Tanz. Zudem wurde 2014 gemeinsam ein Buch gemacht, das die so spannende wie spannungsvolle Zusammenarbeit des Künstlerduos mit den Pritzwalkern detailliert dokumentiert. Last, but not least: Einige der Bürger gründeten in Folge einen Kunstverein, der bis heute in einem der Läden der Altstadt angesiedelt ist.

Vor allem die Finanzierung unterläuft die Modi des Kunstbetriebes

Ein zweites prägnantes Beispiel für eine Unterwanderung des elitär-abgehobenen Kunstbetriebes ist die Arbeit der aktivistischen Künstlergruppe "Zentrum für politische Schönheit". Anders als die Arbeit der "Neuen Arbeitgeber" zeichnet sich die Kunst der Gruppe durch eine explizit politische Haltung aus, die bewusst provokativ angelegt ist, durch eine Ästhetik also, wie man sie sonst selten in den derzeit üblichen Kunstorten findet. Die Aktionen des "ZPS", wie jüngst ihre breit angelegte, in München, Berlin, Ankara und Hamburg realisierte Performance "Scholl 2017", ereignen sich daher entweder im Theater (siehe dazu auch der Artikel: "Debatte um politische Kunst: Bin im Theater") oder im öffentlichen Raum, kaum aber in Kunstvereinen, Museen oder Galerien.

Doch nicht nur diese Strategie unterläuft die eigentlich verabredeten Modi des hehren Kunstbetriebes, sondern vor allem die dazu parallel laufende Finanzierung der Aktionen des "ZPS". Diese nämlich wird, auch da die üblichen Sponsoren und Förderer dieser Kunst kaum die nötigen Mittel zur Verfügung stellen, per Crowdfunding von sogenannten "Komplizen" auf die Beine gestellt, die zum Beispiel im Internet oder mit Hilfe von Flugblättern gesucht werden. Allein die Wortwahl "Komplize" macht deutlich, dass die Form des Crowdfunding, die typisch ist für viele Kulturinitiativen "von unten", hier eine Finanzierung sichern soll, die auf eine regelverletzende Solidarität setzt, statt auf einen verstaubt-entpolitisierten Bildungsbegriff oder einen profitablen Imagegewinn, wie im Kunstbetrieb die staatlichen oder privatwirtschaftlichen Geldgeber sonst. Andererseits gewährleistet diese "verschwörerische" Finanzierung "von unten" dem Zentrum eine inhaltliche Unabhängigkeit, ohne der ihre gesellschaftskritische Arbeit unmöglich wäre.

Flaschenbier statt Wein und Prosecco

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Eröffnung der Ausstellung "Diorama" von Richard Schütz im Spor Klübü, 2017

Kurz sei nun noch an die gewissermaßen altehrwürdige Kulturarbeit der sogenannten Offspaces erinnert. Statt der minimalistischen Eleganz eines cleanen White Cubes gibt dort oftmals ein schmuddeliges Gebrauchtdesign den Ton an. Und statt Wein und Prosecco wird Flaschenbier getrunken, denn die finanziellen Möglichkeiten dieser Räume sind begrenzt. Entscheidend aber ist, dass hier die Künstler noch selbst basisdemokratisch entscheiden welcher Künstler ausstellen darf oder welche Ausstellungskonzepte von wem umgesetzt werden. Ein gutes Beispiel für einen aktuellen Offspace ist der Berliner Raum "Spor Klübü", der in einem ehemaligen türkischen Sportstudio in Berlin-Wedding residiert. Der 2003 gegründete Projektraum wird von dem Künstler Matthias Mayer organisiert, er lädt junge nationale und internationale Künstler und Kuratoren ein hier ihre Projekte zu realisieren. Das Programm reicht von Performances über Malerei und Installation bis hin zu Konzerten. Legendär sind in der Szene längst seine "One Night Stand"-Ausstellungen, in der Künstler eingeladen werden, für eine Nacht eine Arbeit zu einem ausgewählten Thema zu präsentieren. Kurz und gut: eine Do-It-Yourself-Organisation der kunstsystemkritischen Art.