Kunstszene Indien
Mumbai und Neu Delhi
UNVERFROREN, HINTERGRÜNDIG, SPIRITUELL
"Das Atelier liegt im so genannten Golden Palace nahe der Stadtbäckerei, zwischen Postamt und Tankstelle, nicht allzu weit vom Kongresshaus entfernt", stand als Wegbeschreibung in der Mail. Wer Künstler in Neu Delhi oder Mumbai besuchen will, ist überglücklich über derlei bildliche Anhaltspunkte.
Ihre Ateliers befinden sich meist in unscheinbaren Apartmentblocks. Hausnummern tauchen im urbanen Wildwuchs der indischen Megacitys nur in Ausnahmefällen auf. Zugleich spricht die etwas krause Auflistung von Wegmarken aber auch für die sich gerne in epischer Breite abspielende Erzählfreude Indiens. Städte, Geschichten, Bilder werden kaum nach einem roten Leitfaden komponiert, sondern wie ein waberndes Pastiche, das weder Anfang noch Ende kennt. Und so gerät die Suche nach dem, was den derzeitigen Hype um Indiens zeitgenössische Kunst ausmachen könnte, unweigerlich auch zu einer Reise in das Kaleidoskop der indischen Bildsprache.
Nicht von ungefähr stürzen sich derzeit die Trendscouts der globalisierten Kunstwelt auf Indien. Unverfroren, hintergründig, spirituell, politisch reflektiert, medial vielfältig und natürlich mit dem Klischeebonus des Exotischen versehen, beginnt Indiens Gegenwartskunst, die marktschreierischen Pop-Artisten Chinas zu überholen. Kunstzentren gibt es mehrere in Indien, aber Mumbai gilt mit seinen jungen Galerien, Künstlern, Kuratoren und Szeneorten als der vibrierende Schauplatz. Die kosmopolitische Handelsstadt wird gerne mit New York verglichen, indische Maßstäbe von knallhart aufeinander prallenden Kontrasten zwischen Hochtechnologischem und Archaischem einmal vorausgesetzt. Anant Joshi, der in Mumbai tatsächlich in einer mausgrauen Altbauwohnung nahe der City Bakery arbeitet, findet giftige Metaphern für den aggressiven Wandel der Stadt: Trashiges Plastikspielzeug wird auf Sparflamme erhitzt und dann zu grellbunten Horrorbündeln verklumpt. Verführungskraft und Gewaltfantasien treffen hier aufeinander. Zuletzt malte Anant Joshi auch an einem irisierenden Zyklus der Angst, in dem phantomhafte Gestalten wie aus dem Off auftauchen, mörderische Waffen mit sich führen, brandschatzen oder gleich Untoten ihre Verletzungen zeigen. Das erschreckend Visionäre daran: Anants Bilder sind 2008 wenige Monate vor den Terroranschlägen des 26. November in Mumbai entstanden.
"Der Blick aus dem Fenster war für mich die wahre Schule"
Sie gilt als eine der politisch wachsten Künstlerinnen: Shilpa Gupta, 33, wagt sich mit multimedialer Erfindungsgabe auch an bleischwere Themen wie Kaschmir und Militarismus, Demokratie und Sicherheit, Gender und den erstarkten Hindu-Fundamentalismus. "Ob es uns gefällt oder nicht, wir sind alle Teil verschiedener widerstreitender Systeme", sagt Gupta. "Ich möchte Kunst nicht für eine eingeschworene Gemeinde machen, sondern ein weites Publikum erreichen. Deshalb benutze ich die Neuen Medien als eine Art Werkzeug." Und so lädt Gupta immer auch verwandlungsbereite Jugendliche aus Mumbai als Per-former ihrer Installationen ein. Es kommt aber auch vor, dass sie selbst singend die Unabhängigkeitserklärung Indiens heraufbeschwört und dafür als Sprachrohr autonom im Raum platzierte Mikrophone benutzt.
"Shilpa, Anant und ich, wir haben alle an derselben Akademie studiert", erklärt der bereits von Sammlern wie Charles Saatchi und Topgalerien wie Haunch of Venison vereinnahmte Jitish Kallat. "Aber um ehrlich zu sein, ich lernte damals an der Sir J.J. School of Art kaum etwas Entscheidendes." Zwischen einer Standard-Bauhaus-Lehre, realistischer Porträtmalerei und indischer Ästhetik habe man sich damals in den Neunzigern an der Akademie orientieren können. "Der Blick aus dem Fenster war für mich die wahre Schule", sagt Kallat. "Der Stadt Mumbai mit ihren chaotischen Straßen gehörte meine Bewunderung. Aus ihrem Konfliktpotenzial beziehe ich bis heute meine künstlerische Energie." Jitish Kallat multipliziert seine digitalen Fotos oft zu monströsen Panoramen, will dadurch dem Cultural Clash seiner Nachbarschaft gerecht werden. Sein neuester Plan: Er züchtet in dem eher großzügigen Mumbaier Atelier Weizen, um damit fotografisch den Einbruch der Natur in eine städtische Zivilisation als Apokalypse der etwas anderen Art zu simulieren.
Zwischen Pop, Moderne und Mythos
Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. Seit einiger Zeit setzt sich die von Südindien aus eher argwöhnisch betrachtete Hauptstadt Neu Delhi als zweiter Kunstschauplatz durch. Neu Delhi sei eine sich in Privatbezirke verschließende Stadt, bürokratisch regiert, eisern dem Kastensystem verschworen und wie Los Angeles nur mit dem Auto zu erkunden, schimpft man in Mumbai. Das stimmt auf gewisse Weise. Andererseits tobt auch hier an den Straßenrändern der Kampf der Ärmsten ums Überleben. In der nach einem plumpen Schnittmuster amerikanischer Retortenstädte gestalteten Trabantenstadt Gurgaon leben Bharti Kher und Subodh Gupta. Die beiden werden ein wenig wie das Prinzenpaar der indischen Kunst gehandelt. Bharti Kher, Anfang der Neunziger der Liebe zu ihrem Mann wegen von London nach Neu Delhi gezogen, lotet das Spektrum des heute inflationären Gesichtsschmucks der "Bindis" zwischen Pop, Moderne und Mythos aus.
Traditionell prangte das Bindi als Hindu-Zeichen des dritten Auges auf der Stirn. Kher nutzt die längst zur dekorativen Kosmetik verkommenen bunten Punkte für die Oberflächengestaltung ihrer Bilder. Auf dem Boden ihres Ateliers sitzen zwei geübte Assistentinnen im Sari und versehen Farbgründe meditativ mit Tausenden von selbstklebenden Bindis. Auch die altmodisch gewordenen Bindis in Schlangenform tauchen massenhaft auf, ziehen sich wie ein Spermienschweif über die neuen Bilder. Kher dazu: "Mich interessiert der Widerspruch, dass es in Indien diese seltsame Moral in der Mittelschicht gibt und zugleich eine enorme Akzeptanz der Promiskuität." Die für indische Verhältnisse sehr emanzipiert auftretende Künstlerin arbeitet gerade an einer bizarren Skulptur einer dreiköpfigen Gottheit – mehr ein degeneriertes Menschenmonster als ein anbetungswürdiges Wesen.

