Ausstellung in Bremen

Schlafen als Kunst

Eine Ausstellung in Bremen widmet sich dem liebsten Zeitvertreib des Menschen: dem Schlaf. Kein Wunder also, dass er auch seit jeher künstlerisches Motiv war. 70 Werke von Künstlerinnen und Künstlern, darunter Gustave Courbet, Andy Warhol und Paula Modersohn-Becker, verdeutlichen die Inspirationskraft, die das Sujet über die Jahrhunderte auf die Kunst ausübte.
Schlafen als Kunst

Félix Vallotton: "Nu à l'écharpe verte", 1914

Nicht mehr lange, dann kann Virgile Novarina endlich schlafen. Sein Bett hat er schon gemacht - in einer Ecke des Paula Modersohn-Becker Museums in Bremen. Auf einer roten Luftmatratze will er vor den Augen der vielen Besucher friedlich schlummern. Damit das klappt, hält er sich zwei Tage am Stück wach. "Egal ob Lärm, Licht oder Leute - ich will dann einfach nur noch schlafen", sagt der 42-Jährige. Das klingt verrückt, ist aber Kunst.

Die Performance hat der Franzose eigens für die Eröffnung der Ausstellung "Schlaf. Eine produktive Zeitverschwendung" entwickelt. 70 zeitgenössische Gemälde, Fotografien, Installationen und Skulpturen widmen sich darin den verschiedenen Facetten des Schlafs. Die aktuellste Arbeit ist die von Novarina. Während er schläft, zeichnet ein EEG-Stirnband seine Hirnströme auf, die auf einer Leinwand visualisiert werden. "Ich will zeigen, dass Schlaf etwas Aktives und Kreatives ist, obwohl der Schlafende bewegungslos daliegt."

Schlafen muss jeder. Doch wie man schläft, ist ganz unterschiedlich. Es gibt Langschläfer, Frühaufsteher, Menschen, die bei jedem Geräusch hochschrecken und andere, die regelmäßig ihren Wecker überhören. Zehn Stunden sollen sich Goethe und Albert Einstein pro Nacht gegönnt haben. Von Leonardo da Vinci wird dagegen berichtet, dass er alle vier Stunden nur eine Viertelstunde geschlafen haben soll, um möglichst viel Zeit für seine Arbeit zu haben.

Spielen, singen, schlafen
Ein Kunstmuseum, in dem man zerschlagenes Porzellan kitten, Tischtennis spielen, Aktzeichnen und erotische Übungen machen kann? In Leverkusen gibt es das. Die Frage ist nur, wie lange noch.

Schlaf wird mit Faulheit gleichgesetzt

"Sleep is a waste of time" (deutsch: "Schlaf ist Zeitverschwendung") - auf dieses Zitat der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas spiele der Untertitel der Ausstellung an, sagt Museumsdirektor und Kurator Frank Schmidt. Schlaf ist ein Grundbedürfnis. Dennoch ist dieser in unseren Breitengraden oft negativ besetzt - vor allem der Schlaf tagsüber. "Das wird mit Faulheit gleichgesetzt." Einen Kontrapunkt dazu setzt die Ausstellung, indem sie zeigt, dass Schlaf etwas Schönes und Inspirierendes sein kann.

Intime Momente werden zu Kunst

Über Stunden filmte Andy Warhol 1963 seinen damaligen Lebensgefährten John Giorno beim Schlafen. In dem grobkörnigen Schwarz-Weiß-Streifen sieht man über lange Zeit nur einen nackten, behaarten Brustkorb, der sich hebt und senkt, oder Nasenlöcher in Nahaufnahme. Auch Paula Modersohn-Becker zeichnete und malte ihren Mann Otto Modersohn im Schlaf, Oskar Moll porträtierte seine schlafende Frau auf der Hochzeitsreise. Damit gewähren sie einen Einblick in einen sehr privaten, intimen Moment.

Schlaf ist eine private Angelegenheit, aber nicht nur. Wie lange und wie gut man schläft, ist ein beliebtes Gesprächsthema. Untersuchungen des Schlafforschers Jürgen Zulley haben ergeben, dass etwa 40 Prozent der Deutschen unzufrieden mit ihrem Schlaf sind. 10 bis 15 Prozent leiden sogar an Schlafstörungen. Wer leistungsfähig sein will, muss ausreichend schlafen - diese Erkenntnis hat sich im Zuge eines stärken Gesundheitsbewusstsein durchgesetzt. Deshalb versuchen Menschen inzwischen auch, ihren Schlaf mit Hilfe von Apps und Messgeräten zu optimieren.

Dennoch sind viele peinlich berührt, wenn jemand in der Öffentlichkeit schläft. In einem Gemälde von Slawomir Elsner verschwindet ein Obdachloser unter einer Decke - er schläft mitten in der Stadt, doch ist er quasi unsichtbar. Im Animationsfilm "Immer müder" von Jochen Kuhn geht es um einen Mann, der immer einschläft - auf dem Gehweg, bei der Rede im Parlament, beim Rendezvous. Er geht sogar zum Arzt, der ihm attestiert, kerngesund zu sein. Am Ende kommt der Protagonist zum Schluss: "Es ist wohl nicht zu ändern." Es sei auch einfach zu herrlich, loszulassen und wegzudämmern.

Schlaf. Eine produktive Zeitverschwendung
Die Ausstellung widmet sich ganz dem Schlaf als Motiv in der Kunst, vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart
Museen Böttcherstraße (Paula-Modersohn-Becker-Museum, Ludwig-Roselius-Museum, Sammlung Bernhard Hoetger) ,  Bremen