Jasper Johns in London

Schmuddelige Fahnen

Mit Flaggen-Bildern wurde Jasper Johns beinahe über Nacht berühmt. Eine umfangreiche Retrospektive feiert nun den Helden der US-amerikanischen Kunst und Wegbereiter der Pop Art.
Schmuddelige Fahnen

Jasper Johns: "Flag", 1958. Enkaustik auf Leinwand

Die Flaggen-Bilder waren 1954 für den damals 24-jährigen Jasper Johns, der seinen Militärdienst in Japan absolviert hatte, ein Neubeginn. Der junge Künstler zerstörte alle Arbeiten, die er zuvor gemacht hatte, um sich mit seinen Darstellungen der US-Nationalfahne ganz auf ein Motiv zu konzentrieren, das mit seinen Farbflächen und Streifen einem abstrakten Werk glich. Vier Jahre später wurde er vom legendären New Yorker Galeristen Leo Castelli entdeckt und über Nacht berühmt. Inzwischen "recycelte" Johns auch andere Objekte wie Zielscheiben, Zahlen, Buchstaben oder Landkarten. "Dinge, die der Verstand bereits kennt", so beschrieb er seine Leinwandmotive, mit denen er sich das Readymade-Erbe von Marcel Duchamp aneignete. 

Bei seinen berühmten Flaggen ging Johns mit einer speziellen Technik an das Werk: Er grundierte die Leinwände mit einer Collage aus Zeitungsausrissen und malte mit einer Mischtechnik aus Ölfarbe und in Wachs gebundenen Pigmenten. Eine patriotische Aussage seien die wie beschmutzt wirkenden Fahnen nie gewesen, betonte der Künstler. Indem er bekannte Alltagsgegenstände in die Kunst einziehen ließ, bereitete Johns die Bühne für spätere Pop-Art-Künstler wie Andy Warhol und Roy Lichtenstein. Weil er aber bei seinen Gemälden spontan gestisch ans Werk ging, hielt er wie sein Freund Robert Rauschenberg die Verbindung zu den amerikanischen Meistern des Abstrakten Expressionismus.

Ach, was ist von Andy Warhols Ruhm geblieben?
Kurz nach seinem überraschenden Tod schrieb Alfred Nemeczek 1987 über das exzentrische Leben, Werk, Wirkung und seine persönliche Begegnung mit dem Künstlerstar

Im Alter von 87 Jahren wird Johns nun eine große Retrospektive in der Londoner Royal Academy of Arts gewidmet. Die Ausstellung vereint mehr als 150 Gemälde, Plastiken, Zeichnungen und Lithografien aus den vergangenen 60 Jahren. Sie zeigen die künstlerische Entwicklung Johns’, der immer wieder neue Wege einschlug: So malte er in den siebziger Jahren vor allem Schraffur-Kompositionen. Später machte er Anleihen bei Pablo Picasso oder Edvard Munch. 

Abschluss und ein Höhepunkt der Londoner Ausstellung ist die Serie "Regrets". Ausgehend von einem zerknickten Foto, das den britischen Maler Lucian Freud zeigt, schuf der Amerikaner im Alter von 83 Jahren einen Zyklus sehr persönlicher, halbabstrakter Bilder, Zeichnungen und Drucke, der 2014 im New Yorker Museum of Modern Art ausgestellt war. Viele Arbeiten der Serie tragen den Schriftzug "Regrets" ("Mit Bedauern"). Es handelt sich um die Vergrößerung eines Stempels, den Johns anfertigen ließ, um den Einladungen und Anfragen, die auf seinem Tisch landen, zackig Absagen erteilen zu können.

Jasper Johns: Something Resembling Truth
Der US-amerikanische Maler (*1930) wurde in den fünfziger Jahren vor allem mit Gemälden von Flaggen und Zielscheiben bekannt; die Schau zeigt über 150 Werke aus mehreren Schaffensperioden
Royal Academy of Arts ,  London
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