Preis der Nationalgalerie

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Vier Kandidatinnen treten dieses Jahr für den renommierten Preis der Nationalgalerie an. Außerdem gibt es einen Publikumspreis und Sie können wieder mitwählen – in der Ausstellung oder direkt hier. Die Abstimmung startet am 29. September. Teilnehmer haben die Chance, wertvolle Preise zu gewinnen.
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Jumana Manna, Sol Calero, Iman Issa, Agnieszka Polska (v.l.n.r.)

Gerade hat mit Anne Imhof die letzte Preisträgerin den Goldenen Löwen in Venedig errungen. Dadurch hat der Preis der Nationgalerie weiter an Renommé gewonnen. Jetzt geht es in die nächste Runde. Das Thema der kulturellen Identität ist so etwas wie ein roter Faden. Hier sind die vier Kandidatinnen:

Sol Calero

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Sol Calero

Sol Calero hat ein Faible für profane Orte der Dienstleistung. Die 1982 in Caracas, Venezuela, geborene Künstlerin hat schon Bürgerämter, Reisebüros, Wechselstuben, Klassenzimmer, Friseursalons, Internetcafés und Tanzschulen in ihre Ausstellungen eingebaut. Überall dort, wo gewartet wird, so lautet die Annahme der Künstlerin, kann man auch gut Kunst zeigen, etwa Videoarbeiten. Das böse Wort "Wartezimmerkunst" erfährt durch ihre Praxis einen neuen, sehr viel schöneren Klang. In Caleros dreidimensionalen Umgebungen mischt sich vieles: lateinamerikanische Alltagsästhetik, entfernte Echos der schrillen Pop-Designs der Memphis-Gruppe um Ettore Sottsass, Juice-Bar-Displays, Serialität, Cocktailfarbverläufe, Grafikdesign und baumarktgetriebener Do-it-yourself-Ethos. Doch die farben- frohen, Gute-Laune-Installationen, die das Publikum so liebt, sind mehr als Oberfläche, denn Calero benutzt "exotische" Muster sehr bewusst. "Ich bediene mich gewisser Stereotype in meinem Werk und übertreibe sie." Wenn das Publikum etwa mit Lateinamerika Früchte assoziiert, dann soll es eben Früchte bekommen. Wenn es unbedingt Salsa tanzen will, dann wird eben Salsa getanzt.

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Sol Calero: "Amazonas Shopping Center", 2017, Installationsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin

Die Künstlerin weiß auch, dass selbst die hyperironische Geste nicht immer als solche erkannt wird. Aber die Rolle der verbissenen Erzieherin ist nicht ihr Ding. Nach Europa kam Calero mit 17 Jahren, hier studierte sie und hat allmählich zu ihrer heutigen hybriden kulturellen Identität als internationale Künstlerin in der Berliner Künstler-Diaspora gefunden. Das hieß unter anderem auch: Alles, was sie über lateinamerikanische Kunst weiß, hat sie sich selbst beibringen müssen. Im Hamburger Bahnhof wird Calero eine Art Parcours errichten, der es wie in einer Mini-Retrospektive ermöglicht, die wichtigsten Projekte der Künstlerin aus den letzten fünf Jahren zu durchlaufen. Die Ausstellung komme ihr sehr gelegen, erklärt Calero, die die letzten Jahre in einem beschleunigten Produktionsmodus verbracht hat. Am besten wäre es, wenn es ein bisschen so zuginge wie im Dong-Xuan-Center – dem berühmten, wuseligen vietnamesischen Shoppingcenter in Berlin-Lichtenberg. Dorthin gehen die Berliner nicht unbedingt nur zum Einkaufen, sondern auch, um hin und wieder der deutschen Tristesse zu entfliehen.

Iman Issa

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Iman Issa

Als Iman Issa im Alter von 19 Jahren als Stipendiatin von Kairo nach Seattle flog, um an der dortigen University of Washington zu studieren, war sie eigentlich für Philosophie und politische Wissenschaften eingeschrieben. Durch Zufall bekam die Tochter einer Chemikerin und eines Physikers, die zuvor nicht viel mit zeitgenössischer Kunst zu tun hatte, einen Studentenjob als Museumswärterin in der universitätseigenen Henry Art Gallery. Fortan verbrachte Issa "fast elf Monate, drei bis vier Tage in der Woche, sechs bis acht Stunden am Tag" damit, "Leute zu betrachten, die sich Kunst anschauten". Besonders ein Werk beeindruckte die Ägypterin nachhaltig und bewegte sie womöglich auch dazu, selbst Künstlerin zu werden: Fish Story, die berühmte, Mitte der Neunziger entstandene, aufklärerisch-kritische Diaschau über die Seefahrt im Zeitalter der Globalisierung des US-amerikanischen Fotografen und Theoretikers Allan Sekula. Nach ein paar Jahren in New York ist sie vor Kurzem in Berlin gelandet. Ihr Atelier in Wedding ist groß, leer, frisch gestrichen, tageslichtdurchflutet und noch ohne Internet. In der Kunst, sagt Issa, könne man sich mit komplexen Themen beschäftigen, ohne sie vereinfachen oder sonst wie zurechtstutzen zu müssen.

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Iman Issa: "Heritage Studies", 2015-2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin

Das mache dieses Feld zu einem attraktiven Ort, um frei über bestimmte Dinge nachzudenken. Da ist Platz für die Feinheiten, Widersprüche, Ambiguitäten und Zwischentöne – auch die Freiheit, in verschiedenen Medien zu arbeiten. 2007 nahm Issa an einer thematischen Gruppenausstellung in London teil. Die Kuratoren hatten die Künstler gebeten, Vorschläge für eine Gedenkstätte beizusteuern, die an den Krieg im Irak erinnern sollte. Issa produzierte darauf hin ein fünfminütiges Video, das mit den Bildern eines explodierenden Hauses beginnt und mit dem Internet-Meme eines Jungen endet, der auf den Helm eines Soldaten uriniert. Bei der Arbeit habe sie viel über ihre eigene Haltung als Künstlerin nachgedacht, etwa wie man sich mit dem Werk positioniert, welche Rolle man spielen möchte, auf welche Weise man sich einmischen kann. An der Kunst interessiert sie am meisten der Punkt, an dem eine Art von Gespräch beginnen kann. Geht es also um die reine Idee? Beides ist wichtig, sagt Issa, die Ideen und das Material. Seit ein paar Jahren arbeitet sie an einer Werkserie, die sie Heritage Studies nennt: zeitlos-futuristisch wirkende Skulpturen, die die Anmutung von erhabenen Archetypen menschlicher Erinnerungskultur besitzen.

Jumana Manna

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Jumana Manna

In Jumana Mannas Film A Magical Substance Flows Into Me (2015) gibt es eine unscheinbare Schlüsselszene. Gegen Ende des Films zeigt die Bildhauerin und Filmemacherin ihren Vater, einen in Ostjerusalem lebenden palästinensischen Historiker, beim Schuheanziehen. Dabei erzählt er fast beiläufig von einem historischen Briefwechsel aus dem Jahr 1899 des Jerusalemer Bürgermeisters Yusuf Diya al-Khalidi mit Theodor Herzl, dem Gründungsvater der zionistischen Bewegung. "Meiner Meinung nach sollte jemand ein Kunstwerk oder einen Film über diese Korrespondenz produzieren." Manna folgt dem väterlichen Wink auf ihre Weise, denn der rote Faden von A Magical Substance Flows Into Me ist nicht weniger historisch und bezieht sich ebenso auf die konfliktgeladene Geschichte und Gegenwart Israels und Palästinas. Es sind keine Briefe, sondern historische Tonaufnahmen von Robert Lachmann, einem deutsch-jüdischen Musikethnologen, der in den dreißiger Jahren eine eigene Radiosendung mit dem Titel "Oriental Music" produzierte und regelmäßig Musiker verschiedener ethnischer und religiöser Gruppen Palästinas zu Aufnahmen in sein Studio einlud. Wie einst Lachmann suchte Manna marokkanische, kurdische und jemenitische Juden, Beduinen und Kopten auf, um sie beim Musikmachen zu dokumentieren. So entsteht ein Lautbild einer geschichtlich reichen wie kulturell diversen, bis heute von gewaltsamen Auseinandersetzungen durchzogenen Landschaft.

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Jumana Manna, Installationsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin

Jumana Manna wurde 1987 in New Jersey geboren, wuchs in Jerusalem auf und studierte an Kunstakademien in Los Angeles, Oslo und Jerusalem. Zu ihren wichtigen Bezugsgrößen in der Bildhauerei zählen die Künstlerinnen Louise Bourgeois und Isa Genzken, genauso wie die kürzlich gestorbene Beiruter Malerin und Bildhauerin Saloua Raouda Choucair – eine der Pioniergestalten der Abstraktion in der arabischen Welt. In der Filmwelt sind es Gestalten wie der Avantgardefilmer Kenneth Anger, der US-Regisseur John Cassavetes oder die französische Filmregisseurin Claire Denis, die sie inspiriert haben. An ihren Skulpturen und Filmen arbeitet Manna parallel. "Beides speist sich gegenseitig, und dennoch bleibt es jeweils ein ganz eigener Prozess", erklärt sie. "Es gibt zwei große Stränge in meinem Werk: Der eine ist eher erzählerisch und diskursiv, der andere ist eher metaphysisch, materialistisch und intuitiv. Beides ist in unterschiedlichen Stärken in meinen Filmen und Skulpturen vorhanden." Vielleicht wirken ihre seltsamen amorphen Skulpturen deshalb manchmal wie schockgefrostete Gestalten auf einem Filmset.

Agnieszka Polska

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Agnieszka Polska

Die Filme und Animationen von Agnieszka Polska sind nichts für Ungeduldige. Sie entwickeln sich wie gemächlich dahintreibende surrealistische Fiktionen. Vielleicht sind sie auch deswegen so populär, weil man mit ihnen in einer überall beschleunigenden Gesellschaft die Langsamkeit entdecken kann. Die Künstlerin, geboren 1985 im polnischen Lublin, tritt ganz bewusst auf die dramaturgische Bremse, sie schätzt offensichtlich den kontemplativen Moment. Es ist, als wolle sie ihren Bildern und Tönen eine bestimmte Nachhallzeit geben. Eine ihrer bekanntesten, frühen Arbeiten, der Film Future Days (2014), spielt in einer Jenseitslandschaft – gedreht wurde auf der schwedischen Insel Gotland –, in welcher sich die Geister jener Künstlerinnen und Künstler sammeln, die schon zu Lebzeiten den Ausstieg aus der Kunst probten: Char­lotte Pose­nen­ske, Jerzy Ludwiński, Włodzi­mierz Borow­ski, Paul Thek, Lee Lozano, Andrzej Szewc­zyk und Bas Jan Ader. Ist es nicht seltsam, dass eine junge Künstlerin am Anfang ihrer Karriere einen Film über das Leben nach der Kunst produziert? Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch ein genialer Schachzug, die Frage nach dem "Was wäre wenn?" auf diese Weise zu stellen.

Denn "Future Days" dreht sich auch um die Idee einer alternativen Geschichte, schließlich treffen im Künstler-Nirwana Kolleginnen und Kollegen aus Ost und West aufeinander, die sich aufgrund des Eisernen Vorhangs nicht oder nur unter größten Mühen hätten begegnen können. Mit ihren regungslosen Gesichtsmasken bewegen sich die Kunstgeister vorsichtig durch die Insellandschaft, werden immer vergesslicher. Die Fähigkeit, sich zu erinnern verkümmert, wenn Zeit keine Rolle mehr spielt. Ein qualvoller Zustand. Das Thema der Erinnerung zieht sich wie ein roter Faden durch Polskas Werk, und das ist kein Zufall. Künstler aus Osteuropa hätten eine bestimmte Haltung dazu, sagt Polska. Dies sei mit den Erfahrungen während des Systemwechsels um 1989 verbunden: "Die archivierten Informationen wurden verzerrt; es ist diese ungewöhnliche Sache, in einem Teil Europas zu leben, wo deine Vergangenheit nicht ganz sicher ist." Man kann diesen realen Geschichtsverlust beklagen. Polska hat sich für eine offensive und produktive Strategie entschieden.

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Agnieszka Polska: "What the Sun Has Seen (Version II)", 2017, HD-Animation, Installationsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin

Abstimmung zum Publikumspreis

Welche der vier Künstlerinnen sollte Ihrer Meinung nach den Publikumspreis gewinnen? Ab dem 29. September sind Arbeiten der Kandidatinnen im Hamburger Bahnhof – Museum der Gegenwart in Berlin zu sehen. Mit Start der Ausstellung können Sie hier auf der Seite oder direkt vor Ort ihre Stimme abgeben. Die Abstimmung läuft bis zum 23. Dezember. Als Teilnehmer haben Sie die Chance folgende Preise zu gewinnen:

  • Genießen Sie mit einer Begleitung das "Staatsoper für alle"-Konzert im Sommer 2018 in Berlin in exklusiver Atmosphäre inkl. Empfang und einer Übernachtung im Hotel de Rome.   
  • Erleben Sie Freude am Fahren für ein gesamtes Wochenende mit einem BMW Ihrer Wahl (nach Verfügbarkeit, Abholort Berlin oder München).
  • Erleben Sie die Preview der Berlin Art Week und Kunstmesse art berlin im September 2018 inkl. VIP-Tickets mit Zugang zu allen Events in exklusiver Atmosphäre.

Außerdem: 10 Exemplare der aktuellen 4. Auflage des BMW Art Guides by Independent Collectors – der erste globale Guide zu privaten, öffentlich zugänglichen Sammlungen zeitgenössischer Kunst, erschienen im Kunstbuchverlag Hatje Cantz.

Preis der Nationalgalerie 2017
Sol Calero, Iman Issa, Jumana Manna, Agnieszka Polska sind die diesjährigen Nominierten der Auszeichnung
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart ,  Berlin