Abschluss der Documenta

Was bleibt von der Documenta 14?

Das kuratorische Konzept bleibt umstritten, die finanzielle Lage ist angespannt. Am Wochenende geht die 14. Documenta zu Ende. Ob ein neuer Besucherrekord aufgestellt wird, ist ungewiss. Aber wie steht es eigentlich um die Kunst? Welches Documenta-Werk wird in Erinnerung bleiben? Wir haben art-Autoren und Redakteure gefragt.
Was bleibt von der Documenta 14?

Ein Selfie zum Abschluss: Künstlerin Marta Minujín vor ihrer Documenta-Arbeit "Parthenon of Books"

Eine Nachfolgerin Goyas: Wenn der leitende didaktische Wunsch der d14-Kuratoren, mit Kunst politisch in die Gesellschaft zu wirken, auch bei vielen Einladungen zu dürren Ergebnissen geführt hat, so zeigt das Kabinett in der Documenta-Halle, das Miriam Cahn bespielen durfte, doch die ganze Stärke politischer Kunst. Die starkfarbigen figürlichen Gemälde und Zeichnungen zum Thema "Flüchtlinge" und "Gewalt" verbinden ein wichtiges Anliegen mit einer hochpersönlichen künstlerischen Sicht.

Was bleibt von der Documenta 14?

Arbeiten von Miriam Cahn in der Documenta Halle: "Koennteichsein"

Cahn behandelt dieses virulente Gegenwartsthema sowohl aufwühlend wie skeptisch. Ihre Schock- und Angstbilder setzt die Schweizer Künstlerin ins Verhältnis zu rätselhaften Motiven, um die Verbindung von rationalen und irrationalen Aspekten zu demonstrieren, ohne die man diese emotional geführte Debatte nicht vollständig begreifen kann. Und trotzdem ist ihre Parteilichkeit für die Schwachen und Schutzlosen offensichtlich. In dieser Serie zeigt sich Miriam Cahn als würdige Nachfolgerin von Goyas "Caprichos". Till Briegleb

Schlechte Coverversion: In der 20-minütigen Videoinstallation von Michel Auder, die im ehemaligen unterirdischen Bahnhof von Kassel ausgestellt ist, sieht man alles gleichzeitig: iPhone-Bilder von einer Schrift Alexander von Humboldts über Sklavenhandel, Donald Trump, Frida Kahlo, Donald Trump, eine Facebook-Timeline, Donald Trump: immer in kurzen, sich abwechselnden Sequenzen. Was apokalyptisch angeteasert wird (mit dem Titel "The Course of Empire" bezieht sich Auder auf einen gleichnamigen Gemäldezyklus von Thomas Cole von 1836, der unter anderem den Untergang der Zivilisation ins Bild fasst), wirkt aber keinesfalls überraschend, sondern aus den aktuellen Medien überaus vertraut und wie eine schlechte Coverversion.

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Michael Auder: "The Course of Empire"

Das aber ist meiner Meinung nach repräsentativ für die Documenta 14. Transgender, zerstörte Flüchtlingsboote, Ökoseifen: alles Motive, die tagtäglich über die Facebook-Timelines laufen. Kennen Sie dieses ernüchternde Gefühl, wenn eine Verfilmung der Buchvorlage einfach nicht gerecht wird? Oder wenn ein unbegabter Teilnehmer bei einer Castingshow Whitney Houston immitiert? Genau so hat sich die Documenta 14 für mich angefühlt. Annekathrin Kohout

Idee vom Fremdsein: Als ich vor vielen Jahren auf einer kleinen griechischen Insel wegen eines Unwetters festsaß, habe ich von Bewohnern spontane Gastfreundschaft erfahren. Diese einfache, zutiefst menschliche Geste im Miteinander hat Adam Szymczyk ins Zentrum seiner Documenta in Kassel gestellt. Das Fridericianum, die Belle Etage der Weltkunstausstellung, stellte er der Sammlung des EMST, des Athener Museums für Gegenwartskunst, zur Verfügung und ertrug dafür stoisch herbe Kritik. Zu dieser Offenheit gegenüber dem Fremden passte bestens der Auftakt des Parcours am Kasseler Kulturbahnhof.

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Zafos Xagoraris "The Welcoming Gate", 2017, Metall, Acryl auf Leinwand, Soundinstallation, ehemaliger unterirdischer Bahnhof (KulturBahnhof), Kassel, documenta 14

Hier konnte man durch einen Container in eine verlassene S-Bahn-Haltestelle hinabsteigen, allerlei Kunstinterventionen wahrnehmen und beim Austritt ins Freie verwundert das griechische "Chairete" ("Seid gegrüsst!", auf einem Banner lesen. Für einen Moment wurde man als Besucher selbst zum Fremden, der Orientierung suchte und vielleicht eine leise Ahnung davon bekam, wie es ist, wenn man sich nicht mehr auskennt. Dass das ganze anders, als Anspielung auf griechische Kriegsgefangene, gemeint war, spielt nicht wirklich eine Rolle. Gerhard Mack

Polarisierender Störfaktor: Auf der großen Wiese vor der Orangerie war die "Blutmühle" von Antonio Vega Macotela nicht gerade ein Blickfang, aber immerhin auch nicht übersehbar. Die an Entwurfskizzen eines Leonardo da Vinci erinnernde Rekonstruktion jener von spanischen Kolonialherren erbauten Mühle, an der in Bolivien indigene Sklaven bis zum Umfallen schufteten, um Silber in Münzen zu pressen, begnügte sich nicht mit stummer Anklage. Wer mochte, konnte in die Rolle des ausgebeuteten Opfers schlüpfen und die Mechanik mit eigener Körperkraft in Gang setzen. Waren zwei Blut-Runden geschafft, fiel ein Silberling in eine Truhe. Eine etwas zynisch anmutende Auslegung des partizipativen Moments oder eine luzide versteckte Kritik des sich immer schneller und globaler drehenden Kunstmarkts? Ein Beitrag mit Sinn für Ambivalenz allemal und nicht zuletzt auch eine monströse Zumutung, die man in den allzu lieblichen Karlsauen gerne als polarisierenden Störfaktor in der Blickachse behielt. Alexandra Wach

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"Blutmühle" von Antonio Vega Macotela

Schaden: Bleiben muss die zu kurz geführte Diskussion um die abgesagte Performance "Auschwitz on the Beach". Franco Berardi wollte mit ihr die unmenschlichen Zustände in den Flüchtlingslagern in Syrien thematisieren und dazu Vergleiche mit dem Holocaust anstellen. Der Ankündigung folgten heftige Proteste - dieses obwohl selbst das Auswärtige Amt am Anfang des Jahres die Zustände in den Lagern als "KZ-ähnliche Verhältnisse" beschrieben hat. Dieses obwohl das Mittel der Provokation schon immer zum Vokabular moderner Kunst gehört. Und dieses obwohl in Athen ungestört Artur Zmijewskis Stummfilm "Glimpse", 2016 – 2017, lief, von der New York Times zur "wichtigsten Arbeit der Documenta" gekürt, der das Schicksal von Flüchtlingen ebenfalls mit dem von KZ-Häftlingen verglich. Dennoch wurde "Auschwitz on the Beach" abgesagt und so der Freiheit der Kunst von dem moralin-apolitischen Gezeter wertkonservativer "Kunstliebhaber", die die Performance nicht einmal gesehen hatten, erheblicher Schaden zugefügt. Raimar Stange

Kultureinerlei: Fake-News gibt es auch in der Kunst, wie die Röhren von Hiwa K. vor der Documenta-Halle beweisen. Angeblich sollte auf die Lebenssituation einiger Flüchtlinge aufmerksam gemacht werden. Nur leider deutete nichts darauf hin. Die Röhren wurden von deutschen Studenten eingerichtet und zwar im schicken Minimal-Beton-Look. Das Werk gleicht einer Ikea-Werbung: irgendwo zwischen hip und Mainstream. Durch Topfpflanzen, glänzende Waschbecken, Rasierpinsel, gemütliche Kissen und angesagte Lampen verlieren die Röhren jede Deutungstiefe, repräsentieren aber einen vom Kapitalismus getriebenen Design-Geschmack.

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Flüchtlingsunterkünfte in Rohren von Hiwa K.: "When We Were Exhaling Images", 2017, verschiedene Materialien , in Zusammenarbeit mit PD022, Produkt Design, Prof. Jakob Gebert, Kunsthochschule Kassel, Friedrichsplatz, Kassel, documenta

Politische Kunst ist das nicht. Und auch der Parthenon der Bücher von Marta Minujín ist ein Fake. Angeblich ging es hier um verbotene Bücher der Nazizeit und anderen Diktaturen. In Wahrheit bildet sich der Kanon deutscher Klassiker ab. Goethe und Grimm kommen dutzendfach vor, sogar mehrmals an gleicher Säule durch gleiche Verlagsausgaben. Statt Kulturvielfalt und Individualität sah man Kultureinerlei in konformer Documenta-Ästhetik. Larissa Kikol

Kunsterziehung
Keine Documenta hatte so große Ambitionen wie diese. Und keine hat für den Besucher so hohe Hürden errichtet. Warum die Documenta 14 gründlich danebengegangen ist – und es sich trotzdem lohnt, nach Kassel zu fahren

Learning from Piräus: Um als Tourist in Griechenland nach Piräus zu wollen, muss man schon gute Gründe haben. Eine Schiffspassage auf die Inseln vom Hafen ist dabei wahrscheinlicher als der Besuch eines Kunstmuseums. Trotzdem hat mich diese kleine Weltreise zum Archäologischen Museum von Piräus viel über das Griechenland des Jahres 2017 gelehrt - ganz im Sinne des d14-Mottos. Während der extremen Hitzwelle Ende Juni streikte die Müllabfuhr, doch Athen schien noch einigermaßen zu funktionieren. Sobald man aber die Metro in Piräus verließ, stank es zum blauen Himmel, die Straßen waren entweder voll von dubiosen Gestalten oder komplett leer, ganze Gassen wurden von Barrikaden aus Müllsäcken blockiert. Ganz, ganz langsam lief ich die Strecke zum Museum und fand immer wieder Schalen mit Wasser auf den Bürgersteigen aufgestellt: für die Strassenkatzen und Streuner. Es gibt immer Wesen, denen es noch schlechter geht, daran sind die Griechen gewöhnt, dachte ich und atmete trotzdem auf, als ich in der klimatisierten Museumshalle ankam. Eine andere Welt, wie gesagt.

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"Collective Exhibition for a Single Body" im Archäologischen Museum von Piräus

Denn dort in der Kühle, führten drei Tänzer ein stilles Ritual um das antike Grabmal des Nikeratos und seines Sohnes Polyxenos auf. Es handelte sich um die hier täglich stattfindende Performance "Collective Exhibition for a Single Body", die d14-Kokurator Pierre Bal-Blanc gemeinsam mit dem griechischen Choreografen Kostas Tsioukas und einigen Künstlern ersonnen hatte. Feierliche Verdrehungen und Posen rahmten das Monument ganz ohne Pathos. Das war wie ein Kurzurlaub von der allgegenwärtigen Gesellschafts- und Kolonialismuskritik. Eine zeitlose Insel der Ästhetik mit sechs Protagonisten, drei davon aus Stein, kopflos und würdevoll. Derart kontemplativ gestimmt, und überdies die einzige Besucherin, wollte ich mir für das kleine Museum noch viel Zeit nehmen. Es war kurz vor drei. Wir schliessen jetzt, näherte sich eine freundliche Angestellte. Ich: Jetzt!? Sie seufzte: Kürzere Öffnungszeiten wegen Kurzarbeit, Sie wissen schon. Aber unsere berühmten Bronzestatuen dürfen Sie nicht verpassen, soviel Zeit muss sein. Danke Piräus! Susanne Altmann

Laut aber leer: Warum den erinnernden Blick in die Ferne von Nordstadt oder ehemaliger Hauptpost schweifen lassen, wenn das erste Ärgernis des Totalschadens der Documenta 14 gleich beim Ticketkauf ins Auge des Besuchers stach ? Der Parthenon der Bücher, von der selbsternannten argentinischen Kunstrebellin Marta Minujín vor das Fridericianum geklotzt, war nicht nur ein gigantischer Propaganda-Bluff - ein TÜV-designtes Stahlstrebengetüm mit lose gestaffelten Buchtiteln als Fassaden-Fries, der marktschreierische Netzhautkitzler führte auch auf den Holzweg einer ansonsten formal ängstlichen und keineswegs unvergesslichen Schau marktferner, aber langweiliger Statements. Minujin gab dabei den HA Schult für die geistig Verarmten, laut aber leer. Und inhaltlich jede zeitkritische Haltung verratend, da vor allem auf längst verjährte Index-Listen zurückgreifend, während die aktuelle Zensur in islamischen oder asiatischen Staaten überspielt wurde. Heinz Peter Schwerfel

Was bleibt von der Documenta 14?

Marta Minujín: "The Parthenon of Books", 2017,
 Stahl, Bücher, Kunststoffolie, Friedrichsplatz, Kassel, Documenta 14

Unviversales Leid: "Das könnte ich sein" – dieser Gedanke liegt jeglicher menschlicher Empathie zugrunde. Die Schweizer Malerin Miriam Cahn hat den Satz etwas abgewandelt zum Titel ihres Documenta-Beitrags gemacht. Der Werkblock "Koennteichsein" füllt einen ganzen Raum in der Documenta-Halle: Die Zeichnungen und Ölgemälde zeigen gespensterhafte Menschenfiguren, die alle auf der Flucht zu sein scheinen. Sie reißen die Arme hoch, ducken sich weg, starren reglos vor Schreck in Richtung Betrachter. Oft sind sie nackt, wirken ausgeliefert, auf das Kreatürliche ihrer eigenen Existenz zurück geworfen. In diesen Bildern habe ich etwas gefunden, das selten war auf der d14: Einen Sinn für das Vielschichtige und Universale menschlicher Erfahrung, auch menschlichen Leids. Natürlich denkt man unwillkürlich an die Flüchtlinge unserer Tage, aber es fehlt die Einordnung in ein klares politisches Raster, das viele Documenta-Arbeiten so eindimensional und belehrend macht. Hinzu kommt, dass sich Cahn zugleich subtil auf Medienbilder bezieht, ihre Arbeiten sind also nicht naiv abbildend, sondern reflektieren auch die Bilder des Leidens, die wir bereits im Kopf haben. Ralf Schlüter

Documenta 14
So gigantisch, dass sie nur alle fünf Jahre stattfinden kann: Die Documenta in Kassel ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen zeitgenössischer Kunst. Hier finden Sie Bilder, Berichte und Highlights aus Kassel und Athen