Matisse und Bonnard im Städel

Erholung und Verwirrung

Henri Matisse und Pierre Bonnard sind zwei der bedeutendsten Vertreter der französischen Moderne – und: Sie waren ziemlich beste Freunde. Spuren hinterließen 40 Jahre des brüderlichen Dialogs auch in den Werken der beiden Künstler. Im Frankfurter Städel findet das Zweigespann nun Jahrzehnte nach ihrem Tod wieder zusammen. Das Motto der Ausstellung? "Es lebe die Malerei!"
Erholung und Verwirrung

Bonnard und der zwei Jahre jüngere Matisse waren nicht nur Freunde, sie wählten oft die gleichen Themen: Interieurs, Stillleben, Landschaften und Akte. Henri Matisse: "Großer liegender Akt", 1935, Öl auf Leinwand, 66,4 x 93,3 cm

Sein Durchbruch gelang 1905 mit einem Skandal. Als Henri Matisse (1869 bis1954) im Pariser "Salon d’Automne" sein brandneues Gemälde Frau mit Hut präsentierte, war das Publikum schockiert. Heute finden wir das Bild harmlos. Doch damals provozierten die kräftigen Farben, mit denen der Künstler seine Frau Amélie porträtierte und die auch den wild gepinselten Hintergrund charakterisieren. Ein Kritiker beschimpfte den Maler und die Kollegen, die mit ihm ausstellten, als "Fauves" (Wilde) – damit war die Stilbezeichnung Fauvismus geboren.

Als Matisse in der Kunstszene reüssierte, war Pierre Bonnard (1867 bis 1947) längst ein bekannter Maler. Bereits 1888 hatte er mit Mitstudenten von der Académie Julian eine Künstlergruppe gegründet, die sich "Nabis" nannte, stilistisch jedoch unterschiedlich arbeitete. Matisse und Bonnard wurden Freunde – eine Verbindung, die 40 Jahre lang hielt. Die Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum versammelt nun zahlreiche Hauptwerke dieser beiden wichtigen Protagonisten der französischen Moderne und stellt sie in thematisch geordneten Kapiteln einander gegenüber. So lassen sich die unterschiedlichen Umsetzungen zentraler Sujets wie Interieur, Stillleben, Landschaft, Akt und Porträt direkt vergleichen.

"Eine Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit, der Ruhe"

Außerhalb Frankreichs wurde Bonnards Kunst nie übermäßig geschätzt, da man ihn stets als einen Nachfolger des Impressionismus ansah. Matisse aber mit seinen leuchtenden Farben und den flächigen Kompositionen gilt als Pionier der modernen Malerei und zählt längst zu den ganz Großen der Kunstgeschichte. Er träume, so formulierte er einst, "von einer Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit, der Ruhe, ohne beunruhigende und sich aufdrängende Gegenstände, von einer Kunst, die für jeden Geistesarbeiter, für den Geschäftsmann so gut wie für den Literaten ein Beruhigungsmittel ist, eine Erholung für das Gehirn, so etwas wie ein guter Lehnstuhl, in dem man sich von physischen Anstrengungen erholen kann". Dies ist ihm zweifelsohne gelungen.

Bei Bonnard hingegen kann von Erholung keine Rede sein. Seine Kompositionen sind verwirrend und bieten dem Blick keinen festen Ruhepunkt. "Während Matisse’ Kunst durch ihre visuelle Klarheit und Stringenz den Betrachter sofort für sich einnimmt, deshalb aber auch stets Gefahr läuft, durchschaubar und langweilig zu werden", schreibt Kurator Felix Krämer im Ausstellungskatalog, "besteht bei Bonnard das Risiko, den Betrachter mit der Komplexität der Struktur -seiner Bilder zu überfordern …" Doch wer sich die Zeit nimmt, genauer hinzusehen, entdeckt in Pierre Bonnards Bildern eine anspruchsvolle Malerei, die ihre Geheimnisse nicht sofort preisgibt, jedoch umso nachhaltiger beeindruckt.

Matisse – Bonnard
„Es lebe die Malerei!“
Anhand von etwa 100 Gemälden, Plastiken und Zeichnungen eröffnet die Schau einen Dialog zwischen den beiden Künstlern und bietet damit neue Perspektiven auf die Entwicklung der europäischen Avantgarde vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges
Städel-Museum ,  Frankfurt am Main
Matisse auf einer Fotografie von Carl van Vechten
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