Bildhauerin Louise Nevelson

Die Kunst-Diva

Lange stand sie im Schatten berühmter Kollegen. Der späte Durchbruch gelang Louise Nevelson mit mächtigen Assemblagen aus Fundstücken, die noch heute beeindrucken.
Die Kunst-Diva

Louise Nevelson: "Total - Totality - All", 1959 - 1964

Die Karriere von Louise Nevelson (1899 bis 1988) befand sich gerade in rasantem Steigflug, als das Stockholmer Moderna Museet 1973 die US-Amerikanerin erstmals mit einer Einzelschau feierte. Da war die Bildhauerin mit ihren 73 Jahren beileibe kein junges Talent mehr.

Von der Kritik zwar hochgelobt, stand Nevelson zuvor viele Jahre im Schatten berühmter Kollegen und Weggefährten wie Alexander Calder oder Alberto Giacometti. Tatsächlich arbeitete sie bis Mitte der Fünfziger in einer kubistisch-abstrakten Formensprache. Erst dann schuf sie ihre unverwechselbaren Assemblagen aus hölzernen Fundstücken. Eines dieser imposanten Werke, nämlich "Total – Totality – All" (1959–1964), gelangte damals in die Sammlung des schwedischen Museums. Heute bildet die gut zweieinhalb Meter hohe und über vier Meter lange Konstruktion den Höhepunkt der aktuellen Ausstellung.

Noch immer beeindruckt diese schwarz gefasste Mauer aus Kisten, Möbelfragmenten und anderen Holzstücken. Die Methode, geometrische Volumina additiv zueinander zu setzen, verrät sicherlich den Geist des Kubismus. Gleichzeitig erinnert die stabile Blockhaftigkeit an die Kunst präkolumbianischer Völker Mittel- und Südamerikas. Das Interesse daran nährte eine enge Freundschaft zwischen Nevelson und dem mexikanischen Paar Frida Kahlo und Diego Rivera während deren New Yorker Zeit. Für Rivera arbeitete sie 1933 an den Wandgemälden der Rockefeller Plaza mit. Den beiden wird eine Affäre nachgesagt, durchaus plausibel, hatte der Mexikaner doch eine Schwäche für schöne Frauen. Und das war Nevelson ohne Zweifel.

Bis ans Ende ihres Lebens blieb sie ihrem exzentrischen Stil treu

Auf unzähligen Porträts von Fotografen wie Cecil Beaton bis Richard Avedon begegnet uns eine majestätische Erscheinung: dramatische Kunstwimpern, mondäne Kopftücher, gemusterte Wallgewänder und Pelze. Bis ans Ende ihres Lebens blieb sie diesem exzentrischen Stil treu. In Stockholm werden nun 20 ihrer Werke gezeigt, neben seltenen Collagen und Reliefbildern eine weitere große Setzung namens "The Golden Pearl" (1962). Auch hier vereinheitlichte die Künstlerin die Einzelteile der Assemblagen mit einem monochromen Farbüberzug – eher untypisch in sakral strahlendem Gold.

Kuratorin Jo Widoff weist darauf hin, dass Nevelson auch mit dem sonst dominierenden Schwarz oder Weiß metaphysische Aussagen zur Dualität der Natur erzielen wollte. Überdies sei sie trotz ihrer so rational und formbewusst wirkenden Arbeiten eine spirituelle Person gewesen, auch aufgrund ihrer Herkunft aus einer tief religiösen, ukrainisch-jüdischen Emigrantenfamilie. Auf der Höhe ihres Ruhms wird sie mit der Gestaltung der Kapelle eines Kirchenneubaus in Midtown Manhattan beauftragt. Zeitgleich arbeitet sie 1977 weiter südlich an einer Platzgestaltung mit sieben Stahlskulpturen. Ein Jahr später wird er in "Louise Nevelson Plaza" umbenannt – eine für lebende Künstler bis dahin unerhörte Ehre.

Louise Nevelson
Überblicksschau zum facettenreichen Werk der US-amerikanische Malerin und Bildhauerin (1899–1988), die mit großen abstrakten, monochromen Holz-Collagen bekannt wurde
Moderna Museet ,  Stockholm