Pieter Bruegel in Wien

In Boschs Fußstapfen

Schlechtes Benehmen und mangelnde Contenance sind auf den Schöpfungen von Pieter Bruegel keine Seltenheit. Durch die wundersamen Bildwelten, die das bäuerliche Leben in Zeiten von Inquisition und sozialen Unruhen thematisieren, wird dem Betrachter der moralische Spiegel entgegenhalten. Etwa 100 Werke geben in Wien einen umfassenden Einblick in das Schaffen des niederländischen Malers und Zeichners.
In Boschs Fußstapfen

Pieter Bruegel d. Ä.: "Christi Höllenfahrt", 1561, Feder in Braun

Hatte die Kunstwelt 1565 schon ähnliche Probleme wie heute? Auf der Zeichnung sieht man jedenfalls einen etwas grantigen, zerzausten Künstler beim Malen. Über seine Schulter blickt versonnen ein Mann mit runder Brille, den Mund leicht geöffnet, gierig, möchte man fast sagen, die Hand bereits freudig an den Geldbeutel am Gürtel gelegt. Die Brille war damals nicht nur Sehhilfe, sondern auch ein Zeichen für wenig Weitblick.

"Er sieht nicht den intellektuellen Wert des Bildes, sondern nur den finanziellen Hintergrund", interpretiert Eva Michel von der Albertina dieses außergewöhnliche Blatt eines außergewöhnlichen Zeichners. Denn Schöpfer dieser "unglaublichen Kritik" war der Niederländer Pieter Bruegel der Ältere (1525/30 bis1569), bei Weitem nicht nur der "Bauern-Bruegel", wie er wegen seiner teils deftigen Gemälde gern genannt wird, sondern auch einer der bedeutendsten Zeichner des 16. Jahrhunderts. Einer, der in seiner sarkastischen Sozialkritik in der Nachfolge von Hieronymus Bosch (um 1450 bis 1516) stand.

Jubiläumsausstellung zum 450. Todestag

2019 jährt sich zum 450. Mal der Todestag Bruegels. Die Albertina in Wien prescht mit einer ersten Jubiläumsausstellung zur Grafik schon jetzt voraus. Im Herbst 2018 startet dann die große Gemälde-Retrospektive im Kunsthistorischen Museum – sowieso Tempel aller Bruegel-Verehrer, in dem zwölf seiner knapp über 40 erhaltenen Tafeln zu finden sind. Auch Zeichnungen des Künstlers sind nicht viele erhalten, 60 insgesamt, sechs davon besitzt die Albertina, darunter auch die Darstellung eines Malers mit seinem Kunden.

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Die Vorbereitung der Ausstellung war begleitet von intensiver wissenschaftlicher Erforschung des albertina-Bestands, der neben den Zeichnungen das gesamte druckgrafische Werk Bruegels beherbergt. Kuratorin Michel fand über 100 "neue" Bruegel-Blätter in den großformatigen Folianten, den "Klebebänden", in denen die Kupferstiche des 16. Jahrhunderts gelagert wurden. Neuzuschreibungen konnte Michel keine vornehmen, aber sie entdeckte verschiedene Druckzustände, teils auch Einzeldrucke.

Bruegel: Erneuerer der Landschaftsdarstellung

Die Ausstellung selbst konzentriert sich auf 100 Blätter. Vor allem Bruegels Rolle als Erneuerer der Landschaftsdarstellung sowie seine Verankerung in der Kunstgeschichte waren Michel bei der Auswahl ein Anliegen. Denn: "So einzigartig er als großer Moralist ist – er kam nicht aus dem Nichts." Seine Nähe zu Bosch vor allem war so frappant, dass sie bis heute für Verwirrung sorgt: So wurde bei der Albertina 2016 angefragt, warum das Haus denn eine Bruegel-Zeichnung zur Bosch-Ausstellung in den Prado schicke? Dies bezog sich auf die um 1500 entstandene Darstellung Der Baummensch, die nachträglich falsch mit "Bruegel" signiert worden war. Das Werk ist aber eindeutig von Bosch. Und wird zum Vergleich jetzt auch in der Wiener Bruegel-Schau hängen.

Bruegel d.Ä. – Das Zeichnen der Welt
Etwa 100 Werke geben einen umfassenden Einblick in das Schaffen des niederländischen Malers und Zeichners (1525/30–1569), der bereits zu Lebzeiten hoch geschätzt wurde
Albertina ,  Wien
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