Georges Adéagbo in Hamburg

Der entdeckte Entdecker

Aus dem westafrikanischen Benin über Venedig nach Kassel: Märchenhaft mutet die Geschichte des Künstlers Georges Adéagbo an. Seine aus gefundenen Objekten assemblierten Installationen schuf er eigentlich nicht für die Augen der Öffentlichkeit. Doch dann entdeckte ihn ein französischer Kurator – rein zufällig. Eine Schau in Hamburg präsentiert nun die vielschichtigen Materialcollagen von Adéagbo.
Der entdeckte Entdecker

Georges Adéagbo: "Global Imaginations", 2015, Installationsansicht, Museum De Lakenhal and De Meelfabriek

Seine Karriere verdankt er dem Irrtum eines Taxifahrers. Der sollte den französischen Kurator Jean-Michel Rousset im westafrikanischen Benin eigentlich zu dem Maler Zinsou bringen, landete aber aus Versehen auf dem Hof von Georges Adéagbo – und damit mitten in einer seiner Installationen: Kleider, beschriftete Zettel, geschnitzte Masken, aber auch europäische Bücher, Zeitschriften sowie zahlreiche andere Fundstücke lagen dort zu einem beeindruckenden Ensemble ausgebreitet – eine wunderliche, fantasieanregende Inszenierung voller Kontraste, unerwarteter Bezüge, Witz und Überraschungen.

Eine rasante Künstlerrkarriere

Das geschah 1993, und seitdem ging es Schlag auf Schlag: Adéagbo wurde zu internationalen Ausstellungen eingeladen, erhielt 1999 als erster afrikanischer Künstler eine Auszeichnung der Kunstbiennale in Venedig und war 2002 auf der documenta in Kassel vertreten.

"Die Kunst macht den Künstler", nicht umgekehrt. Davon ist der heute 75-jährige Autodidakt, der als junger Mann eine Zeit lang in Frankreich Jura studierte, überzeugt. Seine Arbeitsweise hat er seit seiner "Entdeckung" wenig geändert. Noch immer sammelt Adéagbo in seinem Heimatort Cotonou am Strand oder auf Märkten Objekte. Er lässt aber auch nach Vorlagen aus Büchern, die ihm wichtig sind, Bilder malen oder Figuren schnitzen.

Kunst von der Straße

Während seiner regelmäßigen Europa-Besuche stöbert er in Trödelläden, Antiquariaten oder klaubt auf der Straße zusammen, was ihm interessant erscheint: ein weggeworfener Schnuller oder ein verlorenes Fahrradschloss. Vieles weckt die Neugier des Afrikaners, für den unsere Kultur mindestens so exotisch erscheint wie die seines Geburtslandes für uns. In raumfüllenden erzählerischen Installationen, die meist aus mehreren Hundert, oft thematisch zusammengestellten Einzelobjekten bestehen, vereint er all diese Stücke zu einer Art kulturgeschichtlichem Puzzle.

Mit diesen Werken gelingt es ihm, "die Komplexität kultureller Identität anschaulich werden zu lassen", befand die Jury des mit 20 000 Euro dotierten Kunstpreis Finkenwerder, der dieses Jahr an Adéagbo geht. Anlass genug für das Kunsthaus Hamburg, dem Mann in seiner "zweiten Heimatstadt" – der Künstler verbringt seit Langem jährlich mehrere Monate in Hamburg – eine Ausstellung zu widmen. Angekündigt ist ein Soloauftritt, der einen "umfangreichen Einblick" in die fesselnde Arbeit des Preisträgers bietet.

Georges Adéagbo
Anlässlich des Finkenwerder Kunstpreises ist zum ersten Mal im institutionellen Rahmen die Arbeit des in Benin geborenen Installationskünstlers (*1942) in seiner „zweiten“ Heimatstadt Hamburg zu sehen
Kunsthaus ,  Hamburg
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