Diego Stocco
Klangkunst
DER KLANG DER BÄUME
Herr Stocco, in ihrer aktuellen Arbeit "Music from a tree" machen sie einen Baum zum Musikinstrument. Wie kommen Ihnen die Ideen zu solch außergewöhnlichen Projekten?
Diego Stocco: Der Ausgangspunkt meiner Arbeit ist die Annahme, dass es Klänge in Gegenständen gibt. In meinen Experimenten bemühe ich mich, diese Klänge aus den Objekten herauszuholen, sie auf ihre Brauchbarkeit zu überprüfen und sinnvoll anzuordnen. Dabei bemühe ich mich um einen Zugang zu ganz alltäglichen Gegenständen aus einer anderen Perspektive: Niemand denkt, wenn er einen Baum sieht, intuitiv an ein Musikstück. Auch ich kann vorher nie wissen, was für Klänge sich in bestimmten Objekten verbergen – das macht die Arbeit für mich so spannend. Man könnte sagen: Es geht zuerst um die Entdeckung der Klänge, danach um ihre Anordnung zu einem Musikstück.
Glauben Sie, dass es Klänge in allen Gegenständen gibt?
Ja, allerdings kann ich mir nicht alle nutzbar machen. Jedes Material kann vibrieren und diese Vibration ist ein Klang, eine Frequenz. Bei manchen herkömmlichen Instrumenten ist das sehr offensichtlich, man braucht sich nur den Klangkörper einer Gitarre anzuschauen. Bei einem Baum oder Sand ist es weit weniger offensichtlich, aber trotzdem stecken auch in ihnen Vibrationen und Klänge.
Ihre Arbeiten erinnern an Projekte von John Cage und der Fluxus-Bewegung. Würden Sie sagen, dass Sie davon beeinflusst sind?
John Cage ist definitiv ein Meister, wenn es um klangliche Innovationen und das Experimentieren mit Musik geht. Ich schätze ihn und auch die Arbeit einiger anderer Künstler aus der Bewegung. Ich sehe allerdings keinen direkten, geradlinigen Einfluss auf mich. Was ich selbstverständlich mit ihm teile, ist die Neugierde und der Geist, etwas Neues auszuprobieren, und dabei etwas zu schaffen, was es noch nicht gibt. In dieser Hinsicht hat er mich sicherlich beeinflusst und ermutigt.
Sie produzieren außergewöhnliche Klänge und dokumentieren sie mit Videos. Würden Sie sich eher als Künstler oder als Musiker definieren – und gibt es dazwischen überhaupt eine Grenze?
Ich glaube die Grenzen zwischen diesen beiden Kategorien verschwimmen heutzutage. In der Vergangenheit war ein Musiker ein Mensch, der vor Publikum mit einem Instrument oder seiner Stimme aufgetreten ist. Ein Künstler hat Gemälde oder Skulpturen hergestellt. Heute ist das anders: Künstler greifen auf auditive, Musiker auf visuelle Effekte zurück. Außerdem haben sich dank moderner Technologien neue Bereiche geöffnet. Manche Menschen produzieren Musik durch Anordnung von elektronischen Klängen an einem Computer - ob es sich dabei nun um Kunst oder um Musik handelt, ist schwer zu sagen, aber für mich letzten Endes auch nicht wichtig. Ich wurde schon als Musiker, als Künstler, als Sound-Künstler und sogar als Öko-Künstler bezeichnet. Mir geht es aber überwiegend um die Kreativität – man kann mich also gerne einen "creative guy" nennen.

