Expressionistische Utopien in Berlin

Kosmische Gefühle

Kristalline Glasbauten auf Leinwand, farbenreiche Innenraumentwürfe und utopische Landschaften – mit seinen malerischen Fantasmen zählt Wenzel Hablik zu den wichtigsten Vertretern der expressionistischen Avantgardearchitektur. Eine Schau in Berlin zeigt nun Gemälde und Zeichnungen des Malers aus Itzehoe.
Kosmische Gefühle

Wenzel Hablik: "Freitragende Kuppel", 1919, Öl auf Leinwand, 64,9 x 50 cm

Wie werden die Städte der Zukunft aussehen? Der ursprünglich aus Böhmen stammende Künstler und Gestalter Wenzel Hablik (1881 bis1934) hatte da so seine Ideen. 1908 skizzierte er auf einem Blatt die später berühmt gewordene Vision einer Luftkolonie: eine kegelförmige, akribisch beschriftete Siedlung, die, von einer Vielzahl verschieden großer Propeller getrieben, in der Höhe schwebt. Wenig später notierte er in seinem Tagebuch, dass er davon träume, "Einsiedlerwohnungen auf hohen Bergen (Wohnung des zukünf-tigen Menschen)" zu entwerfen.

Faszination für kristalline Formen

Tatsächlich gehörte es schon während seiner Wiener Studienzeit zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, mit dem Stift auf Papier imaginäre "Schlösser" zu bauen und "Berg auf Berge" zu türmen. Auch wenn seine Kommilitonen an der Kunstgewerbeschule über seine fantastische Passion witzelten, blieb er dabei: "Wenn ich ein Schloss male, so schwebe ich in seligen Gefilden und es klebt kein Schweiß an diesen Strichen." Hablik besaß seit seiner Kindheit eine Sammlung von Kristallen, Muscheln und Schneckenhäusern, die er beständig erweiterte. Er war fasziniert von kristallinen Formen in der Natur und suchte sie für die Kunst zu nutzen.

Seine Architekturvisionen stehen im Mittelpunkt der ersten umfassenden Hablik-Einzelausstellung in Berlin, die auch zeigen will, wie weitreichend der Gestaltungswille dieses Künstlers war. Hablik entwarf Möbel, Bestecke, Notgeldscheine, Tapeten, Inneneinrichtungen und produzierte auch Keramik. Gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth (1879 bis 1960) betrieb er Hablik-Lindemann – eine Werkstatt für Handwebereien, deren Textilien in vielen wichtigen Ausstellungen und Messen der Zeit präsentiert wurden.

"Hablik war kein einsamer Provinzspinner"

Auch wenn er der Enge seiner schleswig-holsteinischen Heimatstadt Itzehoe – wo er ab 1907 bis zu seinem Tod lebte und arbeitete – zeitweise nur durch Reisen zu entfliehen vermochte, war Hablik kein einsamer Provinzspinner. Vielmehr stand er etwa als Teil der Briefgemeinschaft "Gläserne Kette" mit anderen Erneuerern wie Bruno Taut, Hans Scharoun oder Walter Gropius in regem produktiven Austausch. 1916 trat er dem Deutschen Werkbund bei.

Dass, im Gegensatz zu seinen Mitstreitern, nur recht wenige Hablik-Entwürfe den Sprung in die Wirklichkeit der Gebäude und Gegenstände geschafft haben, schmälert seinen Beitrag zur Moderne nicht. Als einer der Urväter einer futuristischen Idee von Stadt reicht sein Einfluss von den Metabolisten der Sechziger bis hin zu Tomás Saracenos Cloud Cities.

Wenzel Hablik – Expressionistische Utopien
Die Ausstellung zeigt die expressionistischen Architekturvisionen sowie die Rekonstruktion eines Raumkonzepts, Malerei und Design des deutschen Malers und Kunsthandwerkers (1881–1934)
Martin-Gropius-Bau ,  Berlin
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