Interview mit Boris Groys

Zurück in die Zukunft

Ewige Jugend und das All für alle – das waren die Forderungen der russischen "Kosmisten", denen im Berliner Haus der Kulturen der Welt eine Ausstellung gewidmet ist. Ein Gespräch mit Kurator Boris Groys über Malewitschs Architektur-Visionen, das wahre Wesen der Utopie und ein Leben in der sowjetischen Belle Epoque.
Zurück in die Zukunft

Gustav Klutsis (1895 – 1938): "Vertical Construction", 1921, Fotografie

art: Während in der Bibel für die Länge des menschlichen Lebens eine maximale Dauer von 120 Jahren empfohlen wird, forderte ihr Kollege Bazon Brock in den Siebzigern die Abschaffung des Todes. Was ist Ihre Meinung zum ewigen Leben?

Boris Groys: Ich bin mit Bazon einverstanden.

Die von Ihnen mitkuratierte Ausstellung zum russischen Kosmismus trägt denn auch den Titel "Art without Death". Aber kann es Kunst ohne den Tod überhaupt geben – hätte es dann noch Sinn, Kunst zu machen?

Nein, sicherlich nicht. Allerdings würde man dann selbst zum Kunstwerk werden. Schon Nietzsche hat gesagt, es sei besser, ein Kunstwerk zu sein, als ein Künstler. Die Immortalität, von der in der Ausstellung die Rede ist, ist eine, die mit technologischen Mitteln hergestellt wird.

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Es ist keine ontologische, keine wirkliche Immortalität, die sozusagen von der Natur her gegeben werden würde. Sie ist ein Produkt der technologischen Entwicklung. Aber nicht im Sinne eines Fortschritts, der alle vorherigen Stadien zerstört und abschafft, die überwunden werden, sondern nach musealem Vorbild im Sinne einer Entwicklung, die im Gegenteil alle Stadien mit aufhebt, die sie durchschreitet. In einem Supermarkt werden alle Waren ausgetauscht, während im Museum das, was neu dazu kommt gemeinsam mit den Kunstwerken aus der Vergangenheit aufbewahrt wird. Unser Leben sieht wie ein Konsumreich aus, in dem wir nicht nur konsumieren, sondern auch konsumiert werden. Die Menschheit selbst ist ein Laden, von dem das Schicksal bedient wird. Und was die Kosmisten wollten, war, die Menschheit und die Welt in so etwas wie ein Museum und museale Objekte zu verwandeln.

Lenin definierte Kommunismus mal als "Sowjetmacht plus Elektrifizierung" – gibt es eine ähnlich prägnante Definition für den Kosmismus?

Ja, so etwas existiert. Diese Definition wurde von Alexsandr Svjatogor gegeben. Er forderte die Abschaffung der in der französischen Revolution errungenen bürgerlichen Rechte und die Einführung folgender Rechte: Recht auf jährliche Verjüngung, Immortalität und individuelle freie Bewegung im Kosmos.

Einerseits stand jemand wie Anatoli Lunatscharski, einstiger Volkskommissar für das Bildungswesen, den Ideen der Kosmisten nahe, andererseits fielen später auch viele Kosmisten den stalinistischen Säuberungen zum Opfer. In welcher Beziehung standen kosmistische und kommunistische Utopien zueinander?

Insofern beide im Christentum ihren Ursprung haben, lagen sie nah beieinander. Und beide haben versucht das Göttliche, die göttliche Gnade durch Technologie zu ersetzen. Es war der Versuch, das Christentum nicht in einem aufklärerisch-atheistischen Sinne zu verleugnen, sondern seine Verheißungen tatsächlich durch Technologie umzusetzen. Nur ging dem sowjetischen Staat die Forderung nach Immortalität und so weiter sicherlich zu weit. Das waren nicht die Verheißungen, die die Sowjetmacht zu erfüllen bereit war. So hat man dann irgendwann gegen Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre angefangen, die ganzen avantgardistischen Energien einzudämmen, auch durch die Säuberungen. Man machte Druck auf die utopische Linke, weil man nicht bereit war, so weit zu gehen.

Betrachtet man die Linke von heute, so gibt es dort neben einer neo-traditionalistischen Fraktion inzwischen auch auch junge, nach dem Untergang des real existierenden Sozialismus geborene Akteure, die sich selbst als "Star-Trek-Kommunisten" bezeichnen und zumindest gedanklich schon mit dem "WARP"-Antrieb auf dem Weg in eine bessere Zukunft sind. Können Sie sich erklären, wieso ein Teil der Jugend von heute wieder eine Faszination für diese Art Ideologie entwickelt?

Das neoliberale Modell ist ziemlich am Ende und präsentiert sich als Sackgasse. Es geht praktisch um das Wachstum der Ungleichheit, die die Gesellschaft zunehmend spaltet. Und dann fällt diese ganze Jugend, die eigentlich eine Mittelschichtjugend ist, in ein Loch. Die Bedingungen, unter denen die Mittelschicht lange existiert hat, sind mit der Existenz des Kommunismus eng verbunden. Die europäische und amerikanische Mittelschicht waren ein Effekt der antikommunistischen Abwehr. Die ganzen sozialdemokratischen Errungenschaften waren ein Versuch, zu Zeiten des Kalten Krieges Argumente gegen den Kommunismus zu finden. Mit dem Ende des Kommunismus konnte man dann auch auf den Sozialstaat und die Mittelschicht verzichten – und auf die staatliche Unterstützung der Künste.

Zurück in die Zukunft

Philosoph und Medientheoretiker: Boris Groys

Sie selbst hatten bis zu Ihrer Umsiedlung in den Westen 1981 die Gelegenheit, Erfahrungen mit dem real existierenden Sozialismus zu machen. Was würden Sie den jungen Leuten sagen, die sich heute für solche Ideologien begeistern?

Ich kann sie nur ermuntern. Meine Erfahrung in der Sowjetunion war eine glückliche. Ich habe meine Aktivitäten begonnen, nachdem der ganze Wahnsinn der stalinistischen Repression schon vorüber war. Gleichzeitig war noch keine Bewegung hin zum Kapitalismus – und der damit verbundene Druck – entstanden. Es war eine Existenz in der Schwerelosigkeit. Es gab keine Repression, aber auch keine Möglichkeit voranzukommen oder Geld zu machen. So hatte man das Gefühl einer freien Existenz. Das war wie in der Belle Epoque im Paris des 19. Jahrhunderts. Deswegen waren die Leute auch kulturell sehr aktiv, es gab viele interessante Filmemacher, Künstler und Schriftsteller. Das war eine gute Atmosphäre. Eigentlich ist Sozialismus ein gutes Mittel, um Stagnation zu verwalten. Nun hat man jetzt das Gefühl, dass wir in eine Epoche kommen, in der wir wieder beginnen zu stagnieren. Aber kapitalistische Stagnation ist nicht so gut. Sie tendiert dazu, feudalistisch zu werden. Die Zukunft des Kapitalismus sieht man dann, wenn man nach Abu Dhabi geht. Da ist mir die sowjetische Form der Stagnation lieber, das war eher so eine Mittelschicht-Stagnation.

Als Gegenentwurf zur Stagnation ist in der Vergangenheit der "Neue Mensch", oder, um den Titel eines von Ihnen herausgegebenen Buchs zu zitieren, gleich "Die neue Menschheit" beschworen worden. Wie wäre diese neue Menschheit zu charakterisieren?

Das ist die Menschheit der Stagnation, die Menschheit, die sich nicht ändert. Jede Utopie setzt das Ende der Geschichte voraus – und den Übergang zum Zustand der Ewigkeit. Das beginnt schon mit Platons Projekt des Philosophenstaates. Er basiert auf der Idee, aus dem Wechsel der Staatssysteme auszusteigen und zu einer Staatsform zu kommen, die ewig dauern kann. Zu Zeiten von Barack Obamas "Change"-Kampagne – "Yes, we can!" – habe ich meinen amerikanischen Studenten gesagt: "Change" ist das einzige, was wir können. Sie haben es damals nicht verstanden, sie verstehen es jetzt. Die wahre Utopie ist aber der Wechsel vom Wechseln zum Nicht-Wechseln. Das ist das Problem. Das wahre utopische Denken ist ein Denken des Endes. Eine Existenz unter der Bedingung, dass sich ab einem gewissen Zeitpunkt nichts mehr ändert. Dieser wurde religiös mit dem Zeitpunkt des Todes identifiziert. Der Mensch ist tot und wenn der Mensch tot ist, geht er entweder in die Hölle oder in den Himmel, aber dort ändert sich nichts mehr. Da ist eine gewisse Stabilität erreicht. Heute denkt man mehr über Vampire und Zombies nach, alles Formen der Existenz, die stabil bleiben und den historischen Wechsel überdauern und überwinden.

Wenn der Kosmist Konstantin Ziolkowski in einem Text von 1911 im Zusammenhang mit dem Sieg über den Weltraum über eine "neue Art von Geschöpfen" schreibt, steht da im Hintergrund eine Art Übermensch Pate?

Ja und nein. Nein insofern, als dass der Übermensch der dionysische Mensch ist. Das ist der Mensch der strebt, der vom Willen zur Macht erfasst ist. Allerdings ist die Menschheit an die die Kosmisten, auch Ziolkowski, gedacht hatten, die christliche Menschheit. Die Menschheit, die bescheiden ist, eher passiv, die nicht besonders strebt. Da will die wahre Menschheit zur Ruhe kommen und in der Luft schweben, im Äther schweben. Da gibt es keinen Eroberungszwang, keinen Willen zur Macht.

Ist kosmistisches Gedankengut inzwischen Teil der russischen Alltagskultur geworden?

Will man das östliche vom westlichen Christentum unterscheiden, dann ist das östliche viel kosmischer. Und der einfache Weg, den Unterschied zwischen westlichem und russischem, sowjetischem Marxismus zu beschreiben, ist dieser: Im westlichen Marxismus ist der dialektische Materialismus Teil des historischen Materialismus, im sowjetischen ist es umgekehrt. Das heißt, das historische Geschehen ist eingeschrieben in das kosmische Geschehen. Nicht nur Lenin, sondern auch Stalin schreibt von der Revolution als einer kosmischen Flamme, die sich selbst entzündet – und auch löscht. Das Gefühl, dass die menschliche Existenz und die menschliche Geschichte in die kosmischen Prozesse eingeschrieben sind, ist für das östliche Christentum und generell für die russische kulturelle Tradition sehr typisch. Auch wenn die russischen Denker gegen Ende des 19. Jahrhunderts versucht haben, die russische Spiritualität philosophisch zu formulieren, wurde ihre Sprache mehr oder weniger kosmistisch.

Black Power
Damals Skandal, heute Meilenstein der Kunstgeschichte: Vor hundert Jahren zeigte Kasimir Malewitsch sein schwarzes Quadrat erstmals der Öffentlichkeit. Zum Jubiläum gratulieren zwei Ausstellungen

Was ist "extraterrestrischer Suprematismus"?

Keine Ahnung – wo haben Sie das denn gefunden?

In einem Text über den kosmistischen Einfluss auf Malewitsch...

Das habe ich mir schon gedacht. Tatsächlich hatte Malewitsch so genannte "Planiten" geplant: Häuser, die fähig wären, sich frei im Weltraum zu bewegen. Es gab sogar die Idee, dass sich die einzelnen Wohnungen sich von den Gebäuden lösen und sowohl auf der Erde als auch frei im Raum bewegen könnten. Davon gibt es viele Pläne, wie Malewitsch sich das vorgestellt hat. Merkwürdigerweise sieht es ein wenig aus wie ein Schiff des "Imperiums" aus "Krieg der Sterne".

Sie haben den Teil der Ausstellung kuratiert, der Werke der russischen Avantgarde aus einer griechischen Privatsammlung versammelt. Lässt sich in diesen Werken ein Einfluss kosmistischer Gedanken nachweisen?

Auf jeden Fall. Wenn man die Zwanziger Jahre generell betrachtet, erkennt man eine Wende vom Abstrakten zum Projektiven, schon angelegt bei El Lissitzky. Da gibt es auf der einen Seite klassischen Konstruktivismus, Abstraktion und Suprematismus. Auf der anderen Seite war die Wende zum projektiven Denken von Anfang an sichtbar - man beginnt mit dem schwarzen Quadrat und gelangt relativ schnell zu etwas, das uns heute wahrscheinlich als eine Art Science-Fiction-Imagination erscheint. Damals haben die Leute sich gefragt, wie man aus diesen abstrakten Elementen so etwas wie eine neue Realität bauen kann.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie sehen, wie einige dieser historischen Utopien jetzt ausgerechnet von den Pionieren aus dem Silicon Valley in Angriff genommen werden?

Das ist normal. Die Welt der Utopien ist nicht homogen. Wir haben futuristische Utopien, die einen totalen Bruch mit der Vergangenheit und einen Neuanfang darstellen. Die Kosmisten waren da anders, die wollten im Sinne eines – in den Worten Walter Benjamins – schwachen Messianismus zurück in die Vergangenheit, um frühere Generationen und ihre Träume wieder zum Leben zu erwecken. Was allerdings das Silicon Valley angeht ist es so, dass der pragmatische Kapitalismus unfähig ist, eine eigene Kultur hervorzubringen. Und nachdem er sich die feudale Kulturformen bereits angeeignet hat, eignet er sich jetzt eben die sozialistischen an. Die sozialistische Ästhetik wird ständig reproduziert, bis hin zur partizipativen Kunst. Und die Leute im Silicon Valley wollen auch unsterblich werden.

Wie erklären Sie das Interesse der jüngeren Künstlergeneration an den von Ihnen seit vielen Jahren recherchierten Themen?

Nach dem Ende des kalten Krieges gab es ein Gefühl, dass das ganze utopische Denken verschwunden ist und nur das Konkurrenzverhältnis bleibt. Jetzt merkt man, dass die Geschichte nicht eindimensional war. Das sowjetische Experiment hatte sehr viele Ebenen, die einfach historisch übersehen worden sind. Man wird merken, dass man aus der westlichen Perspektive nur die Fassade wahrgenommen hat, die von den offiziellen Ideologen angeboten wurde. Die Gesellschaft selbst war in ihren verschiedenen Strömungen sehr kompliziert. Ich habe während meiner Jugend jeden Sommer an einem Ort verbracht, an dem seit Ende des 19. Jahrhunderts russische Anthroposophen gelebt haben. Es gab den Bachtin-Kreis, ich habe noch das Archiv von Chlebnikow gesehen – generell haben im Russland jener Zeit all diese Avantgarden unterschwellig weitergelebt.

Sylvere Lotringer fragte einst William S. Burroughs, ob er auch persönlich in den Weltraum wolle, was dieser bejahte – insbesondere, wenn keine Aussicht auf Rückkehr bestünde. Wären auch Sie an einem Ticket in den Kosmos interessiert?

Nein. Ich bin kein aktiver Amerikaner, der mal in Mexiko lebt und mal in Tanger, wie Burroughs. Ich ziehe es vor, immer am gleichen Ort zu sitzen und sehe mich eher als passiven Beobachter des Weltgeschehens, der nicht gerne partizipiert. Vor allem bin ich nicht sportlich und ich denke, dafür muss man trainieren. Das hasse ich. Außerdem bin ich nicht bei Facebook und habe nicht einmal einen Führerschein. Ich gehe meistens zu Fuß – außer zum Zahnarzt.

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