Umstrittene Documenta-Performance

»Shame on us«

Nachdem die Documenta-Veranstaltung »Auschwitz on the Beach« nach zahlreichen Protesten abgesagt wurde, luden die Verantworlichen gestern zur Rechtfertigung. »Ja, er schäme sich«, meinte Autor Franco Berardi – aber nicht für seinen Vergleich, sondern dafür, dass er nicht in der Lage sei, etwas »gegen den Faschismus in Europa zu unternehmen«.
»Shame on us«

Der Philosoph und Autor Franco Berardi

Dies sei kein Akt der Zensur, sondern eine kollektive Entscheidung, betonte Paul B. Preciado, Kurator der Öffentlichen Programme der documenta 14, zu Beginn der Veranstaltung, die eine Rechtfertigung war. Eigentlich sollte an dieser Stelle eine Performance des Italieners Franco Berardi mit dem heiklen Titel "Auschwitz on the Beach“ stattfinden. "Auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer Konzentrationslager", hatte der Autor und Medienaktivist in seinem Ankündigungstext behauptet, "und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile das Zyklon B ersetzt hat." Die Empörung über den zweifelhaften Holocaust-Vergleich war riesig, das Event wurde abgesagt.

Nötiger Weckruf oder Geschmacklosigkeit?

Es sei um einen "Weckruf des Gewissens“, einen "Aufruf zu kollektivem Handeln“ gegangen, hatte documenta-Leiter Adam Szymczyk in einem reagierenden Statement betont, nicht darum, „den Holocaust zu relativieren“. Dass die Verantwortlichen das Ausmaß der Empörung offenbar nicht vorausgesehen haben, ist so erstaunlich, dass man eine gehörige Portion Naivität voraussetzen muss. Und tatsächlich erschienen die Ausführungen, die Berardi nun ersatzweise unter dem Titel "Shame on us“ vortrug, bei allem Respekt für seine hehren Motive nicht allzu reflektiert. Ja, er schäme sich, erklärte der Autor gleich zu Beginn seiner emphatisch vorgetragenen Rede. Aber nicht etwa für seinen hinkenden und von Vielen als geschmacklos empfundenen Vergleich, sondern dafür, dass er nicht in der Lage sei, etwas "gegen den Faschismus in Europa zu unternehmen“.

»Auschwitz on the Beach« abgesagt
Allein die Ankündigung der Aktion »relativiere den Holocaust«, hieß es von mehreren Seiten. Nach heftiger Kritik ist die umstrittene Performance zur documenta in ihrer bisherigen Form abgesagt worden

Faschismus sieht Berardi überall. Nicht nur in Europa, sondern auch in der gesamten westlichen Welt. Zum Beispiel in der „nie dagewesenen Gewalt“, mit der römische Polizisten am Morgen gegen 400 Immigranten vorgegangen seien. Oder darin, dass die italienische Regierung Libyen gedrängt habe, Flüchtlinge von der Küste fernzuhalten, was ein Massensterben in der Wüste zur Folge habe. „Der Grad von Rassismus, Gewalt, Faschismus, die überall in Europa wachsen, ist unberechenbar, ist unglaublich“, so Berardi. Grund dafür seien der Finanzkapitalismus und  die Tatsache, dass „wir nicht in der Lage sind, dem Phänomen der Migration zu begegnen“. Diese Unfähigkeit, so folgert der Autor, führe dazu, „dass wir uns auf eine Auslöschung zubewegen. Ich traue mich, dieses Wort zu benutzen.“

Das Gedicht zerriss Berardi

Ohnmacht führe fast immer zu Faschismus, so seine doch arg pauschalisierende Analyse. Wir führten, so Berardi, "einen Krieg gegen Millionen von Menschen, den wir nicht gewinnen können.“ Was wir derzeit erlebten sei eine zweifache Rache: "Die Rache der alten, machtlosen weißen Menschen auf dem Land in Amerika oder in Europa, die für Trump, den Brexit oder Orbán stimmen, um sich gegen den Finanzkapitalismus aufzulehnen. Und die Rache der kolonialisierten, unterdrückten Menschen gegen die weiße Rasse."

Deshalb habe er gemeinsam mit dem documenta-Team entschieden, "etwas absolut Schockierendes zu tun. Weil ich den Namen Ausschwitz benutzen wollte als Schutz gegen den Faschismus, der sich wieder ausbreitet. Gegen die Gewalt, gegen den Holocaust, der am Horizont aufglimmt."  Eine zweifelhafte Methode. Das muss auch Berardi schließlich eingesehen haben, der sein Gedicht theatralisch zerriss, weil es trotz guter Inhalte "nichts wert" sei, wenn es jemandem Leid verursache. 

Überzeugen mit geballter Faust

Adam Szymczyk hielt sich bedeckt. Er saß den gesamten Abend über stumm dabei. Das Publikum zeigte sich in der anschließenden Diskussion gespalten. Während einige Berardis Auschwitz-Vergleich verteidigten, da dieser ja nur habe wachrütteln und die herrschende Barbarei habe anprangern wollen, ärgerten andere sich über Berardis "verschwörerisches Weltbild“, die "Gleichsetzung von Auschwitz-Angehörigen mit afrikanischen Wirtschaftsflüchtlingen" und die "einseitige Schuldzuweisung an westliche Demokratien“.

Sie sei, sagte eine Dame, immer betroffen, "wenn jemand mich mit geballter Faust versucht, zu überzeugen“, und fand damit ein treffendes Bild für den wütenden, auch verbohrten Eindruck, den Franco Berardi an diesem Abend hinterlassen hat.

Documenta 14
So gigantisch, dass sie nur alle fünf Jahre stattfinden kann: Die Documenta in Kassel ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen zeitgenössischer Kunst. Hier finden Sie Bilder, Berichte und Highlights aus Kassel und Athen