Charles Pollock in Kaiserslautern

Der Schattenmann

Vergrübelte kalligrafische Werke und vibrierende Farbfelder: Nur ganz langsam entdeckt die Kunstwelt den älteren Bruder von Jackson Pollock. Dabei war der um zehn Jahre ältere Charles das große Vorbild des heute weltberühmten Action-Painters.
Der Schattenmann

Charles Pollock: "[Untitled] Fireworks", 1950, Gouache auf Papier, auf Karton montiert, 73,6 x 50,8 cm

Einmal gestand der junge Jackson Pollock einem Zeitungsreporter: "Ich möchte ein Künstler wie mein Bruder Charles werden.“ Das hat funktioniert. Mehr noch, heraus kam eine Überbietung. Das Verausgabungsgenie Jackson wurde mit seinen Tropfbildern Weltidol, der Rockstar des Action Painting, dessen früher Tod mit 44 Jahren, im Vollrausch, auf dem Fahrersitz eines Cabriolets, ins Bild passt. Der 1902, zehn Jahre früher geborene Vorbild-Bruder Charles dagegen starb friedlich in Paris. Mit 86 Jahren, nach einem erfüllten, eher biederen Leben. Er hinterließ mehrere hundert Werke und blieb, wenn man so will, ein Schattenmann. Erst langsam entdeckt ihn die Kunstwelt. Charles Pollock, ist sein Schicksal die eher unspektakuläre Biografie?

Das Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern jedenfalls zeigt jetzt als erstes Museum in Deutschland sein eigenständiges Schaffen. Vergrübelte kalligrafische Werke wie monumentale Gemälde, vibrierende Energieräume, in denen Form und Farbe sich gegenseitig aufladen. Farbfeldmalerei auf der Höhe seiner Zeit, irgendwo zwischen dem Deutsch-Amerikaner Hans Hofmann (1880 bis 1966), Eigenbrötler Clifford Still (1904 bis 1980) und dem französischen Fauvisten Henri Matisse (1869 bis 1954). Hauptleihgeber sind das Pariser Charles Pollock Archiv und die American Contemporary Art GALLERY in München, die beide Brüder vertritt – die Preise sind sehr unterschiedlich, versteht sich.  

"Pollock der Ältere. Meister der Farbe“, heißt der augenzwinkernd die Aufmerksamkeitsökonomie bewirtschaftende Titel der sehr schön gehängten Schau in der Pfalz. Er ist eine leicht hinkende Anspielung auf die populären Vater-Sohn-Verhältnisse bei den Cranachs, Holbeins, Brueghels. 80 Arbeiten aus der künstlerisch relevantesten Phase von Charles Pollock zwischen 1950 und 1969 sind in den wie durchgeistigt wirkenden Räumen ausgestellt. Ausgespart sind die sozialrealistischen Werke der Vorkriegszeit und das weniger charakteristische Spätwerk. Britta E. Buhlmann hält es, wie sie sagt, für "auch gut“, Betonung auf "auch“. Die vife mpk-Direktorin hat sich mittlerweile als Entdeckerin von Randexistenzen der amerikanischen Nachkriegskunst etabliert. 2010 zum Beispiel zeigte sie in ihrem Museum als erste in Europa die angesichts der männlichen Kollegen lange übersehenen konkreten Arbeiten der 1915 geborenen in Kuba geborenen US-Amerikanerin Carmen Herrera. Jetzt also den älteren Pollock, dem der jüngere den Rang ablief.

Jackson hatte Charles viel zu verdanken

Dabei hat Jackson Charles das meiste zu verdanken. Charles ist der älteste von fünf Brüdern. Die Eltern sind arme, aber am kulturellen Reichtum interessierte Farmer aus Denver, Colorado, gewesen, die es nach Cody in Wyoming verschlug, später nach Arizona und Kalifornien. Verbürgt sind Murmelspiele von Charles mit Buffalo Bill, kleine Kunstdiebstähle in der örtlichen Bibliothek. Ein Aufwachsen als zeichnendes Kind. Für seine Familie stand immer fest, dass er, Charles, das größte künstlerische Talent besitzt und ein bedeutender Maler werden würde. Für ihn, den späteren – unter anderem – Kalligraphie-Professor, war die Initiation, schreibt er in einem Brief, als er in einem verlassenen Schulblockhaus auf dem Fußboden „gefühlt tausend“ Bögen fand: Kanzleipapier mit handschriftlichen Übungen.

Fest steht, Charles Pollock wurde so etwas wie der Türöffner für Jackson, der als unsicherer Schulversager das Sorgenkind der Familie war. Er studierte erst am damaligen Otis Art Institut in Los Angeles, später bei Thomas Hart Benton, einem Hauptvertreter des sozialrealistischen Regionalstils, an der Art Students‘ League in New York. Dorthin holte er seinen labilen 17-jährigen Bruder Jackson nach, auch er dann ein Benton-Schüler, den der Stil seines Lehrmeisters inspiriert. Genau wie später den 1909 geborenen Sanford Pollock, der sich mit Nachnamen McCoy nannte. Charles war so etwas wie der Mentor der beiden anderen.

Mein liebster Feind
Wenn der Malerkollege zugleich der ärgste Rivale ist: Sebastian Smee erzählt von vier Malerfreundschaften, die geprägt waren von Wettbewerb und Hahnenkämpfen. Wie gingen Matisse und Picasso, Freud und Bacon oder Manet und Degas mit diesen Spannungen um?

Teilweise wohnte Jackson bei ihm und Frau Elisabeth. Auch danach ist rege Anteilnahme überliefert, wie ein Briefverkehr illustriert. "Ich hoffe, du lässt Deiner Kritik und Deinem Rat freien Lauf", schreibt Jackson dann. Charles antwortet mit brüderlichen Anfeuerungen.

Eine Zeitlang arbeiteten beide in staatlichen Künstlerprogrammen, die Präsident Roosevelt bei seiner New-Deal-Politik auflegte. Charles – ein Fan des Mexikaners Diego Rivera - wurde nach Zeitungsjobs unter anderem Supervisor der Abteilung Wandfresko und Grafik für die Works Progress Administration (WP). Seit Anfang der 1940er Jahre unterrichtete er als Kunstprofessor für Kalligrafie, Gravierkunst, Typografie und Gestaltung an der Michigan  State University. Lange verweilte Charles im Sozialen Realismus, derweil Jackson Pollock seinen Status als freischwebender "Jack the Dripper" etablierte.   

Wirklich weiter kam Charles Pollock, so der Eindruck, wenn er sich Auszeiten nahm, wie bei einem Wüstenaufenthalt in Arizona, oder Sabbatjahren in Mexiko und Europa, das er mit Hauptwohnsitzt Rom bereiste. 1971 zog er mit seiner Familie nach Paris. Seine zweite Frau, seine ehemalige Studentin Sylvia Winter, wurde dort künstlerische Leiterin eines Verlags.

Das früheste Werk der Ausstellung, Titel "Fireworks", ein vitales Geflecht aus Linien, Strichen, Punkten, entstand 1950. Richtig frei vom Gegenständlichen machte er sich aber erst als sein Bruder Jackson längst in Agonie verfallen war. Eine 1956 in einem mexikanischen Dorf am Rand des Chapala-Sees geschaffene Serie mit Tuschezeichnungen und Bildern, in "Chapala 5" etwa brachte er seine stilisierten Initialen unter, zeigt den Übergang zur reinen Farbfeldmalerei. Kurze Zeit später erfuhr er am Telefon, dass sein Bruder Jackson tödlich verunglückt ist.

Vom Tod des Bruders erschüttert

Für Jahre zog er sich daraufhin auf kleine Formate zurück. Serien wie "Black und Grey" entstanden, deren Farbpalette von Trauer wie verdüstert scheinen. Gleichzeitig reduzieren sich die Formen. Langsam erst gewinnt die Farbe dann das Übergewicht.  Aber auf einmal leuchtet es wie bei Matisse auf Charles Pollocks großformatigen Gemälden und zeichnerischen Capriccios, die im während seines Rom- und Europa-Aufenthaltes in den Sinn und auf die Leinwand kommen. Die Formen treten zurück. Wie befreit scheint der Maler zu sein. Auch von der Last des berühmten Bruders?

Höhepunkt der Schau jedenfalls ist das 1966 entstandene Großformat "ohne Titel" aus unregelmäßigen Streifen, das Altrosa, Blau, ein herbes Grün und die Farbe Aubergine zu einer irritierend harmonischen Kompostion zusammenbringt. Große Kunst. Wie schrieb sein Lehrer Thomas Hart Benton ihm: "In Bezug auf Deine klaren Fähigkeiten warst du die Nummer eins des Pollock-Clans."

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